Beim Aufbau: Jürgen Böker (l.) und Heiner Hussong mit einem Plakat mit der Vita von Anja Niedringhaus. Im Hintergrund ist das fast sechs Meter große Banner aus New York mit Daten und Fotos zu ihrem Werk zu sehen. - © FOTO: SIMONE FLÖRKE
Beim Aufbau: Jürgen Böker (l.) und Heiner Hussong mit einem Plakat mit der Vita von Anja Niedringhaus. Im Hintergrund ist das fast sechs Meter große Banner aus New York mit Daten und Fotos zu ihrem Werk zu sehen. | © FOTO: SIMONE FLÖRKE

Dalhausen Korbmacher-Museum Dalhausen zeigt ab Sonntag Fotos von Anja Niedringhaus

"Wir sind alle sehr stolz"

Simone Flörke

Dalhausen. Sie sei in die Räume des Korbmacher-Museums in Dalhausen hineingegangen "wie ein Jäger", erzählt Jürgen Böker und muss bei dieser Erinnerung an die Fotografin Anja Niedringhaus ein wenig schmunzeln. "Sie schaute sich um - und sagte nur ,Ja!?" Damit war 2013 klar gewesen, dass die Pulitzer-Preis-Trägerin aus Höxter, die vor einem Jahr in Afghanistan erschossen wurde, dort eine Ausstellung ihrer Bilder machen wollte. "Nur an den Wänden - keine Stellwände." Ihr plötzlicher Tod im April 2014 hat diese Pläne nicht aufgehalten: Die Ausstellung wird unter dem Titel "At World" am Sonntag, 12. April, um 11.30 Uhr eröffnet. "Wir sind alle sehr stolz darauf", sagt Jürgen Böker, der einen engen Kontakt mit der Mutter von Anja Niedringhaus, Heide-Ute Niedringhaus-Schulz in Höxter, pflegt. "Die Bedeutung und die Dimension der Wertschätzung für Anja Niedringhaus sind gewaltig", sagt er und spricht neben den Holzpostkarten von Heiner Hussong und dem Werk von Karl Josef Dierkes von einer "Traumausstellung", die mit dieser sehr persönlichen Werkeschau realisiert worden sei. "Sie war immer unterwegs, manchmal verletzt - dann habe ich sie bei ihrer Ausstellung im Forum Jacob Pins angesprochen", erinnert sich Böker an 2013 und die Vorbereitung und das erste Gespräch zu dieser Ausstellung. Eine Auswahl ihrer Fotos sowie Aufnahmen von den Wahlen und dem Abzug der deutschen Soldaten in Afghanistan sollten dabei sein. Am 4. April 2014 wurde die Höxteranerin, die im Alter von 17 Jahren bei der Neuen Westfälischen in Höxter ihre ersten journalistischen Schritte machte, von einem Polizisten in Afghanistan erschossen. Am Tage der Eröffnung stellt die Familie Niedringhaus auch die zerstörte Kamera aus, während ein fast sechs Meter großes Banner aus New York mit Daten und Fotos aus dem Werk von Anja Niedringhaus die gesamte Ausstellungsdauer zu sehen sein wird. Einzigartig sind auch die Holzpostkarte und der Künstlerkoffer aus der Sammlung Hussong, die Anja Niedringhaus seinerzeit Heiner Hussong zur Verfügung stellte. Eine weitere Besonderheit in dieser Ausstellung sind die erstmalig gezeigten Portraits von Menschen aus Afghanistan. Zur Eröffnung der Dalhauser Ausstellung wird ein Video von Anja Niedringhaus gezeigt, mit dem sie sich an der Harvard Universität anlässlich ihres akademischen Jahres vorstellte. Nach den Grußworten vom Vorsitzenden des Heimatvereines Dalhausen, Jürgen Böker, dem stellvertretenden Bürgermeister Bernhard Villmer sowie Carola Breker aus Höxter wird Albert Schriefer eine Einführung in die bekannten Fotos und in die erstmalig gezeigten Portraitfotos geben. Als Ehrengast wird Anja Niedringhaus? ehemaliger Chef, Mike Conway, von der European Press Agency (EPAS) anwesend sein und persönliche Worte aus der freundschaftlichen und beruflichen Verbindung erzählen. "Anja Niedringhaus Fotos kennt man, ohne es zu wissen", sagt Böker. "Sie standen auf den Titelseiten von Tageszeitungen und Zeitschriften und haben unser Bild von Krisen und Kriegen geprägt." Mit eindringlicher Bildsprache dokumentierte Anja Niedringhaus kriegerische Auseinandersetzungen, politische Zerwürfnisse und soziale Not. Ihre Bilder zeigen das Leben im Krieg, die Erschöpfung von Soldaten, aber auch Lachen und Lebensfreude inmitten  Not. Böker: "Ihr fotografischer Blick rückte stets dabei den Menschen ins Zentrum der Beobachtung, so entstanden einfühlsame Zeugnisse vom Alltagsleben der Zivilbevölkerung, von Gefangenen und Soldaten, die immer auch auf Gesten der Menschlichkeit und Hoffnung inmitten eines Konfliktes verweisen." Mit 17 Jahren begann sie, für die Lokalredaktion der Neuen Westfälischen in ihrer Heimatstadt Höxter zu arbeiten. Nach dem Abitur ging sie für die Kindernothilfe nach Indien, studierte ab 1986 an der Universität in Göttingen Germanistik, Philosophie und Journalismus und schrieb und fotografierte dort für das Göttinger Tageblatt. Ihre Fotos vom Fall der Mauer verschafften ihr 1990 eine Anstellung bei der European Pressphoto Agency (EPA) und wurde als erste Frau fest angestellt. Nach zwei Jahren Sport- und Gesellschaftsfotografie wurde sie 1992 in den gerade begonnen Krieg nach Jugoslawien geschickt und mehrmals bei Angriffen oder Unfällen verletzt. Seit 2002 arbeitete sie für die die Agentur AP vor allem in Afghanistan, dem Irak, Libyen und Gaza. Anja Niedringhaus erhielt 2005 für ihre Fotoberichterstattung aus dem Irak als erste deutsche Frau den Pulitzer-Preis. ¦ Feuilleton

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