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Kreis Höxter Armut ist auf dem Vormarsch

Immer mehr Menschen brauchen Hilfe / Ältere besonders betroffen / Schulabschluss schützt vor Abstieg

VON RALF T. MISCHER
17.10.2012 | Stand 16.10.2012, 20:02 Uhr
Wilma Koch von der Initiative "Tischlein deck dich" räumt die Bananen in die Kiste. Zuvor hat sie geprüft, ob verdorbene dabei sind, die dann aussortiert werden. ARCHIV - © FOTO: LENNART KRAUSE
Wilma Koch von der Initiative "Tischlein deck dich" räumt die Bananen in die Kiste. Zuvor hat sie geprüft, ob verdorbene dabei sind, die dann aussortiert werden. ARCHIV | © FOTO: LENNART KRAUSE

Kreis Höxter. Immer mehr Menschen im Kreis rutschen unter die Armutsgrenze: Sie können von dem Geld, das ihnen zur Verfügung steht, nicht mehr leben. Betroffen ist jede Altersgruppe. Ehrenamtliche in der Region sorgen in verschiedenen Einrichtungen dafür, dass sie das Nötigste zum Leben bekommen. Zum Welttag zur Bekämpfung der Armut haben wir mit ihnen gesprochen.

Eine warme Mahlzeit ist nicht mehr selbstverständlich.

Montag, 12 Uhr, Innenhof der Marienkirche. Hier gibt es Essen. Durchschnittlich 20 Menschen nehmen das Angebot des Höxteraner Mittagstisches in Anspruch. "Tendenz steigend", sagt Mitarbeiter Marcel Volk. Beim Mittagstisch bekommt jeder eine warme Mahlzeit für den symbolischen Preis von einem Euro. Montags und donnerstags kommen Kinder, alleinerziehende Erwachsene, Familien und ältere Menschen vorbei. Zehn Ehrenamtliche kümmern sich darum, dass die Teller beim Mittagstisch voll sind. Das Essen wird durch Spenden finanziert.

Information

Tag gegen Armut

1992 hat die UNO den 17. Oktober zum Welttag für die Beseitigung der Armut erklärt.

Ziel des Tages ist es, den notleidenden und ausgegrenzten Menschen Gehör zu verschaffen und mit ihnen ins Gesprächzu kommen.(rtm)

Auch Ursula Kahle von "Tischlein deck dich" in Brakel bestätigt, dass die Zahl derer, die Hilfe brauchen, steigt. "Besonders ältere Menschen schaffen es nicht mehr, über die Runden zu kommen. Bei vielen reicht die Rente einfach nicht mehr." sagt sie. Besonders häufig seien alleinstehende ältere Frauen betroffen.

"Tischlein deck dich" bietet Bedürftigen Lebensmittel an, die für einen symbolischen kleinen Preis abgegeben werden. "Seit dem Jahr 2005 arbeiten wir mit einem unverwüstlichem Gottvertrauen", sagt Kahle. Lebensmittelspender sind Bäcker, Supermärkte und Landwirte aus der Region. Noch reichen die Nahrungsmittelspenden aus: 70 Menschen versorgen sich mit Hilfe des Angebotes der Brakeler Hilfsorganisation. Alle 14 Tage werden die Lebensmittel verteilt - auch hier gegen die Zahlung eines symbolischen Obolus.

"Viele Menschen wissen aber gar nicht mehr, was sie mit einer Kartoffel oder einer Möhre anfangen sollen", sagt Kahle. Deshalb bietet "Tischlein deck dich" auch Kochkurse an.

Kahle schätzt ohnehin, dass die Dunkelziffer derer, die Hilfe bräuchten, höher ist. "Viele, besonders die älteren Menschen, haben einfach Hemmungen, zur Lebensmittelausgabe zu kommen, manchen bringen wir die Tüten deshalb sogar nach Hause."

Ein Faktor, der das Armutsrisiko erhöht, ist ein fehlender Schulabschluss. Da steht der Kreis Höxter im Vergleich mit anderen Kreisen in Ostwestfalen-Lippe gut da. Im Schuljahr 2010/11 haben im Kreis 4,3 Prozent aller Schüler keinen Abschluss gemacht. Damit liegt das Kulturland im guten Mittelfeld, die rote Laterne hat der Kreis Minden-Lübbecke. Dort machten 6 Prozent aller Schulabgänger keinen Abschluss. Den besten Schnitt erzielt indes die kreisfreie Stadt Bielefeld. Dort haben nur 3,9 Prozent des Jahrganges die Schule ohne Abschluss verlassen.

"Bildung ist der Schlüssel zur Bekämpfung der Armut", sagt Gerd Handermann, Fachbereichsleiter für Familie, Jugend, Soziales und Schule beim Kreis Höxter. Er führt das gute Abschneiden des Kreises unter anderem darauf zurück, dass die Übergänge von den verschiedenen Schulformen zur nächsten "sehr gut funktionieren". Auch die hohe Beteiligung am Bildungs- und Teilhabe-Paket sei ein Grund für die vorzeigbare Bilanz des Kreises.

3.600 Schüler haben im Rahmen des Paketes, das die Bundesregierung anbietet, Unterstützung für Nachhilfe, Vereinsmitgliedschaften oder Schulessen beantragt. Handermann: "Immer mehr Familien können sich das Geld für das Essen in der Schule nicht mehr leisten", sagt Handermann.

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