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Recherchiert: Autor Ernst Würzburger arbeitet die nationalsozialistische Vergangenheit auf. - © Simone Flörke
Recherchiert: Autor Ernst Würzburger arbeitet die nationalsozialistische Vergangenheit auf. | © Simone Flörke

Kreis Höxter Ernst Würzburger schreibt über Zwangsarbeit im Kreis

"Man wollte davon nichts wissen"

Lena Vanessa Niewald
09.11.2016 | Stand 08.11.2016, 18:23 Uhr

Höxter/Kreis Höxter. Alles fängt bei ihm mit einer Frage an: "Ich versuche meistens, die Frage zuerst für mich zu klären - und bis jetzt ist dann immer ein Buch daraus geworden", erzählt Ernst Würzburger. Das neue Werk des Höxteraner Autors ist jetzt auf dem Markt. An diesem Donnerstag erscheint seine Abhandlung über Zwangsarbeiter im Kreis Höxter im Jörg-Mitzkat-Verlag in Holzminden. Eineinhalb Jahre intensive Arbeit stecken in den 360 Seiten mit 84 Abbildungen. "Die Recherche hat viel Spaß gemacht, aber hinterher alles aufzuschreiben - das war stellenweise sehr schwierig." »Diese Menschen wurden stigmatisiert, ausgebeutet und diskriminiert« Ernst Würzburger ist 1984 von Berlin in den Kreis Höxter gezogen. Seit dem recherchiert er über die nationalsozialistische Vergangenheit des Kreises - eines der schmerzhaftesten Kapitel der Stadtgeschichte. Seitens der Stadt bekam der Autor und Journalist jahrelang keinerlei Unterstützung. Trotzdem gab er nie auf und brachte 1990 das Buch "Höxter: Verdrängte Geschichte. Zur Geschichte des Nationalsozialismus einer ostwestfälischen Kleinstadt" heraus. Vor drei Jahren fügte Würzburger weitere Rechercheergebnisse in einem neuen Kapitel dem Erstlingswerk hinzu. Für sein aktuelles Buch "Zwangsarbeit im Kreis Höxter - Zwangsdarbeiter - Displaced Persons - Heimatlose Ausländer" hat sich Würzburger jetzt mit der Situation von Zwangsarbeitern und Heimatlosen in der Region des Kreises Höxter beschäftigt. Mehr als zehn Millionen Zwangsarbeiter waren nach offiziellen Angaben im nationalsozialistischen Deutschland in speziellen Lagern einquartiert - zahlreiche von ihnen auch im Kreis Höxter. Nicht nur um 1945/46 waren Zwangsarbeiter in sogenannten DP Camps (Displaced Persons; Heimatlose; Anm. der Red.) untergebracht. Auch 1950/51 kamen laut Würzburgers Recherchen noch mal rund 700 heimatlose Ausländer, hauptsächlich aus Osteuropa, in den Kreis. Würzburger: "Diese Menschen wurden stigmatisiert, ausgebeutet und diskriminiert." Würzburger ist besonders wichtig, das Thema der Zwangsarbeit überhaupt wieder ins Gedächtnis der Menschen zu rufen. Nach der Jahrtausendwende, als international über die Entschädigungen für Zwangsarbeiter diskutiert wurde, geriet die gesamte Thematik um Zwangsarbeiter, Fremdarbeiter und heimatlose Ausländer eher in Vergessenheit, sagt er. Heute spreche kaum noch jemand über die zahlreichen Arbeiter, die hier im Kreis untergebracht waren. Für Würzburger ein typisches Verhalten: "Bei einem solch unangenehmen Thema greift der Verdrängungsmechanismus. Das sind psychische Prozesse, die da ablaufen." Viele verbänden mit den Zwangsarbeitern wenn überhaupt noch Kriminalität. Mit seinem Buch will Würzburger aufklären und Licht in dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte bringen.

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