Symbol gegen Krieg und Hunger: "Es muss doch unser Minimalziel sein, dass allen Menschen dieser Erde dieses Grundnahrungsmittel zur Verfügung steht." - © Katrin Schubert
Symbol gegen Krieg und Hunger: "Es muss doch unser Minimalziel sein, dass allen Menschen dieser Erde dieses Grundnahrungsmittel zur Verfügung steht." | © Katrin Schubert

Höxter Militärseelsorger erzählt von seinen Eindrücken in Afghanistan

Der Theologe war in Mazar-e-Sharif als Seelsorger im Einsatz

Katrin Schubert

Höxter. Michael Rohde muss Menschen Trost spenden, die dem Tod oft sehr nahe sind. Er begleitet als evangelischer Militärseelsorger Soldatinnen und Soldaten bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr. 2010 und 2013 war der Vater zweier Kinder mehrere Monate in Afghanistan - im Camp Marmal, dem Hauptquartier des damaligen Regionalkommandos Nord in Mazar-i Scharif. Von seinen Eindrücken erzählte er im Historischen Rathaus in einem interaktiven Vortrag, zu dem er von der Aktionsgruppe Höxter-Holzminden des Kinderhilfswerks Plan eingeladen worden war. Von den Soldatinnen und Soldaten ist der Seelsorger bei seinen Einsätzen in Krisengebieten kaum zu unterscheiden. Zu seinem Vortrag hat er seine Dienstkleidung mitgebracht. "Das sieht aus wie eine Uniform, ist aber keine", erklärt Rohde, während er auf den Ärmel seiner Tarnjacke zeigt. "Hier auf der Schulterklappe steht domini sumus." Der Sinnspruch - auf Deutsch: Wir gehören zum Herrn - schmückt das Wappen der Militärseelsorge der Bundeswehr. Ein Dienstgrad ist das Wappen auf der Schulterklappe seiner Jacke nicht. Die Militärseelsorger der Bundeswehr sind Zivilisten und stehen deshalb bei ihren Einsätzen in Krisengebieten auch unter Personenschutz. "Ein Soldat spricht nicht vom Töten, man bekämpft ein Ziel" Rohde hat in Afghanistan viel Schlimmes erlebt. "Sechs Kilometer vom Hauptquartier entfernt gab es ein Camp mit pakistanischen Flüchtlingen", erzählt er. "Die Menschen haben dort in Erdlöchern gelebt, wo Planen drübergelegt waren." Dann zeigt er ein Foto von dem Camp, auf dem zwei kleine Mädchen zu sehen sind. Mit leerem Blick schauen sie direkt in die Kamera. "Ich habe noch nie Kinder gesehen, die so jung waren und so verhärtete Gesichter haben", sagt Rohde. In dem Flüchtlingscamp musste er miterleben, wie Kinder Not leiden, verhungern oder erfrieren. Die Hilfe, die man dort leisten konnte, sei ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen. "Das hat uns allen ganz schön zu schaffen gemacht." Wichtig sei dabei zu verstehen, dass die ISAF keinen humanitären Auftrag habe, ergänzt der Theologe. "Jeden Tag, wenn ein Militär da rausfuhr, hat er das ISAF-Mandat verlassen." Im Februar 2011 hat Rohde in einem Außenposten nahe Kundus dann miterlebt, wie ein afghanischer Rekrut in eine Gruppe von Deutschen schoss, die auf ihren Marder-Panzern saßen. Das Ereignis ging damals durch die Medien. "Ich stand daneben, als das passiert ist", sagt er. Der Soldat traf neun Menschen, drei von ihnen starben. Die Schreckensbilder wird Rohde wohl nie vergessen. Als Seelsorger muss sich der Theologe auch mit moralischen Fragen auseinandersetzen. "Von 2010 bis 2012 sind wir in Afghanistan immer häufiger in der Situation gewesen, dass Menschen schießen, dass sie töten mussten. Und ein Soldat spricht nicht vom Töten, man bekämpft ein Ziel." Wenn die betroffenen Soldatinnen und Soldaten auf den Seelsorger zukommen, gehe es dann vor allen Dingen um die Frage nach der persönlichen Schuld. "Da ist es wichtig, dem einzelnen Menschen in seiner Situation zuzuhören", erklärt Rohde. Der Einzelne müsse lernen, ein solches Erlebnis als Bestandteil seines Lebens zu akzeptieren. Um Ereignisse verarbeiten zu können, sei es jedoch wichtig, sie genau zu benennen. "Gott sei Dank kommen nur ganz, ganz wenige Soldaten in die Situation, schießen zu müssen." Rohde hält sich mit politischen Aussagen zum Konflikt zurück. "Meine Aufgabe ist es nicht, das Geschehen in Afghanistan zu bewerten", sagt er, "sondern die Soldatinnen und Soldaten seelsorgerisch zu begleiten." Für das Land sieht er Hoffnung, wenn man auf Bildung setzt. "Über Bildung erweitert sich der Horizont und die Kinder lernen dann hoffentlich wieder andere Formen der Konfliktbewältigung." Kurz gefragt Herr Rohde, mit welchen Themen treten die Soldatinnen und Soldaten in Krisengebieten an Sie als Seelsorger heran? Michael Rohde: Das sind eigentlich alle Dinge, die Menschen generell bewegen in Bezug auf Ängste, in Bezug auf Familien und Beziehungen plus die Situation mit extremen psychischen und physischen Herausforderungen im Einsatz. Wie verarbeiten Sie selber das, was Sie in Krisengebieten erleben. Haben Sie auch jemanden, dem Sie sich mitteilen können? Rohde: Im Camp Marmal waren drei Ärzte, mit denen ich mich sehr offen austauschen konnte. Wir haben viel zusammen geredet und geweint. Ich habe außerdem eine relativ gute Ausbildung für Extremsituationen und kann daher, glaube ich, sehr gut damit umgehen. Auch meine Familie trägt das gut mit. Und dann ist da auch noch mein Glaube. Wenn Sie sich monatelang in Krisengebieten aufhalten, wie trägt das eigentlich ihre Familie? Rohde: Meine Frau ist nicht das primäre Thema. Ich habe eher Sorgen um meinen elf-jährigen Sohn. Beim letzten Einsatz haben wir bemerkt, dass er schlecht schlafen kann, weil er sich Sorgen macht. Mir ist klar, dass ich die Ursache für seine Schlafstörungen bin und das macht mir schwer zu schaffen.

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