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Lernten sich via E-Mail kennen: Fritz Ostkämper (l.), Vorsitzender der Jacob-Pins-Gesellschaft, und Ehrengast Harry Lowenstein zeigen das Goldene Buch. - © Mareike Groneweg
Lernten sich via E-Mail kennen: Fritz Ostkämper (l.), Vorsitzender der Jacob-Pins-Gesellschaft, und Ehrengast Harry Lowenstein zeigen das Goldene Buch. | © Mareike Groneweg

Höxter Höxter: Rückkehr eines Zeitzeugen

Erinnerung: Harry Lowenstein, der einzige Zeitzeuge aus Höxter, der den Holocaust überlebte, hat sich am Montag in das Goldene Buch der Stadt eingetragen. Dabei erzählte er auch von seiner Vergangenheit

Mareike Gröneweg
11.06.2018 | Stand 12.06.2018, 10:32 Uhr

Höxter. „Für uns in Höxter ist das hier ein ganz besonderer Tag." Mit diesen Worten begrüßt Fritz Ostkämper, Vorsitzender der Jacob-Pins-Gesellschaft, die zahlreichen Besucher am Montagnachmittag. Harry Lowenstein, der seit vielen Jahrzehnten nicht mehr in seiner Heimatort Höxter-Fürstenau war, hat sich ins Goldene Buch der Stadt eingetragen. Er ist der einzige noch lebende Holocaust-Überlebende aus Höxter. Umringt von Jacob-Pins-Werken sitzt ganz vorne am Tisch der 87-jährige Harry Lowenstein. Er trägt ein hellblaues Hemd, in den Händen hält er ein Taschentuch. Er wirkt gefasst, während er den Rednern zuhört. Ab und zu blickt er zu seinen zwei Töchtern und seinem Schwiegersohn, die in der ersten Reihe sitzen und ihn unterstützen. Ostkämper stellte den Kontakt zu Lowenstein her, indem er ihm 2012 eine E-Mail schickte. Diesem ersten Kontakt seien zahlreiche Versuche voran gegangen, die am Namen scheiterten. „Was ich damals noch nicht wusste, war, dass er sich von seinem damaligen Namen Helmut Löwenstein getrennt hatte", sagt Ostkämper. Nachdem die erste E-Mail im Postfach von Lowenstein landete, antwortete er innerhalb weniger Tage. „Es entwickelte sich durch diese Mails eine Verbindung, die nicht gebrochen werden kann", berichtet Lowenstein. „Wir sollten für die Gegenwart Lehren aus der nationalsozialistischen Vergangenheit ziehen" Laut Ostkämper wurden 80 Juden aus Höxter und den dazu gehörenden Dörfern deportiert. „Davon überlebten nur drei. Und heute lebt nur noch Harry Lowenstein." Der Tag seines Besuches sei deshalb ein Tag zum Nachdenken. „Wir sollten für die Gegenwart Lehren aus der nationalsozialistischen Vergangenheit ziehen", findet Ostkämper. Auch Bürgermeister Alexander Fischer betonte diesen Appell in seiner Rede. Zwischendurch richtete Fischer seine Worte direkt an den Ehrengast: „Sie haben die Vernichtungsmaschinerie, den Holocaust, überlebt." Die Veranstaltung am Montag solle dazu dienen, sich zu entschuldigen und die Erinnerung wachzuhalten: „Wir sollten nicht nur heute, sondern stets rassistischen Tendenzen entgegen treten", fordert er das Publikum auf. "Sie haben die Vernichtungs-Maschinerie, den Holocaust, überlebt" Im Anschluss richtete Landrat Friedhelm Spieker einige Worte an Lowenstein und das Publikum im Forum Jacob Pins. Nachdem er eine Brücke zwischen Lowensteins Geschichte und dem Ort der Veranstaltung schlug, bedankte er sich: „Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie sich dafür entschieden haben und wir einander hier begegnen können." Auch zwei Schülerinnen des König-Wilhelms-Gymnasiums sprachen vor dem Plenum. „Die Opfer der Schoah haben einen Auftrag hinterlassen, der aufgrund der gegenwärtigen rassistischen Tendenzen an Bedeutung gewinnt", sagt Saskia Pottmeier. Zudem betonen sie, wie wichtig Zeitzeugen sind: „Der Klang Ihrer Stimme kann nicht durch Geschichtsbücher ersetzt werden." Sie seien froh, dass sie sich von nun an Zeugen eines Zeitzeugen nennen können. Bevor Lowenstein seinen Namen in das Goldene Buch schrieb, ließ er das Publikum an seinen Erinnerungen teilhaben. Die Übersetzerin Elizabeth Tischer war bei einigen Passagen sichtlich berührt: „Es war anstrengend, weil es sehr bewegend war", resümiert sie nach der Veranstaltung. Lowenstein berichtete von den Deportationen nach Riga, Kaiserwald und Stutthof. „Sie haben unsere Uhren, Ringe und Wertsachen genommen und eingepackt. Sie schrieben unsere Namen darauf, doch das bedeute nichts", beschreibt er eine Situation bevor er nach Riga kam. Lowenstein nimmt kein Blatt vor den Mund Lowenstein nimmt kein Blatt vor den Mund. Er berichtet davon, wie er Fischköpfe essen musste, es kaum Nahrung gab und nach und nach seine Familie ermordet und vergast wurde. „Ich habe jede Art von Mord gesehen – Erschießen, Hängen, Ertränken." Während seinen Ausführungen wird es still im Publikum. Doch in seinen Erzählungen geht es auch um die Freude, die er in seinem Leben nach der Auswanderung in die USA fand. Wenn er von seiner Familie sowie seiner 2017 verstorbenen Frau Carol spricht, lächelt Harry Lowenstein. Und die Gesichter im Publikum zeigen: „Für uns in Höxter ist das hier ein ganz besonderer Tag."

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