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Bibliotheksleiter Dr. Günter Tiggesbäumker (v.l.) , Dr. Marlene Tiggesbäumker von der Universitätsbibliothek Paderborn, Rainer Valenta und Thomas Huber von der Österreichischen Nationalbibliothek im Zimmer von Hoffmann von Fallersleben. - © FOTO: M. SCHÄFER
Bibliotheksleiter Dr. Günter Tiggesbäumker (v.l.) , Dr. Marlene Tiggesbäumker von der Universitätsbibliothek Paderborn, Rainer Valenta und Thomas Huber von der Österreichischen Nationalbibliothek im Zimmer von Hoffmann von Fallersleben. | © FOTO: M. SCHÄFER

HÖXTER/WIEN Modellcharakter für kaiserliche Sammlung

Besuch aus Wien: Fürstliche Bibliothek Corvey beflügelt internationale Forschungsprojekte

VON MARTINA SCHÄFER
16.02.2012 | Stand 15.02.2012, 20:17 Uhr

Höxter/Wien. Die Fürstliche Bibliothek Corvey gilt als Paradebeispiel einer herrschaftlichen Privatbibliothek. Diesem renommierten Ruf folgen immer wieder internationale Wissenschaftler. So auch die Wiener Historiker Thomas Huber und  Rainer Valenta. Die beiden Forscher sind auf große Recherchetour. Denn sie beleuchten in einem Projekt "Die Privatbibliothek Kaiser Franz I. von Österreich", die heute ein wichtiger Teil der berühmten Österreichischen Nationalbibliothek in Wien ist. Der Besuch in Schloss Corvey eröffnet für die beiden Wissenschaftler neue Perspektiven für ihr Forschungsprojekt. 

Kaiser Franz I. von Österreich (1768-1835) galt als großer Buchliebhaber. Für sein Steckenpferd gab er bereits in seiner Jugend einen Großteil der kleinen Apanage aus. Heute zählt diese Privatbibliothek des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches (bis 1806) als herausragendes Beispiel einer herrschaftlichen Buch- und Grafiksammlung.

Untergebracht in mehreren Sälen der Österreichischen Nationalbibliothek, schlummerten die Bestände jedoch in den vergangen Jahrzehnten unbeachtet vor sich hin. Das soll sich nun ändern. In den nächsten Jahren soll die historische Sammlung rekonstruiert, katalogisiert sowie digitalisiert werden, um den Bücherschatz der Öffentlichkeit weiter zugänglich zu machen.

 Als Modellcharakter gilt dafür die Fürstliche Bibliothek Corvey. Deshalb nahmen Thomas Huber und  Rainer Valenta aus Wien Deutschlands größte Privatsammlung drei Tage lang in Augenschein.
Die beiden Wissenschaftler stehen vor einer großen Herausforderung, denn die kaiserliche Sammlung in Wien ist bislang wissenschaftlich völlig unzureichend aufgearbeitet. "Corvey ist für uns ein echter Glücksfall, zumal beide Sammlungen fast zeitgleich Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind und sich von der Struktur her ähneln", sagt Rainer Valenta. Beide Bibliotheken umfassen eine Vielzahl an Prachtbänden, Reiseberichten, geografische und naturwissenschaftliche Werke.

Es gebe natürlich auch Unterschiede, betonen die Forscher aus Wien. So sei die kaiserliche Privatbibliothek  mit rund 117.000 Bänden größer als die fürstliche Sammlung (74.000) und besäße außerdem noch prunkvollere Prachtexemplare mit hochwertigen Kupferstichen illustriert. Weniger prunkvoll erscheinen dagegen die Bibliotheksräume in der Hofburg. Im Gegensatz zu dem elegant-gediegene Ambiente der Fürstlichen Bibliothek im Schloss Corvey "war die Privatbibliothek des Kaisers auffallend anspruchslos und zweckrational erbaut und eingerichtet", sagen die beiden Wissenschaftler.

Zu der kaiserlichen Bibliothek gehört auch eine umfangreiche Grafiksammlung. Denn Kaiser Franz I. hatte auch ein Faible für Porträts. Seine Sammlung umfasst rund 200.000 grafische Darstellungen von historischen Persönlichkeiten. Ein Forschungsobjekt, das sich die Wiener Wissenschaftler bereits vorgenommen haben.

In Corvey interessiert die Forscher nicht nur die Ordnungskriterien der Sammlung, sondern ebenfalls der Ankauf der einzelnen Bände, auch im Hinblick auf gesellschaftspolitische Prozesse, die sich in der Sammlung widerspiegeln. Fragestellungen wie "Welche Themen waren für den Ankauf ausschlaggebend?" oder "Zeigen sich aktuelle Ereignisse oder politische Entwicklungen in der Sammlung?" wollen die Wissenschaftler klären.   

 Denn: "Die Erschließung unserer Bibliothek ist eine Aufgabe unserer Arbeit, die Einordnung in die Bibliotheks- und Kulturgeschichte eine weitere", sagt Thomas Huber.

Wichtige Impulse neben Schloss Corvey geben den Historikern aus Österreich auch die Zentrale Nationalbibliothek in Florenz, die Fürstlich Waldeckische Hofbibliothek in Bad Arolsen und die digitale Bibliothek in Schloss Königswart in Tschechien. Bis 2013 sollen die Inhalte des Archivs der kaiserlichen Privatbibliothek als Datenbank im Internet abrufbar gemacht sein und die wissenschaftlichen Ergebnisse des Projekts in einschlägigen Publikationen präsentiert werden.

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