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Die antisemitische Vergangenheit des Heimatdichters Heinrich Sohnrey wirft Fragen über die Benennung einer Straße nach ihm auf. - © FOTOS: TIM LÜDDECKE/NW; MONTAGE: SILKE SALBERT
Die antisemitische Vergangenheit des Heimatdichters Heinrich Sohnrey wirft Fragen über die Benennung einer Straße nach ihm auf. | © FOTOS: TIM LÜDDECKE/NW; MONTAGE: SILKE SALBERT

HÖXTER Antisemitische Haltung schlägt Wellen

Fraktionschefs reagieren nach neuen Erkenntnissen über den Heimatdichter Heinrich Sohnrey

VON TIM LÜDDECKE
10.03.2012 | Stand 09.03.2012, 20:32 Uhr

Höxter. Mächtig Staub wirbelt die jüngste Entlarvung des angesehenen Volkskundlers Heinrich Sohnrey als Verfechter des Nationalsozialismus auf. In Boffzen erhält die nach ihm benannte Grundschule einen neuen Namen (wir berichteten). Die Neue Westfälische fragte bei den Fraktionsvorsitzenden im Rat der Stadt Höxter nach ihrer Bewertung und einer möglichen Umbenennung der nach Sohnrey benannten Straße in Höxter.

Die Nachricht erregt die Gemüter und bietet reichlich Konfliktpotenzial: Längst hat sich kollektive Unruhe breit gemacht. Die strikte Ablehnung der Höxteraner Mandatsträger ist unverkennbar. Hervorgerufen durch eine Studie des Göttinger Germanisten Frank Möbus, die sich auf zahlreiche antisemitische Zitate aus den Werken und Schriften Sohnreys stützt, lässt sich ein lautes Echo der Empörung vernehmen.

Lediglich Stadtheimatpfleger Wilfried Henze vermag im NW-Gespräch dem Bericht der Studie keine allzu große Beachtung schenken zu wollen: "Der Mann hat sich hier in der Gegend als Heimatforscher für Naturschutz im Solling verdient gemacht." Es sei unangebracht, das Ansehen eines klugen Menschen durch forsche Recherchen zu beschädigen, sagte Henze.

Äußerungen wie "Wer nicht will betrogen sein, halte das Haus von Juden rein" oder "deutsch ist deutsch, und was deutsch ist, muss deutsch bleiben; was deutsch war, muss es wieder werden" lassen jedoch keinerlei Zweifel an der stark antisemitisch ausgeprägten Haltung Sohnreys.

Das sehen die Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat ähnlich. Die Diskussion über eine Umbenennung der Sohnreystraße im Petrifeld in Höxter (Verbindungsstraße zwischen Ostpreußenstraße und Schlesische Straße) ist in vollem Gange.

"Nach der Berichterstattung war der Fraktion klar, dass ein Handlungsbedarf in der Benennung der Sohnreystraße besteht", verweist Peter Greschner, Fraktionsvorsitzender der SPD, darauf, dass das Thema in der Ortsausschusssitzung bereits zur Sprache gebracht wurde.

Jürgen Dähling, Fraktionsvorsitzender der UWG, sieht ebenfalls Nachbesserungsbedarf bei der Straßenbenennung: "Die Stadtväter von Höxter hatten früher wohl nicht die Möglichkeit, wie wir es heute haben, über Wikipedia Informationen einzusehen." Der Albaxer holt gleichwohl sogar noch weiter aus: "Gleichzeitig wäre es sinnvoll, in diesem Zusammenhang alle Straßennamen zu überprüfen." Er plädiert für das Vorantreiben der Umbenennung bei der nächsten Sitzung des Ortsausschusses. Auch der Fraktionsvorsitzende der Linken, Erich Lehmann, gibt unmissverständlich zu verstehen: "Die Ehrung eines Nazis werde ich niemals unterstützen."

Sebastian Otten, Fraktionsvorsitzender der FDP, führte die Abneigung gar noch weiter aus und sprach von einem "Unding": "In einer Demokratie sind Aussagen wie diese fehl am Platz. Das muss auf die Tagesordnung gesetzt werden, um darüber zu sprechen." Gesagt, getan. Otten richtete sich per E-Mail unmittelbar an die anderen Parteien. Gerd Hollmann, FDP-Vertreter des Ortsausschusses, leitete den Antrag des Verfahrens bereits ein. Otten meint, die Straßen müssten nach Personen mit möglichst weißer Weste benannt werden. Er betont, dass es aber schwierig sei, eine Umbenennung durchzusetzen. Diese Aufgabe obliegt bekanntlich lediglich der Stadt Höxter.

Ludwig Günther von der CDU geht davon aus, dass man sich nach dem gründlichen Prüfen der Sachlage kritisch mit dem Thema auseinandersetzen werde: "Wir haben die Sache aufgegriffen und werden uns auch mit der Umbenennung der Straße beschäftigen."

Berno Schlanstedt von den Grünen sah sich aktuell noch nicht im Stande, "omnipotent für die Partei zu sprechen". Er will zunächst mit der Fraktion die Sachlage diskutieren.

Neben Höxter gibt es auch in der Samtgemeinde Boffzen, sowohl in Boffzen selbst, als auch in Lauenförde jeweils eine Sohnreystraße. Dort werde derzeit jedoch noch nicht über einen Antrag zur Umbenennung verhandelt. Nach der entfachten Dynamik in Höxter scheint dies aber wohl nur eine Frage der Zeit zu sein.

FDP beantragt Umbenennung

Auch die Stadt Höxter hat sich angesichts der neuen geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisse zum Leben und Werk des einst in Neuhaus im Solling beheimateten Volksschriftstellers Heinrich Sohnrey (1859 bis 1948) kurzfristig zum Handeln entschlossen.

Einstimmig hat der Stadtkern-Ortsausschuss am Donnerstagabend einem Antrag der FDP zugestimmt, die Höxteraner Sohnreystraße, die zwischen Schlesischer Straße und Ostpreußenstraße verläuft, umzubenennen.

"Ich bin sicher , dass es auch andere verdienstvolle Menschen der Region gibt, die politisch unbelastet sind", sagte Ausschussmitglied Gerd Hollmann (FDP) als Antragsteller. An die Verwaltung erging der Auftrag, nach geeigneten Vorschlägen für eine Umbenennung zu suchen.(bat)

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