Experten unter sich: Heiko Beck (Klaus-Dieter Kruse; v. l.), Magdalena Punkt (Madlen Köhler), Bea Schoomburg (Ute Aland), Georg K. Leinert (Peter Loos) und Valentina Tiersch (Alicja Wozniak) auf der Suche nach weiterer Selbstoptimierung. - © Helga Krooß
Experten unter sich: Heiko Beck (Klaus-Dieter Kruse; v. l.), Magdalena Punkt (Madlen Köhler), Bea Schoomburg (Ute Aland), Georg K. Leinert (Peter Loos) und Valentina Tiersch (Alicja Wozniak) auf der Suche nach weiterer Selbstoptimierung. | © Helga Krooß

Höxter Theater im Ku-Stall: Warten auf den Chef-Coach in Ottbergen

Premiere: Mit Lothar Kittsteins Stück „Zu spät! Zu spät! Zu spät!“ spiegelt das Theater im Ku-Stall eine Gesellschaft im Dauerstress und Optimierungswahn

Helga Krooß
14.11.2018 | Stand 14.11.2018, 14:33 Uhr

Ottbergen. Das Ensemble des Theater im Ku-Stall mit Regisseurin Melanie Peter greift gerne zeitgemäße Themen auf und ist dabei immer für eine Überraschung gut. Bei dem aktuellen Stück „Zu spät! Zu spät! Zu spät!" von Lothar Kittstein steht die „Coaching"-Industrie mit allen ihren Nebeneffekten und Eitelkeiten im Mittelpunkt. Es ist die Spiegelung einer Gesellschaft im Dauerstress und Optimierungswahn. Ein tiefgründiges Stück, das von den Charakteren der Figuren lebt. Es geht um das andauernde Gefühl der Überforderung, den Druck, alles sein und erreichen zu können, alles schaffen zu müssen. Das Tagungshaus liegt mitten im Wald Das Tagungshaus liegt mitten im Wald. Fünf Coaches reisen hier zu einer High-End-Fortbildung an, um ihr Arbeitsleben zu optimieren. Die Gruppe könnte nicht unterschiedlicher sein. Der mit seinem Handy fest verwachsene Geschäftsmann Georg K. Leinert (Peter Loos) schwört auf die Stuhltherapie. Mit Stühlen im Miniformat, stellt er die gesellschaftliche Position des Klienten nach. Business-Expertin Valentina Tiersch (Alicja Wozniak) berät Unternehmer bei der Kündigung von Menschen. Eine kühle, sachliche, aber auch zynische Frau. Einen Hauch Esoterik bringt Magdalena Punkt (Madlen Köhler) in die Gruppe. Sie glaubt an die Aussagekraft ihrer Tarot-Karten, was von den anderen belächelt wird. Die energische, schwangere Bea Schoomburg (Ute Aland) coacht Kinder, bringt sie „auf die gewünschte Spur". Und dann ist da noch Heiko Beck (Klaus-Dieter Kruse), ein schüchterner junger Mann. Er wurde von seiner Frau (sie ist auch seine Firmenchefin) und seinem Schwager zu einem Persönlichkeitstraining geschickt. Dass er hier falsch ist, wissen die anderen nicht. Alle warten auf den Chef-Coach der Fortbildung Alle warten auf den Chef-Coach der Fortbildung. Doch der kommt nicht. Soll das etwa ein neues Konzept sein? Oder ist einer der Teilnehmer in Wahrheit der Leiter? Oder werden alle heimlich von Kameras beobachtet? Nach kurzem Geplänkel haben die Experten genug. Sie wollen nach Hause. Ein Unwetter macht jedoch die Rückkehr unmöglich. Die Profi-Coaches sind auf sich allein gestellt. Es ist spannend zu sehen, wie sie versuchen, sich gegenseitig zu therapieren. Die zuvor groß zelebrierte Selbstsicherheit der Experten bröckelt. Unaufhaltsam dringt ihre wahre Persönlichkeit ans Licht. Das Misstrauen wächst. Ängste melden sich. Zynismus macht sich breit. Versäumte Chancen und verletzte Gefühle In blau ausgeleuchteten Szenen werden schlechtes Gewissen, versäumte Chancen und verletzte Gefühle sichtbar. „Zu spät!", so die Erkenntnis der Individuen. Die Situation spitzt sich immer mehr zu. Und der über der Bühne schwebende Stuhl als Symbol für Uhrpendel, Damoklesschwert oder goldener Thron verleiht dem Geschehen ein Stück weit Tragik. Das Thim-Ku-Ensemble überzeugt mit einer großen Spielintensität. Unter der Regie von Melanie Peter erschaffen die fünf Schauspieler auf beeindruckende Weise lebensnahe Figuren und rücken deren Einzelschicksale in den Fokus. Man schwankt zwischen Lachen, Wiedererkennung und Nachdenken. Mit tosendem Applaus bedankt sich das Publikum bei den Akteuren vor, auf und hinter der Bühne.

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