Höxter "Man merkt, dass man nicht schwach ist"

Ulli Krieger trainiert eine Gruppe geistig behinderter Judoka / Prüfung zum weiß-gelben Gürtel im Sommer

VON SEBASTIAN BEUG
Die Judoka Benjamin (l.) und Thomas sind zwei von 16 in der Truppe von Ulli Krieger. Benjamin findet, Thomas sei ein guter Gegner. - © FOTOS: SEBASTIAN BEUG
Die Judoka Benjamin (l.) und Thomas sind zwei von 16 in der Truppe von Ulli Krieger. Benjamin findet, Thomas sei ein guter Gegner. | © FOTOS: SEBASTIAN BEUG

Höxter. Detlefs Rücken klatscht auf den Mattenboden. Sein Trainer Ulli Krieger liegt halb auf ihm, die Männer haken ineinander. Beide Männer arbeiten im selben Unternehmen, Ulli ist Pädagoge, Detlef geistig behindert, und gemeinsam kämpfen sie Judo.

"Ich hätte nicht gedacht, dass die Gruppe so eine Resonanz findet", sagt Ulli Krieger. Seit vier Jahrzehnten ist Krieger Judoka, kämpfte in der Bundesliga und in internationalen Wettkämpfen, betreut Jugendmannschaften. Seit vergangenem Sommer trainiert er 16 geistig behinderte Judoka.

Bis auf zwei Männer aus Holzminden kannte er alle seine Schützlinge bereits: Sie arbeiten in den Ottbergener Behindertenwerkstatt, wo Krieger Pädagoge ist. Während der kantige Hüne berichtet, dass er in München seine Ausbildung zum Budopädagogen, einem Erzieher, der seine Ziele mit asiatischer Kampf- und Lebenskunst zu erreichen versucht, absolvierte, begrüßen sich im Judoraum die Judoka: Handflächen vor der Brust aneinanderpressen, Kopf senken, verneigen.

Das Judotraining für die geistig Behinderten organisiert Krieger unabhängig von seiner Arbeit. "Mir war wichtig, dass das über den HLC läuft", erklärt Krieger. Eine gewöhnliche Freizeitgestaltung steht eben auch den Behinderten zu. "Für mich ist die Arbeit mit ihnen Normalität, ich mache da keinen Unterschied", sagt der Judotrainer und fügt hinzu: "Das Schönste an diesem Training ist die Freude." Bei keinem Training lache er so viel.

Allerdings gibt Krieger zu, dass die Arbeit mit den Behinderten auch ihre Probleme mit sich bringe. "Die meisten haben wenig Sport gemacht, ihnen fehlen motorischen Fähigkeiten", sagt Krieger. Judo sei zugleich ein komplexer Sport und ein einfacher Sport: "Man kann schnell anfangen zu rammeln." Wichtig sei im Judo das Fallen, so Krieger. "Wer fallen kann, tut sich nicht weh", sagt er, fällt und rollt sich ab.

"Man merkt, dass man nicht schwach ist, dass man Haltegriffe kennt", sagt Judoka Thomas. Schon 1994 begann er in Brakel mit dem Judo. "Selbstverteidigung, Bewegung, Technik", lobt Thomas die Vorzüge des asiatischen Kampfsports. Zudem freue er sich, beim Training Freunde zu treffen.

Die Judoka sind zwischen 19 und 62 Jahre alt. Im Sommer möchten sie mit Krieger ihre Prüfung zum weiß-gelben Gürtel absolvieren. Diese werde den Regularien des Landessportbundes unterliegen, beim Behindertensportverband sind die Judoka noch nicht angemeldet.

Bis dahin werden weiterhin ihre Rücken auf die Judomatten klatschen, ihre Arme verhakt und die Köpfe zur Begrüßung gesenkt sein.

Im Kampf zwischen Detlef und Ulli Krieger hat übrigens der Trainer aufgegeben.

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