Per Handschlag: Der Höxteraner Bürgermeister Alexander Fischer begrüßt die ersten Flüchtlinge in der Notunterkunft vor dem ehemaligen Offiziergebäude an der Brenkhäuser Straße. - © David Schellenberg
Per Handschlag: Der Höxteraner Bürgermeister Alexander Fischer begrüßt die ersten Flüchtlinge in der Notunterkunft vor dem ehemaligen Offiziergebäude an der Brenkhäuser Straße. | © David Schellenberg

Höxter Flüchtlinge ziehen in Notunterkunft auf Kasernengelände

Höxteraner begrüßen Asylbewerber mit Applaus / 258 Plätze im Offiziersheim und dem Stabsgebäude


Höxter. Applaus brandet auf, als die erste Gruppe Flüchtlinge - bepackt mit Taschen dun Rucksäcken - die Brenkhäuser Straße überquert und von einem Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes zum ehemaligen Offiziersgebäude geleitet wird. Die Flüchtlinge lächeln, winken zurück.

Vor dem Gebäude haben sich zahlreiche Helfer versammelt, die die Menschen willkommen heißen. Wasser und Apfelschorle stehen bereit, Geschirr und Warmhalteboxen mit Essen werden hineintransportiert, Bierzelt-Garnituren aufgebaut. Ein Dolmetscher gibt einen kurzen Überblick, bevor die Flüchtlinge die Notunterkunft beziehen. 258 Plätze hat der Kreis mit vielen ehrenamtlichen Helfern aber auch Firmen dort innerhalb weniger Tage geschaffen, Catering und Security bereitgestellt.

Ein Mann aus Bangladesch berichtet, er sei auf seiner Flucht einen Monat lang unterwegs gewesen. Ein junger Vater hat ein Kleinkind auf dem Arm, das schon ein Plüschtier in die Hand bekommen hat. Eine Höxteranerin kommt dazu und reicht ihm noch zwei Schokoriegel. Andere halten Schilder hoch: "Welcome in Höxter".

Auch Mirja und ihre Mutter Beate Riedemann sind gekommen. Die Tochter hat neben Süßigkeiten einige ihrer Plüschtiere mitgebracht und will sie verschenken. Die Achtjährige lächelt, auch wenn ihr die Trennung nicht bei jedem Kuscheltier leicht gefallen ist. Zuhause hat sie noch genug. "Wir wollen ein kleines Zeichen setzen, damit sich die Flüchtlinge willkommen fühlen." Die meisten Deutschen seien hilfsbereit, fügt sie hinzu.

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Vier Busse aus der Erstaufnahmeeinrichtung Bielefeld sollten gestern Abend nach Auskunft des Kreises in Höxter an der Notunterkunft eintreffen. Die ersten waren gegen 17.30 Uhr bereits in der Kaserne auf der anderen Seite der Straße angekommen, wo die Flüchtlinge einen Medizin-Check erhielten. Eine Minimalmöblierung sei für die Notunterkunft geschaffen worden - Betten, Tische, Stühle, erzählt Matthias Kämpfer als stellvertretender Leiter des Stabes für Flüchtlinge beim Kreis. Neben dem Offiziersheim sind zusätzliche Zelte mit Dusch- und Waschgelegenheiten errichtet worden, daneben eine lange Reihe an Toiletten. Das Engagement der beteiligten Helfer, Organisationen und Firmen am Wochenende bezeichnet Kämpfer als "sagenhaft".

"Sie haben einen langen Weg hinter sich, haben die Heimat verlassen, um eine neue Heimat zu finden", begrüßt Landrat Friedhelm Spieker die Angekommen. "Sie wollen Asyl beantragen, weil in Ihrem Heimatland Krieg droht oder Sie verfolgt werden." Höxter werde ihnen Hilfestellung und eine sichere Obhut geben. In der Notunterkunft sei noch nicht alles perfekt, weil man nur vier Tage Zeit gehabt habe. Doch er hoffe, sie würden sich wohlfühlen und dort zur Ruhe kommen können. Es gelte, dort auch Spielregeln einzuhalten. Im Gebäude werde die Registrierung mit einer mobilen Erfassungsstelle des Bundesamtes für Migration erfolgen.

Spieker dankt für die enorme Hilfsbereitschaft und hofft, dass diese nicht abreiße - man könne diese Aufgabe nur mit Unterstützung aus der Bevölkerung bewältigen. Den Willkommensgrüßen und dem Dank an die vielen Beteiligten schließt sich Bürgermeister Alexander Fischer an. Rajinder Kumar, der seit zehn Jahren in Höxter lebt und dort einen Asia-Shop und ein Restaurant betreibt, kümmert sich um die Übersetzung dieser Worte ins Hindi - denn vom ersten Schwung der Flüchtlinge kamen 80 Prozent aus Bangladesch, weitere aus Syrien, Irak und Afghanistan, so Kreissprecherin Silja Polzin. "Es ist für den guten Zweck", betont der freundliche Mann seinen ehrenamtlichen Einsatz im Übersetzer-Pool des Kreises. Kumar: "Was man machen kann, sollte man machen."

"Alle haben Angst, was da auf sie zukommt", sagen die Übersetzerinnen Hala Gorges und Roalda Bro. Sie haben zwei weitere freiwillige Dolmetscher zur Unterstützung mitgebracht, Roaldas Schwester Rima und Toni Krababj. Für Arabisch und Kurdisch. "Die Menschen haben auf ihrer Flucht so viel durchgemacht. Wir müssen ihnen deutlich machen, dass es jetzt Unterstützung gibt - moralisch und seelisch", erklärt Hala Gorges, seit 1986 in Höxter zu Hause. Nie hätten sie erwartet, dass so viele Flüchtlinge auf einmal hier ankommen werden: "Als der Anruf vom Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Höxter kam, waren wir auch überrascht und sprachlos." Sie selbst und sicherlich auch viele Höxteraner machten sich Gedanken darüber, wie es jetzt weitergehe.

"Flexibilität und Spontanität sind jetzt gefragt", fasst Annette Hesse vom Verein "Welcome" die Situation zusammen. "Wir werden mit der Leitung des DRK absprechen, was die Menschen brauchen und assistierend dabei sein", berichtet sie. "Zuallererst ist es wichtig, dass wir die Menschen freundlich begrüßen - und kein wilder Aktionismus."

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