Kontrolle: Stefan K. und Ingrid R. kontrollieren, ob alles Notwendige auf dem Fahrzeug ist. Dieses Fahrzeug kommt auch in den Auslandseinsätzen zum Einsatz. - © Amina Vieth
Kontrolle: Stefan K. und Ingrid R. kontrollieren, ob alles Notwendige auf dem Fahrzeug ist. Dieses Fahrzeug kommt auch in den Auslandseinsätzen zum Einsatz. | © Amina Vieth

Höxter Höxteraner Soldaten berichten über das Leben im Auslandseinsatz

25 Jahre ABC-Abwehrbataillon 7 (3): Der Auslandseinsatz gehört zum Soldatenleben dazu. Zwei Soldaten berichten, wie sie die Monate fern der Heimat empfunden haben, was die Herausforderungen sind und wie es einen selbst verändert

Höxter. Viermal war Stefan K. schon im Auslandseinsatz. In drei verschiedenen Ländern und jedesmal mit einem anderen Auftrag. „Jedes Land hat seine eigenen Herausforderungen", weiß der Soldat mit Leib und Seele. Aber auch als Mensch ist es – sowohl psychisch als auch physisch – eine harte Aufgabe. Das hat kürzlich auch Oberleutnant Ingrid R. erfahren, sie war erstmals im Ausland eingesetzt, in Afghanistan. Die beiden Soldaten des ABC-Abwehrbataillons 7, das in diesem Jahr 25-jähriges Bestehen feiert, berichten über ihre Erlebnisse, die Bedeutung der Kameradschaft und die eines Briefes aus der Heimat. „Ich habe mich selbst noch einmal neu kennengelernt", sagt Ingrid R. Die 29-Jährige ist seit 2009 bei der Bundeswehr, seit 2015 beim ABC-Abwehrbataillon 7 in Höxter. Von Oktober bis März war sie im Einsatz in Afghanistan, Masar-e Scharif, ihr erster Einsatz. „Man lebt auf kleinstem Raum, ist rund um die Uhr mit denselben Menschen zusammen, man bekommt immer dieselbe Nahrung", berichtet Oberleutnant Ingrid R., die als Zugführerin eingesetzt ist. Bei den zahlreichen Übungen, die die Soldaten vor dem Einsatz absolvieren müssen, werde man gut vorbereitet, aber es sei dennoch eine Herausforderung. »In zweiter Funktion ist man immer auch Seelsorger« Vor allem das Zwischenmenschliche. Sich aus dem Weg zu gehen, fällt nicht so leicht wie zuhause. Man ist eine Truppe, ein Team. „Empathie", darauf komme es an, betont Ingrid R. „Man muss sehen und merken, wenn es einem mal nicht so gut geht. Mit der Person reden", so die Soldatin. „In zweiter Funktion ist man immer auch Seelsorger", weiß auch Stefan K. Der Hauptfeldwebel und stellvertretende Kompanietruppführer der 2. Kompanie des ABC-Abwehrbataillons 7 war bereits viermal im Auslandseinsatz: 2012 sieben Monate im Kosovo, 2014 fünfeinhalb Monate Türkei, 2013 vier Monate KFOR und 2017 viereinhalb Monate Mali. „Jedes Land hat seine eigenen Herausforderungen", so Stefan K. Hitze in Mali - Spitzenwerte von 50 Grad und mehr Mali hebe sich besonders von den übrigen Einsätzen ab. Vor allem die Hitze mache einem zunächst zu schaffen. „Wir hatten Spitzenwerte von mehr als 50 Grad im Schatten und eine Arbeitstemperatur von mehr als 60 Grad", berichtet der Hauptfeldwebel. Doch es herrsche eine niedrige Luftfeuchtigkeit, die Temperaturen seien dadurch erträglich und durch die Kleidung, wie sie auch im Afghanistan-Einsatz getragen wird, leichter, atmungsaktiver und mit Belüftungsschlitzen. „Sport war aber nur frühmorgens oder in den Abendstunden drin." Das Camp und die Infrastruktur waren Anfang 2017 noch im Aufbau. Die Wasserversorgung musste beispielsweise erst einmal sichergestellt werden. „Drumherum ist jede Menge Wüste und sonst nichts", berichtet Stefan K. Die Duschzeiten waren vorgegeben. Viel Unterhaltung konnte nach dem Dienst nicht geboten werden. „Es gab kaum Internet, aber jede Menge Brettspiele." So vertrieb man sich mit Kameraden – auch aus anderen Ländern – es ist ein multinationales Lager – die Zeit. Sich alleine beschäftigen war nahezu nicht möglich. Man muss miteinander klar- und auskommen. Dabei werde die Bedeutung der Kameradschaft noch deutlicher, weiß Stefan K. Zuhause muss vor dem Einsatz alles geklärt sein Das bestätigt auch Ingrid R. Zwar sei die Infrastruktur in Afghanistan besser, „es gibt deutsche, amerikanische und norwegische Marketender und auch Lokale, in die man nach dem Dienst mal gehen kann und zwei bis drei Stunden am Tag kann W-Lan kostenlos genutzt werden", aber als Einsiedler könne man im Auslandseinsatz nicht bestehen, sind sich die Soldaten einig. Es geht um Zusammenhalt, Gemeinschaft und Austausch. „Wer sich raus zieht, außerhalb des Dienstes nur auf Stube ist, für den zieht sich der Einsatz sehr und das Heimweh könnte sehr groß werden", weiß Ingrid R. Die langanhaltende Distanz zu Freunden, Familie und vertrautem Umfeld können psychisch stark belasten. Deswegen sei es auch wichtig, zuhause alles geklärt zu haben, wenn es in den Einsatz geht, wissen Ingrid R. und Stefan K. Es gebe Paare, die vorher Absprachen treffen, was beispielsweise im Einsatz bei den Telefonaten nicht thematisiert wird. Dass eben nicht jeder Schnupfen des Kindes oder wenn es in der Schule mal nicht so gut läuft, gleich weitergegeben wird, um den Partner im Einsatz nicht stärker als nötig zu belasten. Dafür bedürfe es aber auch der Empathie und Sensibilität des Partners, betont Ingrid R. „Wir hatten Glück, von uns hatte keiner größere Probleme zuhause während des Einsatzes." Einsatz kann frühzeitig beendet werden Stefan K. hat da bereits andere Erfahrungen gemacht. „Während des KFOR-Einsatzes hat der eine oder andere Schwierigkeiten zuhause gehabt. Man muss dann viel mit den Leuten sprechen." Ein offenes Ohr bietet auch Ingrid R. ihren Soldaten immer an. Wenn es gravierende Probleme sind, stehen auch ein Psychologe und ein Militärpfarrer im Lager zur Verfügung. „Diese müssen die Soldaten aus freiem Willen aufsuchen, sonst bringt es nichts. Man bietet aber an, mitzukommen", sind sich Ingrid R. und Stefan K. einig. Und in tragischen Fällen, wie bei einem Todesfall oder einem schweren Unfall eines Verwandten, könnten die Soldaten auch frühzeitig den Einsatz beenden und nach Hause. Der Kontakt zu den Liebsten sei aber sehr wichtig und gebe Halt. Es werden sogar Briefe geschrieben, nicht nur Whatsapp und E-Mails. „Das hat eine sehr große Bedeutung im Einsatz", betont Ingrid R., die auch Weihnachten und Silvester im Auslandseinsatz verbracht hat. „Wir haben auch große Pakete von den Kameraden in Höxter bekommen, das war sehr schön." Stefan K. ergänzt: „Es ist gut zu wissen, dass man nicht aus den Augen und vergessen ist." Alle warten sehnlich auf die Post Mittwoch und Samstag seien die Posttage in Afghanistan, berichtet Ingrid R. „Da warten dann alle ganz gespannt, ob es Pakete oder Briefe aus der Heimat gibt." Denn auch wenn die Infrastruktur in Afghanistan für die Soldaten schon gut sei, fehle es über die Zeit dennoch an gewissen Luxusartikeln. „Es gibt für Frauen nur ein Shampoo. Da kann man sich dann eins, das man lieber nehmen möchte, aus der Heimat schicken lassen", so Ingrid R. Auch Süßigkeiten kamen per Luftpost. So gut sei man in Mali noch nicht aufgestellt. „Wir hatten dafür den Onlinehandel – wenn die Pakete denn ankamen und dann das Richtige geliefert wurde", berichtet Stefan K. „Und wenn der Flieger mit der Post mal nicht kam, gab es lange Gesichter", erinnert sich Ingrid R. an ihren Einsatz in Afghanistan. Die Ausbildung vor dem Einsatz kann auf diese emotionale Herausforderung nicht so intensiv vorbereiten wie auf die Kernaufgaben der Soldaten im Ausland. Immer wieder Kontakt zu den Menschen vor Ort Aber nicht nur der militärische Einsatz steht bei der Vorbereitung auf dem Programm, auch länderspezifische Ausbildung ist ein Teil. Denn die Soldaten müssen die Kultur und die Religion, die Gepflogenheiten vor Ort kennen. „Man kommt immer wieder mit den Menschen vor Ort in Kontakt", berichtet Stefan K. Einheimische arbeiten teilweise auch in den Lagern des Militärs. In der Türkei habe man sich zum Beispiel zivil außerhalb des Lagers frei bewegen, die Gegend erkunden können. „Wir wurden häufig gefragt, warum wir da sind. Wir haben dann erklärt, dass wir zur Unterstützung da sind." Die Reaktionen seien positiv gewesen. „Wir haben häufig Tee oder auch Essen angeboten bekommen", erinnert sich der Hauptfeldwebel. Was sie annehmen können und was nicht, darüber informiere ein Arzt, der mit vor Ort ist. Stefan K. sei noch nie jemand negativ aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Bundeswehr begegnet, auch nicht im Kosovo oder in Mali. Sprachmittler müssen vertrauensvoll sein Und um die Sprachbarrieren zu überwinden stehe immer ein Sprachmittler zur Seite, aus den eigenen Reihen oder ein Einheimischer. Vertrauen spiele hier eine große Rolle, dass keine Passagen in der Übersetzung fehlen oder falsch wiedergegeben werden. „Im Kosovo war der Vorteil, dass einige Russisch sprachen, das ist dem Serbischen nahe. Somit konnten sie das auch teilweise verstehen oder darauf aufmerksam machen, wenn es einen Übersetzungsfehler gab", berichtet Stefan K. In eine akute Gefahrensituation sind weder er noch Ingrid R. bisher im Auslandseinsatz geraten. Die ABC-Abwehrsoldaten sind unterstützende Kräfte in den Einsätzen, für Wasseraufbereitung und Dekontamination zum Beispiel verantwortlich. Sie fahren aber keine Patrouille. »Man weiß die Kleinigkeiten mehr zu schätzen« Auch unwohl gefühlt haben sie sich noch nie im Einsatz, berichten die beiden Höxteraner Soldaten. „Aber die Gefahr spielt immer mit", so Stefan K. Auch Ingrid R. ist sich des Risikos bewusst, „dass Gefahr für Leib und Leben bestehen kann". Aber der Auslandseinsatz gehöre dazu, wenn man sich für einen Werdegang als Soldat entscheidet. Die Bundeswehr biete aber auch sehr viel. „Mich hat das Aufgabenfeld gereizt und die Karrieremöglichkeiten sind gut. Zudem wollte ich gerne Verantwortung übernehmen, mit jungen Menschen arbeiten und sie ausbilden", erklärt die 29-Jährige, die an der Bundeswehruniversität in Hamburg Bildungs- und Erziehungswissenschaften studiert hat. Mehr Wertschätzung für Kleinigkeiten „Bei uns ist kein Tag wie der andere", weiß Stefan K., das sei es, was ihn an dem Beruf so begeistert. Und man komme rum. „Es gibt vermutlich keine Ecke in Deutschland, wo ich mit der Bundeswehr noch nicht war", so der 33-Jährige. Und bei den Auslandseinsätzen entwickle man sich auch weiter, man wisse zudem Kleinigkeiten mehr zu schätzen. Das kann Ingrid R. auch bestätigen. „Dinge wie eine Badewanne oder ein Bad, das man abschließen kann oder einfach mal Fast Food essen zu können, wenn man das will...

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