Panzer als Hindernis: Der zerstörte "Königstiger" auf der Durchgangsstraße sollte den Amerikanern den Weg nach Beverungen versperren. Das historische Bild entstand bei Aufräumarbeiten. Schrotthändler August Suhrmann aus Herstelle erhielt Ende 1945 den Auftrag, den Panzer zu beseitigen. - © REPRO: PULS
Panzer als Hindernis: Der zerstörte "Königstiger" auf der Durchgangsstraße sollte den Amerikanern den Weg nach Beverungen versperren. Das historische Bild entstand bei Aufräumarbeiten. Schrotthändler August Suhrmann aus Herstelle erhielt Ende 1945 den Auftrag, den Panzer zu beseitigen. | © REPRO: PULS

Tietelsen Panzer mitten im Ort gesprengt

Erinnerungen an die Gefechte zum Kriegsende vor 70 Jahren in Tietelsen / Gedenkstunde am Kriegerdenkmal

Manuela Puls

Tietelsen. Am Ostermontag ist es auf den Tag genau 70 Jahre her, dass die amerikanischen Truppen Tietelsen einnahmen. In Erinnerung an das heftige Gefecht um ihr Dorf halten die Tietelsener um 10 Uhr eine Gedenkstunde am Kriegerehrenmal. Die "Task force Kane" hatte den Auftrag, den Weserübergang zu sichern und die Brücke in Beverungen unter ihre Kontrolle zu bringen. Auf dem Weg dorthin rückten die US-Streitkräfte am frühen Morgen des 6. Aprils 1945 in Tietelsen ein. Der Ort war bis dahin unberührt vom Kriegsgeschehen geblieben - abgesehen von dem britischen Flugzeug, das beim Bombenangriff auf Kassel in der Nähe abgestürzt war. Zum Kampf um Tietelsen kam es nur deshalb, weil nachts 60 Soldaten der Waffen-SS gekommen waren, um den Ort zu verteidigen. Das geht aus den Aufzeichnungen des inzwischen verstorbenen Tietelseners Clemens Menze hervor, der damals 16 Jahre alt war. Ab vier Uhr morgens feuerten die vier Wehrmacht-Panzer (genannt "Königstiger") auf die von Erkeln herannahenden Besatzer. Im Kirchturm hatten die SS-Leute eine Maschinengewehrstellung eingerichtet. Doch dann nahmen die Amerikaner das Höhendorf unter schweren Artilleriebeschuss. Ein erbitterter Häuserkampf entbrannte. Gegen 11 Uhr erhielten die Deutschen den Rückzugsbefehl. Doch sie sprengten noch mitten auf der Hauptstraße einen ihrer Panzer, der wegen eines Getriebeschadens liegengeblieben war. "Der zerstörte Königstiger an dieser ausgesprochenen Engstelle mitten im Ort sollte den Amerikanern den Weg nach Beverungen versperren", erläutert Tietelsens Ortsheimatpfleger Erhard Weiß. Am sogenannten "Drenker Kreuz" - einer Weggabelung in zwei Kilometern Entfernung - lieferte sich die Waffen-SS am Nachmittag deshalb wohl auch ein weiteres Gefecht mit den alliierten Streitkräften. Beim Durchkämmen des Ortes Tietelsen machten die Amerikaner Gefangene. Clemens Menze ist vor allen Dingen eine Szene in Erinnerung geblieben. Ein deutscher Soldat verließ mit erhobenen Händen sein Versteck in der Tietelsener Schule, die sich damals neben der Kirche befand. Er soll gesagt haben: "Kamerad, nicht schießen!" Daraufhin wurde er von einem amerikanischen Soldaten mit dem Ruf "Nix Kamerad" erschossen. Der Kampf um Tietelsen hatte schlimme Spuren hinterlassen: Gefallene Soldaten auf beiden Seiten waren zu beklagen. Es gab auch drei zivile Opfer unter der Dorfbevölkerung. Der 81-jährige Johann Tebbe starb, ebenso ein 26-jähriger polnischer Zwangsarbeiter und ein erst neunjähriger Junge namens Paul Menze. "Er hatte sich mit seinen Eltern und Geschwistern im Keller versteckt und wurde dort von einer Panzergranate tödlich getroffen", erzählt Maria Menze, eine Verwandte, die noch in Tietelsen lebt. "Nahezu jedes Haus im Ort wurde beschädigt, vier Häuser waren völlig zerstört", heißt es in den Erinnerungen von Clemens Menze. Unter anderem war auch das Haus Saggel betroffen, es brannte durch Panzersprengung völlig aus. Heute erinnert noch der alte eichene Esstisch der Familie Puls an den Einmarsch der Amerikaner. Die Besatzer richteten sich dort ihre Feldküche ein - tiefe Kerben vom Fleischbeil sind heute noch im Holz zu sehen.

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