Zum Jubiläum: Der Ingenieur und Offizier a.D. der britischen Royal Air Force Michael Rush und seine Frau Linda sind als Gäste aus Südengland angereist. - © Katharina Engelhardt
Zum Jubiläum: Der Ingenieur und Offizier a.D. der britischen Royal Air Force Michael Rush und seine Frau Linda sind als Gäste aus Südengland angereist. | © Katharina Engelhardt

Borgentreich 60 Jahre Radarstellung: Jubiläum in Auenhausen

Im Borgentreicher Orgelmuseum zeigt eine Ausstellung die Entwicklung der Station

Katharina Engelhardt

Borgentreich. Wie ein unsichtbares Band verbindet die Männer die erlebte Zeit. Man kennt immer noch die Spitznamen der anderen, erinnert sich an gewisse Begebenheiten, tauscht Anekdoten aus. Einige haben ihren Wehrdienst an dem Luftwaffenstandort geleistet. Andere wiederum dienten viele Jahre als Berufssoldat: Dort, da oben, da hinten, „am Ende der Welt", wo nicht einmal ein Straßenschild auf den Luftwaffenstandort hinweist. „Einödstandort" – diesen wenig glamourösen Beinamen habe die Radarstation unter Soldaten damals gehabt. „Als ich dort hinkam, gab es nichts in und um Borgentreich", erinnert sich Hartwig Zahler, der insgesamt 23 Jahre als Oberstleutnant in dem Verband gedient hat und dem Standort immer noch verbunden ist. 1966 kam er als 22-jähriger Leutnant aus dem Harz nach Borgentreich. „Weil mich die Radarstellung interessiert hat", erzählt Zahler. Seit 1955 war Borgentreich Garnisonsstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die englischen Soldaten bei Großeneder eine erste mobile Radarstellung errichtet. Der Kalte Krieg war in vollem Gange, die Furcht vor dem mächtigen Gegner aus Russland war immens und die geopolitische Lage der Region um Borgentreich höchst wertvoll. Daten aus dem Luftraum hatten höchste Priorität für das Militär. Auf einer Höhe nördlich von Auenhausen sollte eine große ortsfeste Radarstation gebaut. Nur: Das Land, auf dem gebaut werden sollte, befand sich im Besitz mehrerer Bauern. Kurzerhand ließen die britischen Besatzer die Landwirte enteignen. Gegenwehr hatte keine Chance. „Das war natürlich eine hochemotionale und schwierige Anfangszeit", sagt Hartwig Zahler, der sich mit dem Thema der Akzeptanz der Soldaten durch die Bevölkerung seine gesamte Bundeswehrzeit hindurch beschäftigen sollte. 1955 wurden also der Bunker riesigen Ausmaßes und die Radarantenne gebaut – auf der Anhöhe in Auenhausen, das damals noch zu Borgentreich gehörte. »Ich hätte den Leuten gern erzählt, was wir da tun. Aber das ging nicht« Streng geheim waren die Pläne. In dem Bunker, der Zentrale der Station sozusagen, wurden die durch die Antenne gesammelten Daten aus der Luftraumüberwachung analysiert und verwertet. Michael Rush hat den Bau des Bunkers in Auenhausen nie vergessen können. Es war sein Projekt, als er als junger britischer Offizier 1955 nach Auenhausen abgesandt wurde, um den Bau zu betreuen. Fast hysterisch angetrieben durch den Kalten Krieg sollte der Bau möglichst schnell vonstattengehen. Von insgesamt drei weiteren in Planung befindlichen Radarstellungen in Westdeutschland wurde die in Auenhausen am schnellsten verwirklicht, sagt Rush. „Kontakt zu den Einheimischen sollten wir vermeiden", erinnert sich heute der Brite, der in Südengland lebt. „Ich wäre damals gern in Borgentreich mal in eine Kneipe gegangen und hätte den Leuten erzählt, was wir da tun", erinnert er sich. „Aber das ging einfach nicht", sagt er, ein wenig traurig. Vielleicht hat ihn auch deshalb die Radarstation, der Bau des Bunkers, nie ganz losgelassen. „Ich habe sogar über Google Earth versucht, herauszufinden, ob der Bunker noch in Betrieb ist", sagt er und lacht. Gestern kehrte er mit seiner Frau Linda zurück an den Ort, der ihn viele Jahre beschäftigt hat. Es ist sein zweiter Besuch mittlerweile. »Es ist schön, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren« Der Kontakt zwischen Zahler und Rush kam erst viele Jahre später durch Umwege zustande. Aber vor allem deshalb, weil Rush immer wissen wollte, was dort heute passiert, in „seinem" Bunker. Seit einiger Zeit verbindet ihn mit Hartwig Zahler eine Brieffreundschaft. „Es ist schön, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren", sagt der Brite. Obwohl man sich damals ja gar nicht persönlich begegnet war. 1960 zogen die Briten ab. Die Bundeswehr übernahm die Radarstation sowie die Kaserne (heutige Flüchtlingsunterkunft) und die ehemalige Siedlung der englischen Soldaten, die heute als Brunnenstraße bekannt ist. In eines dieser Reihenhäuschen zogen Hartwig Zahler und seine Familie 1966 ein. „68 Quadratmeter für drei Personen, auf zwei Etagen. Das war schon ein bisschen knapp", erinnert sich Zahler und schmunzelt. Die Integration zwischen Bevölkerung und Heer war und ist Hartwig Zahler ein großes Anliegen. Auch heute noch beschäftigt ihn der Umstand, dass alle dort tätigen Soldaten und Zivilen strenge Geheimhaltung ausüben mussten. „Nichts durften wir über unsere Arbeit erzählen", erinnert sich Zahler. Und dabei hätte er so gern, bloß, um den Nachbarn und Anwohnern das Misstrauen zu nehmen. Das Gelände aber war hermetisch abgeriegelt. „Manchmal riefen uns Bauern an, die Kühe gäben keine Milch mehr – ob das an dem Radargerät liege." An anderen Tagen wieder waren die Rinder ausgebüxt aus den Weiden, weil die Flieger bei ihren Übungs-Tiefflügen über die Ortschaften hinweg jagten. »Bei uns wurde sogar der erste Tischtennisverein gegründet« Es dauerte, bis Bevölkerung und Heer sich wirklich annähern konnten. 500 Soldaten taten zu den Hochzeiten Dienst in Auenhausen. Wirklich heilsam waren erst die Bemühungen der Kommandeure, Freizeitangebote für die Soldaten zu schaffen. „Es wurden Sportplätze gebaut, Casinos, Kegelbahnen – bei uns wurde sogar der erste Tischtennisverein gegründet", erinnert sich Hartwig Zahler stolz. Auf diesen Plätzen begegneten sich Soldaten und Zivile – innige Freundschaften entstanden, Ehen wurden gestiftet, zwischen Stadt und Garnison entwickelte sich eine herzliche Bindung, die bis heute Bestand hat. Deshalb war es auch keine Frage, dass die Stadt das Orgelmuseum für eine Ausstellung anlässlich der 60-Jahr-Feier zur Verfügung stellen würde. Insgesamt gut 500 Fotos und viele seltene Dokumente aus den sechs Jahrzehnten haben Hartwig Zahler, Michael Behre, Werner Dürdoth sowie Hubert Rösel und Wolfgang Groß für die Schau zusammengetragen. Auf großen Aufstellwänden informieren die Bilder und Berichte über die Entwicklung der Station. Von den Anfängen bis heute. Die Bauern übrigens, die zu Anfang für den Bau der Stellung von ihrem Land enteignet worden waren, sind für ihren Verlust entschädigt worden. Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten des Orgelmuseums zu besichtigen. Eintritt frei.

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