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Vlotho 17-Jährige aus Vlotho zu neun Jahren Jugendstrafe verurteilt

Jugendliche hat mit einem Messer auf ihre Mutter eingestochen und den Stiefvater tödlich verletzt

Jobst Lüdeking
08.07.2016 | Stand 08.07.2016, 21:38 Uhr

Bielefeld. Eine zum Tatzeitpunkt 16-Jährige aus Vlotho (Kreis Herford) ist am Freitag von der III. Großen Strafkammer des Landgerichts Bielefeld zu einer Jugendstrafe von neun Jahren wegen Mordes und gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden. Das Gericht ist davon überzeugt, dass die voll schuldfähige Jugendliche in der Nacht auf den 16. November 2015 im elterlichen Schlafzimmer in Vlotho in Tötungsabsicht zunächst auf ihre dort schlafende Mutter mit einem Messer eingestochen und diese dadurch schwer verletzt hat. Der bis dahin ebenfalls dort schlafende Stiefvater erwachte aufgrund des Angriffs. Daraufhin stach die Angeklagte auch auf den Stiefvater ein. Der erlitt hierdurch neun Stichverletzungen, von denen ein Stich in den Brustbereich tödliche Folgen hatte. Danach wandte sich die Angeklagte wieder der Mutter zu und stach weiter auf sie ein. Das Kampfgeschehen verlagerte sich dann in den Flur, wo schließlich die Schwester der Angeklagten hinzukam. Die genauen Umstände, aufgrund derer die Angriffe der Angeklagten auf die Mutter endeten, ließen sich für die Kammer jedoch nicht feststellen, heißt es in einer Pressemitteilung des Gerichts.Ein Tatmotiv ließ sich im Rahmen der Beweisaufnahme nicht sicher ermitteln. Noch ist auch unklar, ob das Urteil, das knapp unter der maximalen Jugendhöchststrafe von zehn Jahren liegt, Bestand hat. „Wir werden Revision einlegen", kündigte Verteidiger Christian Thüner an. Der Herforder vertritt mit seiner Kollegin Deborah Weinert die Vlothoerin. „Im Prozess haben sich erhebliche Zweifel ergeben, die nicht geklärt werden konnten." „Die Strafe erscheint angemessen", erklärte Rechtsanwalt Jan-Christian Hochmann, der die Mutter vertritt. Seine Mandantin habe psychische und physische Schäden erlitten, die ein Leben lang bleiben werden. „Die Familie ist zerstört", so Hochmann weiter. Offenbar hat die verurteilte 17-Jährige aber Kontakt zu einem Teil der Familie. Wie Thüner erklärte, ist seine Mandantin von sehr vielen Familienmitgliedern besucht und betreut worden. Die Angeklagte hat im Ermittlungsverfahren zunächst einen unbekannten Einbrecher der Tat bezichtigt, in der Hauptverhandlung zunächst geschwiegen und im späteren Verlauf der Hauptverhandlung die Tat bestritten und sich dahingehend eingelassen, ihre Mutter habe den Stiefvater getötet. Sie selbst habe dagegen - im Ergebnis erfolglos – versucht, die Mutter von dieser Tat abzuhalten und dieser bei diesem Versuch 29 Stichverletzungen zugefügt, während sie selbst nur eine Schnittverletzung an der Hand davongetragen habe. Dieser Einlassung der Angeklagten ist die Kammer nicht gefolgt. Die Kammer stützt ihre Feststellungen vorwiegend auf die Zeugenaussage der Mutter, die – im Gegensatz zur Einlassung der Angeklagten – zwanglos mit dem objektiven Spurenbild (u.a. Verletzungen der Beteiligten, insbesondere der Mutter, die Stichverletzungen am ganzen Körper vom Schädeldach bis zu den Füßen, von vorne und von hinten, erlitten hat) in Einklang zu bringen war. Die Schwester der Angeklagten hatte in der Hauptverhandlung von ihrem Schweigerecht Gebrauch gemacht.Bei der rechtlichen Bewertung des Tatgeschehens ist die Kammer mangels genauerer Feststellungen zugunsten der Angeklagten davon ausgegangen, dass sie freiwillig von ihr weiterhin möglichen Tötungshandlungen gegenüber der Mutter Abstand genommen hat. Aufgrund dessen kam eine Verurteilung wegen eines versuchten Tötungsdelikts zu Lasten der Mutter nicht in Betracht, da die Angeklagte hiervon strafbefreiend zurückgetreten ist. Hinsichtlich der Tötung des Stiefvaters hat die Kammer das Mordmerkmal der Heimtücke bejaht, weil der Angriff der Angeklagten auf den Stiefvater unmittelbar nach dessen Erwachen aus dem Schlaf erfolgte. Im Rahmen der Strafzumessung hat die Kammer insbesondere unter Berücksichtigung des im Jugendstrafrechts geltenden Erziehungsgedankens eine lange erzieherische Einwirkung auf die Angeklagte für notwendig gehalten. Die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage hatten die im Jugendrecht geltende Höchststrafe, eine Jugendstrafe von 10 Jahren, die Verteidigung Freispruch beantragt. Wenn Kinder ihre Eltern töten Bielefeld (dpa) - Dass junge Menschen wie jetzt in Bielefeld wegen Mordes an Vater oder Mutter vor Gericht stehen, ist selten. Einige Fälle: Mai 2016: In Saarbrücken steht ein 28-Jähriger vor Gericht, der seine Eltern erschlagen haben soll. Zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht beteuert er seine Unschuld. Dezember 2015: Vor dem Duisburger Landgericht beginnt der Prozess gegen einen 25-Jährigen: Er soll gebilligt haben, dass Freunde seine 58 Jahre alte Mutter umbringen. Motiv: vermutlich Streit um Geld. Juli 2015: Knapp zwei Jahre nach den tödlichen Schüssen auf einen Berliner Steuerberater ist das Mordurteil gegen den Sohn des Opfers rechtskräftig: acht Jahre Jugendhaft. In einem Familienstreit hatte der damals 16-Jährige den Vater 2013 in dessen Kanzlei erschossen. Februar 2011: Wegen Mordes an seinen Eltern verurteilt das Landgericht Potsdam einen früheren Jura-Studenten (28) zu lebenslanger Haft. Er hatte Vater und Mutter umgebracht, weil sie ihm berufliches Versagen vorwarfen. Dezember 2009: Weil er seine schlafende Mutter betrunken mit einer Axt ermordet hat, schickt das Landgericht Frankfurt den Sohn acht Jahre hinter Gitter. Die Mutter hatte ihn kritisiert, weil er zu viel trank und die Schule abgebrochen hatte. Zur Tatzeit war der Sohn 17. April 2009: Aus Habgier erschießt ein 18-Jähriger in Eislingen (Baden-Württemberg) seine Eltern und beide Schwestern. Das Landgericht Ulm verurteilt ihn 2010 zu lebenslanger Haft. Ein Schulfreund, der ihm bei der Tat half, muss zehn Jahre hinter Gitter.

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