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Lisa Detmer (v. l.), Rosalinde Knigge, Henni Kleine-Döpke, Gerda Müllering, Edeltraud Pohl, Gisela Zywietz und Gerda Reinert kennen sich seit 79 Jahren. - © FOTO: ANNE WEBLER
Lisa Detmer (v. l.), Rosalinde Knigge, Henni Kleine-Döpke, Gerda Müllering, Edeltraud Pohl, Gisela Zywietz und Gerda Reinert kennen sich seit 79 Jahren. | © FOTO: ANNE WEBLER

Rödinghausen In der Else haben sie schwimmen gelernt

Beste Freunde (6): Acht 85-jährige Frauen treffen sich heute noch zweimal im Jahr zum Klassentreffen

VON ANNE WEBLER
30.04.2013 | Stand 28.06.2013, 11:20 Uhr

Rödinghausen. Gisela, Henni, Gerda, Lisa, Edeltraud, Rosalinde, Gerda und Henni wurden 1934 zusammen eingeschult. Heute sind sie 85 Jahre alt und treffen sich zweimal im Jahr zum Kaffeetrinken. Dann holen sie alte Fotoalben raus und erzählen von ihrer Schulzeit, abenteuerliche Geschichten ihrer Hochzeiten, und dass sie früher im Sommer die Sonntage an der Else verbracht haben.

Gisela Zywietz hat ganze Schubladen voller Fotoalben. Die kleinen Schwarz-Weiß-Fotos aus den 1940er Jahren mit dem weißen Zierrand zeigen Lisa, Gisela und Gerda im Handballdress. In hochgezogenen kurzen Turnhosen posieren sie mit ihrer Mannschaft des Schwarz-Weiß Ahle. Auf anderen Bildern liegen sie an der Else im Gras. Das Schwimmbad Ennigloh sei ohne Auto zu weit gewesen, deshalb seien sie immer an die Else gegangen. "In der Else haben wir schwimmen gelernt", erzählt Lisa Detmer. Die Jungs hätten die Mädchen allerdings immer untergetaucht. Einmal sei eine tote Sau vorbeigeschwommen. "Da sind wir wie nix aus dem Wasser", sagt Rosalinde Knigge.

Als sie klein waren, hätten die Eltern sie abends in der Else gewaschen, später seien sie im Sommer nach dem Turnen in der Else nackt baden gegangen. "An der Else haben wir wunderschöne Stunden verbracht", sagt Lisa Detmer.

In harter Erinnerung ist allen das Pflichtjahr geblieben, das Mädchen damals mit 14 Jahren nach der Volksschule absolvieren mussten. Ein Jahr lang wohnten sie bei einem Bauern und halfen ihm im Haus und auf dem Hof. "Das war ein schlimmes Jahr", sagt Lisa Detmer. Von morgens bis abends mussten sie Wäsche waschen, das Vieh versorgen, Kühe melken, den Garten umgraben.

"In dem Jahr bin ich durch den Scheuersack gekommen", sagt Rosalinde Knigge. Sie war bei einer Bäckersfamilie einquartiert. Jeden Morgen musste sie um 5.30 Uhr aufstehen, Frühstück machen, den Laden wischen, die dreijährige Tochter wecken, anziehen und in den Kindergarten bringen, dann in der Backstube helfen, Weißbrot schieben. Wenn sie Schwarzbrot backten, war sie bis 1 Uhr nachts wach und hörte heimlich BBC im Radio; damals im Krieg eine gefährliche Sünde. Trotz der harten Zeit strahlt Rosalinde Knigge, als sie davon erzählt. "Ich habe so viel gelernt, ich zehre da heute noch von."

Gisela Zywietz hatte in ihrem Pflichtjahr nur alle 14 Tage einen halben Tag frei, an dem sie nach Hause konnte. "Und das mit 14 Jahren", sagt sie. Sie hatte Heimweh.

An die alte Volksschule in Ahle haben sie viele Erinnerungen: "Wir haben uns verkleidet und auf der Veranda getanzt", erzählt Lisa Detmer. "Wo die Nordseewellen schlagen, das war ein Walzer mit Pfeffer." Als Erwachsene trafen sie sich Sonntag nachmittags in der Wirtschaft bei Brünger, dort spielte von 17 bis 23 Uhr eine Kapelle Saxophon, Geige und Klavier. "Nach dem Handball gingen wir schnell nach Hause, die Haare standen zu Berge, die drehten wir schnell auf und beeilten uns in den Tanzsaal, damit wir einen Tisch nah an der Tanzfläche ergatterten", erzählt Lisa Detmer.

Mit Gisela Zywietz' Mann, der ihr Bruder ist, spielte Lisa Detmer 1948 mit der plattdeutschen Laienspielschar Ahle Theater im Saal Lutterbüse in Ahle. Lisa spielte die Dienstmagd. Auch nach 65 Jahren weiß Lisa Detmer ihren Text noch und trägt ihn den anderen Damen beim Kaffeetrinken vor. Die Frauen hatten engen Kontakt, bis sie heirateten und Kinder kriegten.

Bis auf zwei haben sie alle in der Holzkirche in Holsen geheiratet, wo sie auch schon alle konfirmiert worden waren. Rosalinde Knigge hat als erste aus der Klasse geheiratet, sie feiert bald Gnadenhochzeit – 70 Jahre. Das Hochzeitskleid aus Plauener Spitze lieh sie von einer Bekannten, den Schleier von der Tante. Mit einem Brenneisen frisierte sie sich Korkenzieherlocken, in einem DKW wurde sie zur Holzkirche gefahren. Lisa Detmer platzte auf der Fahrt zur Kirche der Reifen, wo der Pastor wartete.

Seit ihrer goldenen Konfirmation 1992 treffen sich die acht Damen zweimal im Jahr. "Dann sind wir schnell wieder bei früher", sagt Edeltraud Pohl. Bei ihrer Kindheit, ihrer Jugend, an der Else.

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