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Tätowierer Michael Niebaum zaubert seinem Kunden Siegmund Große ein Cover-up über ein altes Tattoo. - © Alexander Graßhoff
Tätowierer Michael Niebaum zaubert seinem Kunden Siegmund Große ein Cover-up über ein altes Tattoo. | © Alexander Graßhoff

Höxter Nach vielen Jahren kehrt die Tattoo-Convention zurück nach Höxter

Im Gespräch mit nw.de gewähren zwei Teilnehmer aus dem Kreis Höxter Einblick in ihre Kunst und die Tattoo-Szene

Alexander Graßhoff
06.11.2019 | Stand 07.11.2019, 08:03 Uhr

Höxter. Den einen gilt es als Haut-Verschändelung, den anderen als kunstvolle Körperverzierung: Wenn es ums Tätowieren geht, könnten die Meinungen nicht weiter auseinanderfallen. Die Stadt Höxter wird bald gewissermaßen zum Zentrum dieser Debatte. Denn am 9. und 10. November findet in der Residenz-Stadthalle eine Tattoo Convention statt. Neben mehr als dreißig Künstlern, Dienstleistern und Händlern, die teils aus Zwickau oder dem Vereinigten Königreich anreisen, werden auch Tattoostudios aus Beverungen, Borgholz und Höxter teilnehmen. Im Gespräch mit nw.de gewähren zwei lokale Künstler Einblick in ihr Schaffen und die Tattoo-Szene. "Bei einer Tätowierung handelt es sich um eine mechanisch aufgebrachte Schürfwunde mit dem Ziel der langfristigen Farbeinlagerung", erklärt Michael Niebaum gewollt steif und dudenreif, während er sich mit einem breiten Schmunzeln weiter an seinem heutigen ‚Opfer‘ zu schaffen macht. Der leidenschaftliche Harley-Fahrer Siegmund Große ist eines alten Tattoos auf seinem Unterarm überdrüssig geworden. Also zaubert ihm Niebaum ein sogenanntes Cover-Up, das die Jugendsünde verbergen soll. Unter der gleichmäßig summenden Tätowier-Maschine kommen nach und nach die schwarzen Konturen einer Streitaxt und eines Winkinger-Schildes samt Adler zum Vorschein. Niebaum arbeitet gerne mit deutlichen Vorzeichnungen und nicht - wie heute oft üblich - ohne klare Umrandungen. "Ich kann nicht behaupten, dass es nicht wehtut" Indem er die Maschine mit ihrer Nadel fast wie einen normalen Stift auf der Haut schnell hin und her führt, produziert Niebaum feine Schattierungen, hinter denen die Altlast nach und nach verschwindet. 9.000 Schläge in der Minute, bei denen es schon mal zwicken kann. "Ich kann nicht behaupten, dass es nicht wehtut", verkündet Große lakonisch. "Dabei ist Schmerz sehr individuell und hängt auch von Tagesform und Körperstelle ab - gerade an den Knöcheln tut es weh", erklärt der Fachmann. Niebaum, dessen Vorname schon seit Jahrzehnten Englisch ausgesprochen wird, ist Besitzer der Tattoo Manufaktur Höxter an der Ostpreußenstraße. Seit fast 20 Jahren ist der 49-Jährige schon im Geschäft, nächstes Jahr möchte er Jubiläum feiern. Pro Tag realisiere er ein großes oder zwei kleine Projekte, drei bis fünf Kunden bediene er in der Woche. Kosten je Projekt: 50 Euro und aufwärts. "Mit meinem Studio muss ich ja den Lebensunterhalt für meine Familie bestreiten", betont Niebaum und entkräftet damit einige der Hauptklischees, die Menschen, die in der Tattoo-Branche aktiv sind, immer wieder begegnen. Wunsch nach Anerkennung als Kunsthandwerk Demnach seien Tätowierer ungebildet, arbeitsscheu und ehemalige Haftinsassen - wahlweise aus dem Rotlichtmilieu oder der Rockerszene (ein lieb gemeinter Seitenhieb in Richtung seines heutigen Kunden). Was in jedem Fall stimmt: "Tätowieren geht aufs Kreuz. Rückenschmerzen zählen bei Tätowierern zu den Berufskrankheiten", gibt Niebaum zu verstehen und beugt sich auf seinem Hocker sitzend wieder über sein heutiges Werk. Er habe lange Jahre im Vertrieb gearbeitet und sei über den Entwurf von Motiven zum Tätowieren gekommen, erklärt er während er überflüssige schwarze Farbe von Großes Unterarm wischt. Bei der Tattoo-Convention übernimmt Niebaum die Rolle des Contest-Leiters, führt also durch den Wettbewerb, bei dem mehrere Künstler in verschiedenen Kategorien gegeneinander antreten. Seit seinen Anfängertagen habe sich in der Szene viel getan. "Damals gab es alle 80 Kilometer ein Tattoo-Studio", erinnert sich Niebaum. Mit der Anzahl der Studios sei aber auch die Akzeptanz in der Bevölkerung gewachsen. "Heute gibt es kaum noch Menschen, die gar kein Tattoo haben" - eine Einschätzung, die vielleicht etwas zu hochgreift, aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass das Akzeptanz-Problem der jahrtausendealten Körperkunst noch nicht gänzlich bewältigt ist. "Seit Jahren kämpfen wir dafür, dass das Tätowieren offiziell als Kunsthandwerk anerkannt wird. Doch noch immer ist es kein anerkannter Ausbildungsberuf." Traditionelle Technik ohne Maschine Von einer - trotz vieler Wermutstropfen - stark gewachsenen Anerkennung und Akzeptanz des Tätowierens in der Gesellschaft spricht auch Deni Matic. Seit Juni diesen Jahres betreibt sie das Tattoostudio "Farbbunker" in der Westerbachstraße 34. Neben Tattoos, die maschinell unter die Haut gebracht werden, hat sich die Tätowiererin auf das sogenannte Handpoking spezialisiert. Wie in der Frühzeit des Tätowierens wird die Farbe dabei mit einer manuell geführten Nadel an einem "Stick" in die Haut eingebracht. "Das ist die mildere, schonendere Art, sich tätowieren zu lassen. Denn bei Maschinen-Tattoos komme es vor, dass sich die Haut pellt - beim Handpoking sei das nicht der Fall." Matic hat beobachtet, dass Kunden oftmals größere Projekte realisiert haben möchten; also Tattoos, die sich zum Beispiel über ein ganzes Bein ziehen. Dabei achte sie darauf, das Motiv den Konturen und Formen des Körpers anzupassen. Bei dem Contest auf der Höxteraner Tattoo-Convention sitzt Matic mit in der Jury. "Ansonsten freue ich mich auf den Austausch mit anderen Messeteilnehmern und darauf, meinen Tätowier-Stil zu zeigen", sagt Matic mit Blick auf die Convention, die weiter zur Akzeptanz der Tätowier-Kunst beitragen wird.

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