In der Natur: Kanada machte Bex Pfeiffer zum Naturliebhaber. Ihr Hund Hector ist immer an ihrer Seite. - © Privat
In der Natur: Kanada machte Bex Pfeiffer zum Naturliebhaber. Ihr Hund Hector ist immer an ihrer Seite. | © Privat

Höxter/Kanada Auswanderin aus Höxter findet in Kanada ihr Glück

Rebecca „Bex“ Pfeiffer ging 2012 von Höxter nach Kanada. Sie ist mittlerweile nicht nur glücklich, sondern auch selbstständig – dank eines einfachen Lebensmottos. Manches vermisst sie aber auch

Amina Vieth
26.12.2018 | Stand 26.12.2018, 18:03 Uhr

Höxter/Kanada. Mit einem Koffer und einem Rucksack verließ Rebecca „Bex" Pfeiffer Höxter und ging nach Kanada. Fast ohne Geld und mit miserablem Englisch wollte sie ein Jahr Work and Travel (Arbeiten und Reisen) machen. Mittlerweile hat sie dort eine Heimat, eine Familie und die berufliche Erfüllung gefunden. Einiges vermisst sie allerdings an Deutschland. Wer Kanada noch nicht auf der Reiseliste hat, holt das spätestens nach einem Gespräch mit Bex nach. Die 31-Jährige schwärmt von Natur, Meer, Bäumen und Bergen. „Alles ist möglich, von Skifahren bis Surfen", betont sie. Wer sich die idyllischen Bilder anschaut, kann nur erahnen, wie wundervoll es sein muss, ihren Ausblick auf das Meer live zu sehen. „Es wird nie langweilig, ich könnte es mir stundenlang anschauen." Seit sie nach Kanada gezogen ist, habe sie keinen Fernseher mehr. „Und auch kein Bedürfnis danach." "Ich habe mich nie alleine gefühlt" Natur hatte sie auch in Höxter vor der Tür, „aber da konnte man mich mit Wandern jagen. Jetzt bin ich ein richtiger Naturliebhaber". Seit sie vor mehr als sechs Jahren nach Kanada ausgewandert ist, hat sich vieles für sie verändert. Auch sie selbst, „zum Besseren", wie sie sagt. Im April 2012 stieg sie in den Flieger nach Vancouver und kehrte seither nur zweimal für Besuche nach Deutschland zurück. „Ich habe mich nie alleine gefühlt. Ich habe meine Freunde und Familie vermisst, aber nie mein Leben in Deutschland." Die gelernte Friseurin war nicht zufrieden in Höxter. „Ich wusste damals schon, dass ich mein Leben nicht voll ausschöpfte." Kanada begeisterte sie vom ersten Besuch an, ihr Onkel lebt dort. Als sie kurzfristig die Zusage für ein Work- and-Travel-Visum bekam, zögerte sie nicht. Sie gab ihren Besitz auf, verschenkte ihn zum Teil, kündigte den Job und brach auf in ein neues Leben. "Ich fuhr mit dem Bus rum und habe Models gesucht" In Vancouver, wo sie zunächst bei ihrem Onkel lebte, begann alles. Sie bewarb sich in einem Friseursalon, den sie bereits aus dem Urlaub kannte. „Alle haben Tattoos, es wird Rockmusik gespielt, ein richtig cooler Laden." Man wollte sehen, wie sie Haare schneidet. „Also fuhr ich mit dem Bus rum und habe Models gesucht." Eine Hürde: „Ich konnte kaum Englisch. Mein Lehrer sagte immer, ich sei ein hoffnungsloser Fall." Diese These dürfte Bex nun deutlich widerlegt haben. Mittlerweile sei ihr Akzent nicht mehr als deutscher zu definieren. Und die Kanadier verstanden sie schon damals gut genug, um tatsächlich im Salon zu erscheinen. „Die erste Frau, die ich angesprochen habe, ist heute noch meine Kundin", berichtet Bex. Den Job hat sie bekommen und danach noch einige andere. Die Kanadier würden vor allem an ihr schätzen, dass sie zuverlässig und pünktlich ist. „Kanadier sind das nicht. Wenn sie sagen, sie kommen um 15 Uhr, dann sind sie vielleicht auch erst gegen 18.30 Uhr da." In Kanada sehe man das aber lockerer. Dafür fehle ihr eine gewisse Gemeinschaftskultur wie in Deutschland, wo man häufiger mit der Familie zusammen isst, Freunde in größerer Runde zusammenkommen oder auch einfach die Vereinsgemeinschaft gepflegt wird. „Das gibt es hier so nicht." Auf Hochzeiten beispielsweise müsse man als Gast seine Getränke selber zahlen. Kanadier sind nicht so pünktlich, aber wesentlich entspannter Grundsätzlich sei man in Kanada aber entspannter, individueller und nicht so gestresst wie in Deutschland. „In Deutschland passt jeder auf sein Image auf, das ist hier nicht so extrem." Das gefalle ihr, nerve sie aber auch manchmal. „Mit Kanadiern kann man keine Pläne machen." In ihrem Umfeld sei das aber zum Glück anders. Die Freunde, die für sie zur Familie geworden sind, seien nicht so extrem. Ihre besten Freunde hat sie in Wohngemeinschaften kennengelernt, in denen sie wohnte, auf deren Sofas sie schlief. Alleine in einer Wohnung wohnt sie seit etwa einem Jahr, „an der wunderschönen Sunshine Coast". Etwa 40 Minuten von Vancouver entfernt, „abgeschottet, aber dennoch mittendrin". Der Ort lässt sich nur mittels Fähre oder Wasserflugzeug erreichen. „Das war, als wäre ich noch einmal neu nach Kanada gezogen." Wieder nur mit wenig Geld und Habseligkeiten. Es folgte auch ein kurzer Aufenthalt in Montreal. „Dort war ich im Urlaub, es wurde mir ein Job angeboten. Ich habe einfach mal Ja gesagt." Das sei auch ihr Lebensmotto: Einfach mal Ja sagen. „Was habe ich schon zu verlieren. Im schlimmsten Fall komme ich wieder zurück." Nach zwei Monaten in Montreal zog es sie dann zurück an die Sunshine Coast, wo sie nun auch ihren eigenen Salon „Fade n Dye" eröffnet hat – weil sie „einfach mal Ja gesagt" hat. Der Weg zum eigenen Salon war holprig „Jemand wollte seinen Salon verkaufen und hat mich angesprochen. Ich hatte kein Geld, aber habe zugesagt." Kredit von der Bank gab es nicht, also bewarb sie sich bei einem Förderprogramm. Mit Hilfe von Freunden wurden Businessplan und Co. erstellt. „Und ich habe den Zuschlag bekommen." Seit vier Monaten ist sie nun ihr eigener Chef. Bex ist als Friseurin alles andere als unbekannt. Aufmerksamkeit erregt sie nicht nur auf Instagram durch die knalligen Farbkombis, die sie den Kunden auf den Kopf zaubert, sondern sie gewann auch schon Wettbewerbe und wurde in großen Magazinen gezeigt. Doch der Weg dorthin war nicht einfach. Wer in Kanada leben will, erhält keine goldene Eintrittskarte, sondern muss am Ball bleiben – nicht nur mit der Arbeit. Nach dem Auslaufen ihres einjährigen Work-and-Travel-Visums beantragte sie ein Young- Professional-Work-Visum. „Ich wusste schnell, dass ich bleiben will." Zur Unterstützung engagierte sie eine Anwältin. „Das hat sich bezahlt gemacht." Das nächste Ziel: die zweite Staatsangehörigkeit Später beantragte sie die Permanent Residence. Sie wurde abgelehnt. „Ich habe eine halbe Stunde nur geweint." Dann der Griff zum Telefon, die Anwältin setzte sich daran. Es stellte sich heraus: ein Behördenfehler. Am 13. Januar 2015 kam die Genehmigung. „Es gab eine große Party mit mehr als 100 Leuten, eine Band hat in der Küche gespielt", erinnert sich Bex. Die Permanent Residence muss alle fünf Jahre erneuert werden. Das nächste Ziel ist für Bex die zweite Staatsangehörigkeit. „Dann fühle ich mich freier." Drei von fünf Jahren muss man in Kanada leben. Ist man mehr als zwei Jahre außerhalb des Landes, wackelt das Bleiberecht. „Mein Ziel ist es, später einmal die Winter woanders zu verbringen. Und ich verreise einfach gerne." Dass sie nicht zurück nach Deutschland will, steht für sie fest. „Aber vielleicht zieht es mich auch noch mal in ein anderes Land. Wer weiß das schon." Sie rät jedem, mal längere Zeit außerhalb seiner Komfortzone zu verbringen. Das stärke die Persönlichkeit, man lerne sich selbst neu kennen. Sie werde zwar immer noch häufig nervös, „weil ich immer was Neues mache", anders als in Deutschland, aber sie würde den Schritt immer wieder gehen. Ihr Rat an alle, die über das Auswandern nachdenken: „Einfach mal machen, was gibt es schon zu verlieren. Im Notfall kommt man wieder zurück."

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