0
Der Revisor alias Dauerstudent Alexander Chlestakow (Liv Leibmann) findet Gefallen an der Postmeisterin Wanda Küssmich (Lisa Klangwart). - © FOTOS: SEBASTIAN BEUG
Der Revisor alias Dauerstudent Alexander Chlestakow (Liv Leibmann) findet Gefallen an der Postmeisterin Wanda Küssmich (Lisa Klangwart). | © FOTOS: SEBASTIAN BEUG

BRAKEL Vetternwirtschaft und Selbstgefälligkeit an der Weser

Literaturkurs des Gymnasiums Brede inszeniert Gogols Revisor und verlagert die Handlung

VON SEBASTIAN BEUG
23.06.2012 | Aktualisiert vor 0 Minuten

Brakel. Nikolaj Gogols "Der Revisor" ist gleichermaßen klassische Verwechslungskomödie und Gesellschaftssatire. Auf einer russischen Anekdote in der sich ein durchreisender Herr als Ministerialbeamter ausgibt, beruht das Stück aus dem zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts. Der Fünfakter verlor seine Aktualität, gleichwohl befinden sich "Lug und Trug", wie Gogol es formulierte, immer noch in der Welt. Daher zählt das Werk heute zu einem oft inszenierten. Auch der Literaturkurs des Gymnasiums Brede brachte das Stück auf die Bühne – in einer aktualisierten Form.

Bei der Verfrachtung der Handlung in einen kleinen Ort an der Weser büßt "Der Revisor" zwar seinen klassischen Aufbau ein, erreicht den Zuschauer jedoch besser als die verstaubten Gegebenheiten des zaristischen Russlandes und erinnert zuweilen an eine amüsante Aufführung des Ohnsorg-Theaters. In der hiesigen Kleinstadt herrscht selbstsüchtige Vetternwirtschaft, bis sich ein Revisor ankündigt, der die Verwendung der Steuern überprüfen möchte. Der wehrte Herr reist jedoch inkognito, und als ein Unbekannter im Gasthof absteigt, ist die Stadt sich einig: Er ist der Revisor und fortan wird er umgarnt und hektisch werden die städtischen Angelegenheiten in Ordnung gebracht.

Dem Zuschauer ist schnell ersichtlich, dass der vermeintliche Revisor nur ein mitteloser Durchreisender ist, welchem die Zuwendungen der Bürger gelegen kommen. Bis zum Ende wahrt der Mittellose den Schein. Lug und Trug wird erst durch eine Postbeamtin, die gegen das Briefgeheimnis verstößt, enttarnt. Doch der richtige Revisor ist bereits angereist.

"Gogol hat Figuren geschaffen, die die Jahrhunderte überdauern", glaubt Literaturlehrerin Sabine Teichert, die Teile des Stückes umschrieb. So wird bei den Bredenschülern aus Gogols Stadthauptmann Anton Antonowitsch der Bürgermeister Anton Tonne. Josefin Herrfurth überzeugt als selbstherrliches Oberhaupt mit Doppelmoral, dessen Auftritt zuweilen an Horst Schlämmer erinnert und dem Stück eine frische Note gibt. Den Revisor, vor dem alle wie Espenlaub zittern, mimt Liv Leibmann. Er, beziehungsweise sie, kontrolliert die weiteren Charaktere und ist empfänglich für die leihweisen Geldbeträge der Bürger. Später hält der Hochstapler sowohl um die Hand der putzsüchtigen Tochter (Sophia Klocke), als auch die der arroganten Frau des Bürgermeisters (Irene Schürholz) an. Oft an der Seite des Dauerstudenten: seine sympathische Dienerin Otti (Marie-Lena Faig).

Auch die weiteren Figuren bringen mit ihrer Heuchelei und der Antithetik zwischen Gesagten und Gedachten das Publikum zum Lachen. Die aufreißend gekleidete Richterin Amalia Dorn (Cynthia Amelunxen) hat eine Affäre mit dem Bürgermeister, Luka Lukas (Anja Multhaup) ist eine strebsame Bürgermeisterin und Philippa Semmel (Marie-Christin Sommer), ebenso wichtigtuerisch, die Leiterin eines Waisenhauses.

Milena Ridder und Antonia Überdick überzeugen als Gutsbesitzerinnen Erna Dabbel und Erna Babbel, die beide ihren Sabbel nicht halten und mit witzigen Dialogen das Stück bereichern. Einen sprechenden Namen trägt – in den Augen des Revisors – Wanda Küssmich (Lisa Klangwart). Sie ist jene das Briefgeheimnis verletzende Postbeamtin, welche die Situation auflöst.

Dabei stellte das Werk einige Anforderungen an den Kurs. "Gogols Stück ist militaristisch geprägt, fast alle Rollen sind Männer", berichtet Sabine Teichert, "in meinem Literaturkurs sind nur drei Jungs", fügt sie hinzu. Dem Humor der Inszenierung tat dieser weibliche Überhang keinen Abbruch, auch wenn so manches Mal der Bart oder das Haartoupet nicht wollte.

Schimpfen, heucheln und schleimen sind die essentiellen Anforderungen, welche die Figuren an ihre Schauspieler stellen und spritzig umgesetzt wurden. Dafür dankte das Publikum mit tosendem Applaus. Eine weitere Aufführung der Komödie ist am Mittwoch, 27. Juni um 19.30 in der Aula der Bredenschulen.