Anja Niedringhaus' letzte Ruhestätte in Höxter. - © FOTO: MELANIE PETER
Anja Niedringhaus' letzte Ruhestätte in Höxter. | © FOTO: MELANIE PETER

Höxter 49 Kerzen für Fotografin Anja Niedringhaus

Zum Geburtstag gedenken Gäste aus aller Welt der ermordeten Journalistin aus Höxter

Mathias Brüggemann

Höxter. Freitag, 4. April 2014: Die aus Höxter stammende Pressefotografin Anja Niedringhaus und ihre kanadische Kollegin Kathy Gannon wollen über die Wahlen in Afghanistan berichten, sind in einem Konvoi unterwegs, als sie an einem Polizeikontrollpunkt in Banda Khel im Osten Afghanistans stoppen müssen. Plötzlich eröffnet der Polizeikommandant mit den Worten "Allahu Akbar"("Allah ist groß") mit seiner Kalaschnikow das Feuer auf den Wagen der beiden Journalistinnen. Anja Niedringhaus ist sofort tot. Ihre Kollegin wird schwer verletzt. Am vergangenen Wochenende gedachten Angehörige, Freunde und Kollegen aus aller Welt der Fotografin. Am Sonntag, 12. Oktober, hätte Anja Niedringhaus ihren 49. Geburtstag gefeiert. Anja Niedringhaus *12.10.1965 † 4.4.2014 steht auf der glänzenden schwarzen Grabplatte aus Granit, darüber ein Farbfoto der Höxteraner Fotojournalistin. So wie man sie kannte, so wie man sie in Erinnerung behalten soll: mit einem strahlenden Lächeln und mit der Kamera in der Hand. In der schwarzen Grabeinfassung ist ein Stein eingefügt, in den ein QR-Code eingeschliffen ist. Per Smartphone können Friedhofsbesucher über diesen Code direkt die Homepage von Anja Niedringhaus aufrufen, die von Freunden und Kollegen ständig aktualisiert wird. Früh an diesem Sonntag, dem Geburtstag ihrer Tochter, wird Heide Ute Niedringhaus-Schulz dort 49 Kerzen anzünden. Auch Kathy Gannon, die bei dem Anschlag schwer verletzt wurde, hatte ihren Besuch in Höxter fest eingeplant. Doch sie musste absagen. "Es geht ihr schlechter. Sie liegt in New York im Krankenhaus und musste erneut operiert werden", berichtet Heide Ute Niedringhaus-Schulz, die in ständigem Kontakt mit Anjas Kollegin und Freundin steht. "Tschüss, bis bald. Viele Grüße auch von Kathy" - das sind die letzten Zeilen, die Anja Niedringhaus aus Afghanistan per E-Mail ihrer Mutter geschickt hat. Das war am 31. März. Fünf Tage vor ihrem Tod. Es war ihr Humor, der ihr half, die Angst zu bekämpfen und die Schrecken des Krieges zu verarbeiten. "Mit schrägen Sprüchen", so sagte sie einmal in einem Interview, rette sie sich häufig über das Schreckliche hinweg. Einmal war sie mit Kathy Gannon im Taxi auf einer der gefährlichsten Straßen Afghanistans unterwegs. Beide hatten sich landesüblich gekleidet und einen Riesenspaß, als sie ausprobierten, ob man unter einer Burka rauchen kann. Mut und Hartnäckigkeit bewies Anja Niedringhaus. Schon mit zwölf wusste sie, dass sie Fotografin werden wollte. Mit 17 machte sie ihr erstes Zeitungsfoto als freie Mitarbeiterin der Neuen Westfälischen in Höxter. Der damalige Leiter der Lokalredaktion, Arnold Alber, hatte sie zu einer Jubilarehrung ins Bad Driburger Rathaus geschickt, nicht wissend, dass die KWG-Schülerin noch gar keinen Führerschein hatte. Anja nahm den Redaktionswagen und fuhr trotzdem. Als freie Mitarbeiterin des Göttinger Tageblatts ignorierte sie die Warnungen der Kollegen und die Absperrungen der Polizei, um die Räumung eines besetzten Hauses aus nächster Nähe zu fotografieren. Mit der Folge, dass sie mitten in die gewaltsamen Auseinandersetzungen geriet und am Kopf verletzt wurde. Dafür hatte sie Fotos im Kasten, die kein anderer Pressefotograf hatte. Die Deutsche Presse-Agentur kaufte ihr die Bilder ab und verbreitete sie bundesweit. 1990 stellte die European Press Photo Agency (EPA) sie als erste Frau ein. Hartnäckig lag sie dem EPA-Chefredakteur so lange in den Ohren, bis er sie zur Berichterstattung über den Balkan-Krieg nach Sarajevo schickte. Später folgten Kriegseinsätze für die Agentur Associated Press (AP) unter anderem im Gazastreifen, im Irak, in Libyen und Afghanistan. Ihre Bilder schafften es auf die Titelseiten der bedeutendsten Blätter in aller Welt. Denn ihre Bilder waren anders. Einzigartig. Anja Niedringhaus kam es darauf an, die menschlichen Folgen der Kriege zu zeigen und nicht die Militärmaschinerie. Sie zeigte das Leid der Zivilisten und Soldaten, sie zeigte den Alltag der Menschen in den Kriegsgebieten, manchmal sogar die heiteren Seiten. Dafür wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2005 erhielt sie zusammen mit neun AP-Kollegen die höchste Auszeichnung, die ein Journalist bekommen kann: den Pulitzer Preis. Obwohl sie über Jahre konfrontiert war mit den Gräueln der Kriege, stumpfte Anja Niedringhaus nicht ab. Das Leid der Menschen ging ihr nahe. In Sarajevo legte sie auch schon mal die Kamera zurück in die Tasche und fuhr stattdessen Verletzte ins Krankenhaus. Einen verwundeten US-Soldaten, den sie beim Abtransport im Rettungshubschrauber fotografiert hatte, spürte sie nach einem halben Jahr auf, um zu sehen, wie es ihm ging. Sie kümmerte sich um einen irakischen AP-Fotografen, der als angeblicher Terrorist verhaftet worden war, flog nach Bagdad und verhandelte um seine Freilassung. "Anja war eine Fotografin mit Herz", beschreibt ihre Mutter sie. Abschalten und Kräfte sammeln, das konnte sie in Kaufungen bei Kassel, wo sie bei ihrer Schwester Gide und deren Familie lebte. Und in Höxter, ihrer Heimatstadt, an der sie hing. "Sie war Höxteranerin mit Leib und Seele", sagt ihre Mutter. Hier standen Anjas roter Alfa und ihr Motorrad. Sie legte Wert darauf, dass ihre Fahrzeuge Höxteraner Kennzeichen hatten. Nicht zuletzt deshalb wünscht sich Heide Ute Niedringhaus-Schulz, "dass Anja auch in ihrer Heimatstadt in ihren Bildern weiterlebt". Überall würden ihre Fotografien gezeigt, ob in New York oder Rom, in Berlin oder Frankfurt oder zuletzt auf der Photokina in Köln oder im französischen Perpignon. Es wäre schön, meint sie, wenn es auch in Anjas Heimatstadt möglich wäre, zum Beispiel in einer Daurausstellung das Leben und Werk der berühmten Höxteranerin angemessen zu würdigen. Mehr als 100 Fotos hat Heide Ute Niedringhaus-Schulz im Zimmer ihrer Tochter deponiert. Dort liegen sie in Folien verpackt unter dem Bett.

realisiert durch evolver group