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HOLZMINDEN Ihr größtes Glück sind Bücher

Mit 74 Jahren hat Ilse Hammermeister ihr erstes eigenes Buch veröffentlicht

VON ROSWITHA HOFFMANN-WITTENBUR
08.03.2011

Was sie richtig ärgert ist die heute übliche Frage: "Warst du nur zu Hause oder hast du gearbeitet?" Ilse Hammermeister hat gearbeitet. Und vor allem gelernt; aus eigener Initiative. "Wir wollten", spricht sie für ihre Generation. Ihr Fleiß und Einsatz, mit denen sie die Chance ergriffen hatte, Stenografie zu lernen, zahlte sich mit einer Stelle bei der Kreisverwaltung Holzminden aus, die sie bis zur Geburt des ersten Kindes ausübte.

Neben der Familienarbeit trieb es sie stets, ihren unersättlichen Bildungshunger zu stillen. "Vierzig Jahre lang bin ich zur Volkshochschule gegangen", erzählt sie. Sie hat Sprachen gelernt, Religionsgeschichte und einfach alles, was sie interessierte. Ein bisschen konnte sie sogar ihren Traum, Lehrerin zu werden, leben: "Ich habe Kindern Nachhilfeunterricht gegeben", erzählt sie. Bis 1996 hat sie beim Kinderschutzbund Holzminden mitgearbeitet.

Dazu gehöre es auch, ihnen Geschichten vorzulesen. Bis heute ist Ilse Hammermeister selbst als "Lese-Patin" alle drei Wochen in Kindergärten und Grundschulen im Einsatz. Viel Freude und Anregung bereiten ihr die Diskussionen mit Gleichgesinnten im "Literaturkreis."

Niemals hat sie aufgehört zu lesen. "Bücher waren der Reichtum meines Lebens", sagt sie. Niemals hat sie aufgehört zu schreiben. Hunderte von Geschichten hat sie verfasst. Immer mit dem gleichen knallroten Füllfederhalter, immer in ein schlichtes Schulheft geschrieben. Mit diesen Ritual hat sie ihr großes Hobby zelebriert. Geschrieben hat die geborene Autorin aber immer nur für sich. So gern sie schrieb und so leicht ihr die Geschichten auch zuflogen, wirkliches Zutrauen in ihr Können hatte sie nie.

Sie erinnert sich lebhaft, welche Panik sie überkam als sie sich mit 60 Jahren den lang gehegten Wunsch erfüllte, an einer einwöchigen Schreibwerkstatt auf Spiekeroog teilzunehmen. "Dafür musste ich meinen ganzen Mut zusammennehmen und mir immer wieder vorsagen, dass mir schon keiner den Kopf abreißen wird, wenn ich mich da blamiere." Natürlich hat sie sich nicht blamiert, sondern zur Weiterbildung weitere Werkstätten besucht und fleißig weiter geschrieben. Nur für sich.

Und noch einen Traum, eine lebenslange Sehnsucht, erfüllte sie sich mit 60 Jahren. Angst hatte sie davor nicht, dennoch kostete es sie viel Überwindung. Durfte sie wirklich einmal ganz egoistisch nur an sich denken und dafür die große Summe von 350 Mark ausgeben? Ehemann Karl Hammermeister und die beiden Söhne nahmen ihr die Bedenken durch gutes Zureden.

Mühsamer Lernprozess: Auch eigene Wünsche wichtig nehmen
"So kam es, dass ich mit 60 in die Lüfte ging", sagt sie schmunzelnd und erzählt begeistert von den Eindrücken ihrer Fahrt dem Heißluftballon. "Damit habe ich auch angefangen zu lernen, mir selbst ab und zu einmal etwas Gutes zu tun, mich selbst ein bisschen zu verwöhnen, mit einer hübschen Halskette oder auch einem netten Kleidungsstück außer der Reihe." Dies war möglicherweise die schwerste Lektion der Ilse Hammermeister, die wie fast alle Frauen ihrer Generation darauf gedrillt wurden, sich selbst zurückzunehmen und Wünsche und Bedürfnisse aller anderen wichtiger zu nehmen als die eigenen. "Ich übe das immer noch", sagt sie.

Heute ist Ilse Hammermeister 74 Jahre alt, und jetzt endlich hat sie das erste Buch veröffentlicht. Kein Traum, den zu träumen sie sich nie gestattet hatte, sondern pure Realität. Sie hält es in den Händen, und ist stolz darauf. Mit ihr freut sich die kleine Ilse, denn die alte Dame, die noch so jung wirkt, hat das Kind in sich bewahrt. "Es ist eigenartig, wie lebendig meine Erinnerungen sind. Ich erinnere mich nicht nur an viele Einzelheiten, sondern auch an meine Gedanken und Empfindungen, an Gerüche und Stimmungen."