0

Gewissheit nach 65 Jahren

Paul Löneke sucht erfolgreich nach den Spuren seiner Brüder und Cousins

VON DIETER MÜLLER
17.04.2009 | Stand 16.04.2009, 20:19 Uhr
Paul Löneke zeigt den Brief des Deutschen Roten Kreuzes und das Foto seines 1945 in russischer Kriegsgefangenschaft gestorbenen Cousins Johannes Osterloh. - © FOTO: DIETER MÜLLER
Paul Löneke zeigt den Brief des Deutschen Roten Kreuzes und das Foto seines 1945 in russischer Kriegsgefangenschaft gestorbenen Cousins Johannes Osterloh. | © FOTO: DIETER MÜLLER

Steinheim. Sommer 1944. Johannes Osterloh ist 21 Jahre alt. Er kämpft im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront einen erbitterten und sinnlosen Kampf gegen die sowjetische Armee. In jenem Sommer 1944 wird der junge Mann aus Beller als vermisst gemeldet. Aber niemand weiß, ob er im Krieg gefallen ist oder sich in russischer Kriegsgefangenschaft befindet, ob er tot ist oder ob er doch noch lebt. 65 Jahre lang war sein Schicksal ungeklärt. Jetzt ist es, nach jahrelangen unermüdlichen Bemühungen des Steinheimers Paul Löneke endlich aufgeklärt worden.

München, im Februar 2009: Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes sendet vier nüchtern formulierte Zeilen nach Beller, einen kleinen Ort bei Erkeln, in dem es erklärt: "Zum Schicksal des Johannes Osterloh liegen neue Angaben vor, auch eine Akte aus dem Militärarchiv in Moskau, die das Schicksal aufklären." Allein das war schon eine kleine Sensation, ein Hoffnungsschimmer, nachdem Osterlohs Schicksal 65 Jahre lang völlig ungeklärt blieb.

Allerdings gibt das DRK in dem Brief vom Februar auch zu: "Leider können wir Ihnen diese Unterlagen nicht schicken." Paul Löneke kümmert sich darum. Der 82-jährige ehemalige Chef der Steinheimer Volksbank, der selbst Ende des Zweiten Weltkrieges in russischer Kriegsgefangenschaft war, sucht seit vielen Jahren akribisch, hartnäckig und unermüdlich nach Spuren seiner Familienangehörigen, auch wenn diese Spuren noch so winzig sind.

"Stellen Sie sich vor, Sie werden vermisst, und keiner kümmert sich darum, Sie wiederzufinden? Das geht doch nicht", erklärt er ebenso provokant wie eindringlich, warum er sich so stark dafür einsetzt, die Schicksale aufzuklären.

Am 20. März 2009 erhält Paul Löneke erneut Post vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes aus München. Darin: Alle Akten, die den Verbleib seines Cousins Johannes Osterloh, der am 2. Juni 1923 in Beller geboren wurde, aufklären. "Eine Sensation. Nach 65 Jahren haben wir endlich Gewissheit", sagt Paul Löneke.

Das DRK schreibt: "Johannes Osterloh gehörte als Obergefreiter der 2. Kompanie des Füsilier-Bataillons 170 der 170. Infanterie-Division an. Am 13. Juli 1944 geriet er bei den erbitterten Kämpfen um den Ausbruch aus der von der 3. Weißrussischen Front eingeschlossenen Festung Wilna/Litauen in sowjetische Gefangenschaft.

Im Oktober 1944 wurde er als Kriegsgefangener aus dem Lager 74 in Oromki/Gebiet Gorki, in das Lager 117/1 nach Gorki verlegt, wo er am 23. Oktober 1944 registriert wurde. Danach befand er sich nochmals in Lager 74, von wo aus er am 29. Juni 1945 in das Spezialhospital 2851, Usta bei Gorki, kam. Johannes Osterloh ist am 17. Juli 1945 an Lungentuberkolose im Spezialhospital 2851 verstorben und wurde auf dem Lagerfriedhof im Grab 106 beerdigt."

Eine Überführung der sterblichen Überreste des Johannes Osterloh in seinen Heimatort Beller sei nicht geplant.

Zu dem Schreiben der DRK-Suchdienstes erhielt Paul Löneke auch sämtliche Akten aus dem Moskauer Militärarchiv in Kopie - allerdings ohne Übersetzung. Mithilfe seiner eigenen Sprachkenntnisse und der eines Freundes übersetzte er alles und erhielt weitere Gewissheiten. "Bei Kriegsgefangenen wurde immer ganz akribisch Buch geführt. Das weiß ich auch aus eigenen Erfahrungen", sagt er.

Paul Lönekes beiden Brüder sind auch im Zweiten Weltkrieg als vermisst gemeldet worden. Seitdem fehlt von ihnen jede Spur. Nach ihnen sucht der Steinheimer, der in Beller geboren wurde, ebenso unermüdlich. Bisher allerdings ergebnislos. Der DRK-Suchdienst teilte in einem Schluss-Satz im März-Schreiben mit: "Zu ihrer weiteren Anfrage bezüglich der Schicksale von Johannes Löneke und Karl Löneke werden wir Ihnen in Kürze Auskunft geben."

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

Newsletter abonnieren

NW Newsletter - die wichtigsten News

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

© Zeitungsverlag Neue Westfälische GmbH & Co. KG