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In diesem Mehrfamilienhaus geschah in der Nacht das Familiendrama. - © David Schellenberg
In diesem Mehrfamilienhaus geschah in der Nacht das Familiendrama. | © David Schellenberg

Bad Driburg Nach dem tödlichen Familiendrama: Fassungslosigkeit in Bad Driburg

Mann soll sich und zwei seiner Kinder getötet haben / Ermittlungen zum Fall laufen

David Schellenberg
27.04.2017 | Stand 28.04.2017, 06:33 Uhr |

Bad Driburg. Nachbarn und Anwohner schütteln immer wieder fassungslos den Kopf. Sie sind den Tränen nahe bei dem Gedanken an das schreckliche Familiendrama, das sich in der Nacht zu Donnerstag in einem Mehrfamilienhaus in Bad Driburg, unweit des Gymnasiums St. Xaver, abspielte. Es ist kurz vor 22.30 Uhr, als eine 28-Jährige fast nackt und schreiend aus ihrer Wohnung auf die Straße läuft. Davon aufgeschreckt ruft eine weitere Hausbewohnerin die Polizei. Als die ersten Beamten wenige Minuten später vor Ort eintreffen, ist die Wohnungstür verschlossen. In der Wohnung, neben dem Familienvater, die drei Kinder im Alter von drei, fünf und acht Jahren. Die Verständigung mit der jungen Mutter ist zunächst schwierig, da die Frau nur polnisch spricht, berichtet Achim Ridder, Pressesprecher der Polizei Bielefeld. Wenig später kommt eine weitere Frau dazu und hilft beim Dolmetschen. Blick in die Wohnung nicht möglich Inzwischen sind drei Steifenwagen vor Ort. Auch Notarzt und Krankenwagen treffen ein. Die Polizisten versuchen, sich ein Bild von der Situation zu machen, laufen mit Taschenlampen ums Haus, wie eine 36-jährige Nachbarin schildert. Doch die Jalousien der Wohnung sind allesamt heruntergezogen. „Sie haben mit Klopfen, Klingeln und Anrufen versucht, Kontakt zu dem Familienvater aufzunehmen", schildert Ridder. Erfolglos. Der 36-jährige Mann, der von Nachbarn als Alkoholiker beschrieben wird, reagiert überhaupt nicht mehr. Die Wohnungstür, vor der sich die Polizisten befinden, bleibt zunächst verschlossen. Etwa eine halbe Stunde vergeht. „Dann plötzlich hat die Dreijährige die Tür geöffnet", beschreibt der Polizeisprecher die Szene. Es sind grauenhafte Bilder, die sich den Beamten nun in der Wohnung offenbaren: Die beiden fünf- und acht Jahre alten Kinder sind leblos und weisen mehrere Stichverletzungen auf. Auch der Vater wird tot aufgefunden, auch er hat mehrere Stichverletzungen. Mutter sah getötete Kinder Die dreifache Mutter folgt den Polizisten in die Wohnung. Beim Anblick ihrer toten Kinder beginnt sie markerschütternd zu schreien, wie Tonaufnahmen aus dem Haus dokumentieren. Alle Beruhigungsversuche durch die Polizeibeamten schlagen fehl. „Diese verzweifelten Schreie werde ich meinen Lebtag nicht vergessen", sagt eine Nachbarin aus dem Haus gegenüber, gezeichnet von einer schlaflosen Nacht und der unbeantworteten Frage nach dem Warum. In der Nacht kümmern sich Rettungsdienst und Notärzte um die 28-jährige Mutter und das dreijährige Kind – auch wenn sie äußerlich unverletzt geblieben sind, wie Achim Ridder betont. Während die Frau ins Krankenhaus gebracht wird, wird die Tochter inzwischen von Verwandten betreut. Die Polizei Bielefeld setzt eine neunköpfige Mordkommission ein, die noch in der Nacht mit der Arbeit in Bad Driburg beginnt. In weißen Schutzanzügen sichern sie Spuren rund um die Toten, die später abtransportiert werden. Denn auch wenn die mutmaßliche Tatwaffe, ein Messer, schnell gefunden wird und alle Anzeichen für ein Familiendrama sprechen, bei dem der Vater erst seine beiden Kinder und dann sich selbst umgebracht hat, sind die Hintergründe der Tat und die Umstände in der Wohnung noch unklar. Offene Fragen der Ermittler Offen ist für die Ermittler beispielsweise, worum es in dem vorausgegangenen Streit zwischen den Eheleuten ging. Auch wenn Nachbarn und Zeugen berichten, dass es immer wieder lautstarken Streit zwischen den Partnern gegeben habe, betont die Polizei ausdrücklich, dass ihr in dieser Familie keinerlei Fälle von häuslicher Gewalt bekannt sind. Deshalb gibt es von den Ermittlern auch keine Bestätigung für die Berichte der Nachbarn, der Mann habe die Frau zum wiederholten Male vergewaltigen wollen, weshalb sie an diesem Abend geflüchtet sei. Zu den Hintergründen solle die junge Mutter befragt werden, sobald es ihr Zustand zulasse, heißt es von Seiten der Polizei. Weiteren Aufschluss erhoffen sich die Ermittler von der Obduktion der Leichen, die am Freitag stattfinden soll. Am Morgen ist die Tatortarbeit der Mordkommission ist abgeschlossen, kein Polizeiauto mehr zu sehen. Unter dem geschlossenen Rollladen des Kinderzimmerfensters stehen das Fahrrad des toten Jungen und anderes Spielzeug seiner Geschwister. Ihr neunjähriger Sohn habe mit dem Jungen viel hinter dem sieben Mietparteien zählenden Haus gespielt, erzählt die 36-jährige Hausbewohnerin. Die Eltern selbst seien unzugänglich gewesen, der Kontakt durch die Sprachbarrieren unmöglich. Aber auch wenn hier kaum jemand die Familie näher kannte, ist die Betroffenheit bei den Nachbarn so groß, dass sie kaum Worte dafür finden.

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