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KREIS HÖXTER/PADERBORN Den Vorfahren auf der Spur

Im Archiv des Erzbistums am Kleinen Domplatz forschen Menschen nach ihren Ahnen

VON BIRGER BERBÜSSE
09.04.2010 | Stand 09.04.2010, 07:42 Uhr
Der Leiter des Erzbischöflichen Archivs, Arnold Otto, zeigt eine handschriftliche Akte des Dombaumeisters von 1843. - © FOTO: REINHARD ROHLF
Der Leiter des Erzbischöflichen Archivs, Arnold Otto, zeigt eine handschriftliche Akte des Dombaumeisters von 1843. | © FOTO: REINHARD ROHLF

Kreis Höxter/Paderborn. Klein ist der Raum, aber voll besetzt. An neun Plätzen sitzen die Männer und Frauen, starren gebannt auf überdimensionale Monitore und drehen an Knöpfen: Mit diesen Lesegeräten für Mikrofilme forschen sie in der Vergangenheit, sichten alte Unterlagen, Dokumente und Kirchenbücher. Viele von ihnen sind auf der Suche nach ihren Vorfahren - und damit im Archiv des Paderborner Erzbistums genau an der richtigen Adresse.

"Es ist unser Sammlungsauftrag, das Schriftgut des Bistums von den Anfängen an zu bewahren," beschreibt Dr. Arnold Otto, Leiter des Erzbistumsarchivs, seine Tätigkeit. Deshalb lagern im Archiv in Paderborn alle Schriftstücke der Kirche.

Das älteste Dokument ist die Kaiserurkunde Ottos des Großen aus dem Jahre 964. Überhaupt Urkunden - von Königen, Bischöfen und auch Privatleuten - sie liegen im Keller des Konrad-Martin-Hauses, gleich schräg hinterm Paderborner Dom. Und zwar "bei genau 16 Grad und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit", wie Otto erklärt. So würden die alten Schriften vor dem Verfall geschützt. Zu ihnen gehören natürlich auch die Kirchenbücher.

Sie spielen im Lesesaal des Archivs eine ganz besondere Rolle. Denn der Anteil der wissenschaftlichen Besucher steigt zwar stetig an, doch zum größten Teil sitzen Ahnenforscher in dem kleinen Raum. "Sie sind an genealogischen Informationen interessiert", weiß Archivar Arnold Otto. Das bedeutet in der Regel: Stammbäume. Die Menschen wüssten einfach gerne, woher sie kommen und von wem sie abstammten, so der 33-Jährige.

Bei ihrer Reise in die Vergangenheit müssen die Ahnenforscher dann sehr bald auf die alten Kirchenbücher im Paderborner Archiv zurückgreifen. Denn Standesämter und -gesetze gibt es erst seit 1874, als das Preußische Personenstandsgesetz in Kraft trat. Alles davor ist beinahe ausschließlich in Kirchenbüchern verzeichnet. 1.700 davon lagern im Paderborner Archiv, aus über 300 Pfarreien.

Seit dem vergangenen Sommer bekommt die aber kaum noch ein Besucher in natura zu sehen. Das große Interesse habe den alten Büchern ziemlich zu schaffen gemacht, begründet Otto die damals erfolgte Schutzsperrung der originalen Kirchenbücher. "Auf die Recherche muss aber niemand verzichten, denn alle Kirchenbücher bis 1874 liegen auf Mikrofilm vor", sagt der Archivleiter.

"Die ältesten von ihnen reichen bis zum 30-jährigen Krieg zurück", weiß Archivar Hans-Heinrich Dreier, einer der fünf Mitarbeiter von Arnold Otto. Ungefähr ab 1650 seien die alten Pfarreien flächendeckend mit Kirchenbüchern vertreten. Am wichtigsten in ihnen seien die Taufeinträge. Denn dort finden sich auch die Daten der Eltern. "Wenn man also weiß, dass der Uropa 1870 getauft worden ist, dann kann man darüber seine Eltern und weiteren Vorfahren finden", erklärt Otto. Das sei natürlich ziemlich mühselig. "Aber", so erklärt er lachend, "es gibt eben Leute, denen das Spaß macht."

Weil dieses Nachforschen aber nunmal zeitaufwendig sei und gute Kenntnisse in alter Handschrift voraussetze, könnten viele Menschen nicht selber ihre Ahnen recherchieren. "Die haben uns dann gebeten, Auskunft aus den Kirchenbüchern zu erteilen", erinnert sich Otto. Weil dies aber immens viel Zeit koste, müssten solche Anfragen jedoch seit einem Jahr abgelehnt werden. Stattdessen verweise man im Archiv auf gewerbliche Rechercheure. Dazu liegt eine Liste im Lesesaal aus.

Zwar können diese laut Otto nicht alle überprüft werden. Sie hätten aber alle glaubhaft gemacht, dass sie genealogische Informationen beschaffen könnten.

Natürlich stehe der Lesesaal zu den Öffnungszeiten (montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr) aber jedem offen, betont der Leiter des erzbistümlichen Archivs. Arnold Otto empfiehlt interessierten Ahnenforschern allerdings eine telefonische Anmeldung, weil es meistens doch sehr voll sei.

Seinen eigenen Stammbaum hat Arnold Otto bislang noch nicht erstellt: "Das ist wie bei einem Maurer, der in einem unfertigen Haus wohnt."

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