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Engagiert: Journalist Dietmar Ossenberg beschreibt die Situation in den arabischen Ländern auf Einladung der VHS Höxter-Marienmünster. - © NW
Engagiert: Journalist Dietmar Ossenberg beschreibt die Situation in den arabischen Ländern auf Einladung der VHS Höxter-Marienmünster. | © NW

Höxter Nahostexperte Dietmar Ossenberg im Gespräch mit Höxteranern

Gespräch: Der Journalist Dietmar Ossenberg gibt im Haus der Volkshochschule persönliche Einblicke in die arabische Welt

17.03.2019 | Stand 17.03.2019, 09:42 Uhr

Höxter. Der langjährige ZDF-Auslandskorrespondent, Fernsehmoderator und Journalist Dietmar Ossenberg (68) ist ausgewiesener Fachmann für die Situation in den arabischen Ländern. Bekannt wurde er vor allem mit der Sendung „Auslandsjournal". Auch heute noch lebt der gebürtig aus Recklinghausen stammende Ossenberg in Kairo als Beobachter vor Ort. Rund 100 Interessierte kamen zum Vortrag des Experten zum Thema „Bedroht die Flüchtlingsbewegung die europäischen Werte?" in die Aula der Volkshochschule in Höxter. Hausherr Rainer Schwiete freute sich entsprechend über die gute Resonanz und begrüßte Dietmar Ossenberg als Kenner mit einem Gespür für die Stimmung im arabischen Raum. Ossenberg selbst schätzte seine Analyse der arabischen Welt als „Wagnis" ein, weil sich die Lage wöchentlich dramatisch ändere. Mit seiner langjährigen Erfahrung schilderte er Situationen in Ägypten, im Libanon, in Algerien, im Jemen und weiteren arabischen Staaten, in denen bewaffnete Konflikte ausgetragen werden. „Die arabische Welt befindet sich in vielen Teilen in Auflösung", beschreibt Ossenberg die dramatische Lage. Während es 2002 noch in fünf arabischen Staaten bewaffnete Auseinandersetzungen gab, waren 2016 schon elf und werden 2020 voraussichtlich 16 arabische Staaten betroffen sein. Religiöser Extremismus breite sich aus Die Ursachen für die Auseinandersetzungen würden, so Ossenberg, von den Konfliktparteien selbst einerseits dem Versagen des korrupten Regierungsapparates und vor allem aber einer Verschwörung der westlichen Mächte zugeschrieben. Religiöser Extremismus breite sich aus. „Wenn auch noch der Konflikt in Algerien zum Tragen kommt, steht uns eine Flüchtlingswelle ungeahnten Ausmaßes bevor", so der Experte. Beim EU-Treffen mit der Arabischen Liga habe auch Bundeskanzlerin Angela Merkel öffentlich bekannt: „Unser Schicksal hängt auch von den Ländern der Arabischen Liga ab." Bedroht seien diese Länder außerdem von Armut. Trotz des Baus großer Shoppingmalls, Hightech-Zentren und Villenvierteln sei „die Stabilität des Landes eine komplette Illusion", betont der Experte. Zwei Drittel der Bevölkerung gelten als arm und hätten weniger als zwei Euro am Tag zum Überleben. Gleichzeitig würden die Lebensmittel stetig teurer wegen der Auflagen für neue Kredite. Viele Menschen möchten das Land verlassen. Das verstärke den Handlungsdruck auf den Westen und führe uns zu dem Dilemma: Was wollen wir unterstützen – eine Demokratie, die eventuell die Islamisten nach vorn bringt, oder doch eher eine korrupte Militärdiktatur? „Der Druck im Kessel ist hoch", betont Ossenberg. „Ihre Werte sind nicht unsere Werte" Die Arabische Liga nehme allerdings das zerstrittene Europa kaum noch als Machtfaktor wahr. Vielmehr orientiere man sich an den Ländern USA, Russland und China. Der Schutz der Menschenrechte stehe entsprechend nicht im Vordergrund. „Ihre Werte sind nicht unsere Werte", so habe es beim Treffen der EU und der Arabischen Liga der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi formuliert. Laut Ossenberg werden von den Menschen der arabischen Welt, die in Clanstrukturen aufgewachsen sind, staatliche Gesetze nicht anerkannt. Der Koran werde als Gesetz Gottes verstanden und auf vielfältige Art und Weise interpretiert, die Regeln des Clans gelten. Toleranz werde als Schwäche empfunden. Eine Demokratie, so wie wir sie verstehen, sei in einem solchen Land derzeit nicht zu etablieren. „Dennoch sollten wir das Modell der Integration nicht aufgeben. Wer hier leben möchte, der muss unsere Regeln akzeptieren", appelliert der erfahrene Fachmann Ossenberg. Die Veranstaltung gehörte zu der Reihe „Wir – die anderen. Oder doch alle?", die gemeinsam von dem Forum Jacob Pins, der evangelischen Weser-Nethe-Kirchengemeinde, dem Pastoralverbund Corvey, der Volkshochschule Höxter-Marienmünster, dem Verein Welcome und dem Forum Anja Niedringhaus organisiert wurde.

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