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Nach mehr als vier Jahrzehnten ist die Bühne längst das Wohnzimmer des Jürgen von der Lippe. - © Manuela Puls
Nach mehr als vier Jahrzehnten ist die Bühne längst das Wohnzimmer des Jürgen von der Lippe. | © Manuela Puls

Beverungen Jürgen von der Lippe macht als "Grabverweigerer" gute Laune in Beverungen

Komiker Jürgen von der Lippe wird in Beverungen von 1.000 Fans gefeiert. Der Mann mit den Hawaii-Hemd kann’s auch noch mit 71 Jahren

Manuela Puls
09.10.2019 | Stand 09.10.2019, 16:13 Uhr

Beverungen. Nein, er wirkt nicht wie ein 71-Jähriger. Höchstens Ende Fünfzig würde man den erfahrenen Entertainer schätzen, der mühelos 1.000 Fans in der restlos ausverkauften Beverunger Stadthalle unterhält. Natürlich trägt Jürgen von der Lippe die unvermeidlichen Hawaii-Hemden. Und natürlich ist ihm die Bühne vertraut wie das heimische Sofa. So viel Ruhe und Gelassenheit strahlt der routinierte Komiker aus, als er in Beverungen sein aktuelles Programm „Voll fett" präsentiert. Mehr als vier Jahrzehnte Bühnenerfahrung lassen grüßen. Das Alter macht eben milde. „Ich werde euch jetzt zweieinhalb Stunden mit meiner Milde zupflastern", kündigt Jürgen von der Lippe gleich zu Beginn an. Er arbeitet sich an der Jugendsprache ab, die Vogelgezwitscher „Biolärm" nennt und ihn als „Komposti" oder „Grabverweigerer" titulieren würde. Der Zungenkuss wird zur „Mandelspülung", die Nordic-Walker heißen „Stock-Enten", und die Schildkröte ist umgetauft in „Beamten-Windhund". Schreiend schön ist auch die Wortneuschöpfung Fupa für den weiblichen Bauch: „Fat upper pussy area" übersetzt von der Lippe die Abkürzung. Das Publikum lacht Tränen. In Feinripp-Unterhose und T-Shirt ausgesperrt Überhaupt geht es in dem Programm um das Altwerden. Jürgen von der Lippe erzählt, wie er sich in Feinripp-Unterhose und T-Shirt beim morgendlichen Reinholen der Zeitung aussperrte. Und bei den Nachbarn klingeln musste. Sein Shirt trug die Aufschrift: „70 und immer noch spitz" – ein Geschenk zum runden Geburtstag, wie der Entertainer beteuert. Der Komiker sinniert über die Bedeutung des Aussehens. Für die Jugend gelte: Lieber schön als schlau. Im Alter sei es genau umgekehrt. „Man sagt selten über den Opa auf dem Sterbebett: Boa, sieht der geil aus", witzelt von der Lippe. Und dann grübelt er, was mal auf seinem Grabstein stehen soll. „Holt mich hier raus – ich bin ein Star" wäre eine Variante. Am besten kommt aber der Vorschlag: „Gestatten, dass ich liegen bleibe" beim Beverunger Publikum an. Besonders laut sind die Lacher, als von der Lippe wieder mal an Peter Maffay aufs Korn nimmt, der als „Wanderer zwischen den Welten" jüngst mit 69 Vater wurde. Jürgen von der Lippe untermalt sein Programm mit gesammelten Fotos und Filmchen auf einer großen Leinwand. Er outet sich als begeisterter Handyfotograf. So macht er neuerdings bei nächtlichen Hungerattacken schnell ein Foto vom Kühlschrank-Inhalt – damit er anschließend in Ruhe auswählen kann, ohne dass warme Luft reinkommt. Oder er schlägt den knipsenden Japanern „Kaninchen-Ficker" als Lächel-Wort beim Fotografieren vor. Und freut sich diebisch, wie sich die Asiaten beim Nachsprechen anstellen. Liebeslieder-Medley - und das Publikum singt inbrünstig mit Dann greift Jürgen von der Lippe für ein Liebeslieder-Medley zur Gitarre, wie mehrfach an diesem Abend in Beverungen. Beim Schlager-Potpourri singt das Publikum inbrünstig mit zu Freddy Quinn: „So schön, schön war die Zeit". Überhaupt klappt die Interaktion zwischen dem rundlichen Mann auf der Bühne und seinen Fans ganz wunderbar. Er würde gerne wie ein Kaiserpinguin-Männchen die Jungen in der Bauchfalte ausbrüten, sinniert der gebürtige Bad Salzuflener. „Das wäre für mich ´nen Klacks", strahlt er in Anspielung auf seine Leibesfülle. Dann redet er über Sex im Alter und die betagten Männer, die „wie Bluthunde der Fleischeslust dösend vorm Kamin liegen". Und über Ausreden, wenn man versehentlich beim Liebesspiel eingeschlafen ist: „Du hast mich bewusstlos gevögelt!" Er muss ein neues Buch „Nudel im Wind" bewerben Über die Kotztüten der Lufthansa kommt der Komiker zum nächsten Thema: die positiven Auswirkungen mäßigen Alkoholkonsums. Ein Glas Rotwein entspräche der Wirkung von einer Stunde Muckibude. „Alkohol trinke ich nur an Tagen die auf g enden – und mittwochs", grinst von der Lippe, ehe er die Zuhörer wieder mal zum Rudelsingen einlädt – diesmal sind Trinklieder angesagt. Jürgen von der Lippe verabschiedet sich nach seinem elften Gastspiel in Beverungen ganz uneigennützig mit einer kleinen Lesung – schließlich muss er ein neues Buch „Nudel im Wind" bewerben. Gibt´s auch signiert: „Für die liebe Erbtante: Hier ein Buch für dich zum Totlachen." Das Publikum lässt ihn erst nach mehreren Zugaben gehen.

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