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Höxter

Abschied von einer Botschafterin der Menschlichkeit

Hunderte Menschen begleiten die getötete Agenturfotografin Anja Niedringhaus in Höxter auf ihrem letzten Weg

VON SIMONE FLÖRKE
14.04.2014 | Stand 13.04.2014, 19:34 Uhr
Unter blühenden Bäumen zogen die Trauernden hinter Pfarrdechant Ludger Eilebrecht und Pfarrer Dieter Maletz (beide Höxter) von der Abteikirche zum Friedhof am Wall in Höxter, wo Anja Niedringhaus begraben wurde. - © FOTOS (4): OLVER KRATO
Unter blühenden Bäumen zogen die Trauernden hinter Pfarrdechant Ludger Eilebrecht und Pfarrer Dieter Maletz (beide Höxter) von der Abteikirche zum Friedhof am Wall in Höxter, wo Anja Niedringhaus begraben wurde. | © FOTOS (4): OLVER KRATO

Höxter. "Mein Schatz, I miss you": Diese Worte der schwer verletzten kanadischen Kollegin Kathy Gannon aus dem Krankenhaus in Frankfurt am Main beschlossen einen zu Herzen gehenden hangeschriebenen Brief. Die 60-Jährige konnte wegen der Verletzungen auf dem letzten Weg ihrer Freundin nicht zur Beisetzung kommen. Den Brief verlas deshalb Pfarrer Bernd Müller während der Trauerfeier für Anja Niedringhaus in ihrer Heimatstadt Höxter.

"Du hast nie genug geben können. Dein Herz hat keine Grenzen gekannt", schreibt die Journalistin an ihre getötete Kollegin. "Ich schließe meine Augen, und ich sehe dein Lächeln. Ich höre dein Lachen. Und ich erinnere mich an einige deiner letzten Worte: I am so happy. Mein Schatz, du warst so glücklich." Momente eines sehr persönlichen, ergreifenden Abschieds von Anja Niedringhaus, den mehrere Hundert Trauergäste in der Corveyer Kirche teilten.

Ein Meer von Blumen und Kränzen, viele weiße Rosen und weiße Lilien. Dazwischen der glänzende dunkle Sarg vor dem Altar, darauf ein Blumenbouquet mit weißen Blüten. Dahinter das Foto der lächelnden Anja Niedringhaus mit fröhlich blitzenden, blauen Augen. Und genau diese Fröhlichkeit und diese Lebensfreude, ihre Menschlichkeit und ihre Mitmenschlichkeit betonten die Trauerredner in ihren treffenden wie ergreifenden Worten immer wieder.

Sie werde nun "mit den Sternen tanzen", sagte Hasso Werk, der im Namen ihrer Freunde sprach. Anja Niedringhaus? Tod habe ein Loch im Herzen und in der Seele hinterlassen. Er sprach von ihren Fotos, nach deren Betrachtung man habe süchtig werden können. Und davon, dass Anja Niedringhaus stets die Würde der Menschen wahrte, die sie fotografierte. Ihr sei die Gefahr ihrer Arbeit stets bewusst gewesen. Sie habe sich trotzdem "sehenden Auges in Lebensgefahr begeben", weil sie von ihrer Aufgabe überzeugt gewesen sei.

Ein "unvollendetes, beeindruckendes Leben", so fasste es Pfarrer Bernd Müller aus Kaufungen zusammen, wo Anja Niedringhaus auf dem Hof ihrer Schwester bei Pferden, Hunden und Hühnern ihre Auszeiten genommen habe. Für die Seele. In einem geschätzten Refugium. "Bevor die nächste SMS mit einem Auftrag kam und ihre Augen aufblitzten": Rastlosigkeit zwischen aufreibenden Kriegeschauplätzen, Politikertreffen und Sportevents. Ihre Familie habe um sie gebangt - trotz des jahrelangen Gewöhnungseffektes. "Ostern wollte Anja zu Hause sein", sagte Müller. Und: "Afghanistan war ihr Ding." Von dort berichten, Fotos machen zu können - dafür habe sie gerungen. Ein "Leben an der Grenze von Leben und Tod", getrieben von einer "permanenten Neugier auf das Leben".

Sie sei preisgekrönt worden für ihre "Botschaft der Menschlichkeit", sagte ein sichtlich bewegter Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister und früherer Leiter des UN-Umweltprogrammes Unep. Ihre Bilder seien "Zeugnisse der Wahrheit", die den Betrachter zwängen, Stellung zu beziehen. Anja Niedringhaus habe berichtet von den "Schädelstätten unsere Zeit", von der "grauenvollen Fratze von Hass, Krieg, Terror und Unmenschlichkeit", so Töpfer - dabei habe sie sich kompromiss- und bedingungslos der Wahrheit verpflichtet gesehen. Ihr Tod habe entlarvt, was sie mit ihren Bildern und ihrem Leben habe entlarven wollen. AP-Chefredakteurin Kathleen Carroll erinnerte an die Geschichte mit einem verwundeten US-Soldaten, den Anja Niedringhaus im Rettungshubschrauber fotografiert hatte - und den sie sechs Monate später aufspürte und besuchte, um zu sehen, wie es ihm ging. Umgeben von einer "Flut aus Tränen" und "umhergeworfen im See der Trauer" sprach AP-Vizepräsident und Fotochef Santiago Lyon aus New York von dem Licht, das Anja Niedringhaus wie ein Leuchtturm mit ihrem außergewöhnlichen Leben verbreitet habe: das Licht als einer unglaublich starken und talentierten Fotografin, das Licht ihres Enthusiasmus?, ihres offenen Lächelns, ihres wunderbaren Humors und ihres spektakulären Lachens, das niemand jemals vergessen könne. "Danke, Anja Niedringhaus - für so vieles - für so viele."

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