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Seyfettin Kara und Hilal Tuncer von der türkisch-islamishen Gemeinde zu Spenge führen Melanie Koch-Elhawwari, Friedhelm Koch und Brigitte Koch (v.l.) durch die Moschee. Hier zeigt Seyfettin Kara, vor der Gebetsnische stehend, den Koran.
Seyfettin Kara und Hilal Tuncer von der türkisch-islamishen Gemeinde zu Spenge führen Melanie Koch-Elhawwari, Friedhelm Koch und Brigitte Koch (v.l.) durch die Moschee. Hier zeigt Seyfettin Kara, vor der Gebetsnische stehend, den Koran.

Spenge Dialog in der Moschee

Türkische Gemeinde  lud Bürger ein

11.06.2013 , 00:31 Uhr

Spenge. Ein Thema liegt Brigitte Koch besonders am Herzen: Mit Vorurteilen über den Islam aufzuräumen. "Vor allem mit dem, dass das Kopftuch bei muslimischen Frauen gleichbedeutend sei mit Unterdrückung." Um mit gutem Beispiel voranzugehen und Grenzen zwischen den Kulturen beiseite zu schaffen, besuchte die Spengerin am Samstag zusammen mit ihrem Mann Friedhelm Koch und ihrer Tochter Melanie Koch-Elhawwari das Gemeindefest der türkisch-muslimischen Gemeinde zu Spenge rund um die Moschee an der Ravensberger Straße.

Der Name lässt es schon vermuten: Melanie Koch-Elhawwari ist mit einem muslimischen Mann verheiratet. "Er ist Ägypter, ich wohne auch in Kairo und bin momentan bei meinen Eltern zu Besuch." Brigitte Koch erinnert sich: "Als wir damals im Bekanntenkreis erzählt haben, unsere Tochter habe sich mit einem Ägypter verlobt, waren die Reaktionen nicht nur positiv. Viele haben gleich gesagt, dann müsse sie ja künftig ein Kopftuch tragen. Ich bin traurig, dass der Islam immer nur auf das Kopftuch reduziert wird."

Hilal Tuncer von der türkisch-islamischen Gemeinde klärt auf: "Im Koran ist klar die Pflicht für Musliminnen definiert, ab der Pubertät ein Kopftuch zu tragen", erklärt die 25-BWL-Studentin, die gemeinsam mit Seyfettin Kara beim Gemeindefest Interessierte durch die Moschee führte. Um für solche Anlässe gut gerüstet zu sein, haben die beiden sogar einen zehnwöchigen Kurs absolviert. "Viele Frauen tragen aber auch kein Kopftuch, und gezwungen wird man dazu auf keinen Fall."

Und auch Männer muslimischen Glaubens hätten bestimmte Körperbereiche zu verhüllen. "Ich muss von der Gürtellinie bis über die Knie bedeckt sein", so Seyfettin Kara, der neben seinem Job als Diplom-Ingenieur in der türkisch-islamischen Gemeinde für die Buchhaltung zuständig ist.

Natürlich sind die zu bedeckenden Partien bei Männer wesentlich kleiner; bei Frauen dürfen bei den Sunniten, die etwa 95 Prozent der Muslime ausmachen, nur Gesicht und Hände frei sein.

"Aber der Islam möchte die Frauen damit nicht quälen, sondern beschützen", betont Hilal Tuncer. "Frauen sind nun einmal die anziehenderen Wesen."

Melanie Koch-Elhawwari trägt übrigens kein Kopftuch und ist auch nicht zum Islam konvertiert. Und selbst wenn, Unterdrückung hätte sie dadurch nicht zu befürchten. "Frauen und Männer sind nach unserem Glauben gleichberechtigt", sagt Hilal Tuncer. "Leider nutzen manche Völker bestimmte Regeln des Korans für sich aus, aber das hat mit dem Islam nichts zu tun, da muss man Religion und Tradition unterscheiden."

Zum Teil hätten Frauen sogar mehr Rechte als Männer: "Männer müssen, Frauen können zum Freitagsgebet kommen", erläutert Seyfettin Kara.

Das Gebet ist, neben dem Glaubensbekenntnis, dem Fasten, der Armensteuer und der Pilgerfahrt nach Mekka, eine der fünf Säulen des Islams, die Seyfettin Kara und Hilal Tuncer den Besuchern erklärten.

Ebenso kamen die fünf Elemente der Moschee, die Gebetsnische, die Vortrags- und die Predigtkanzel, der Minarett und das Frauenabteil zur Sprache. "Die Moschee steht jedoch für sehr viel mehr als fürs Beten", so Seyfettin Kara, "sie ist auch Treffpunkt. Wir haben hier eine Teestube mit Fernseher, Kicker und Billardtisch, in der man sich zusammenfinden und miteinander in Kontakt treten kann." Das Gemeindefest ist nicht nur eine Veranstaltung für die Mitglieder, sondern für alle Menschen. "Wir möchten die Leute hierher holen, ins Gespräch kommen, offene Fragen beantworten und Vorurteile abbauen", unterstreicht Seyfettin Kara.

So offen war man allerdings nicht immer: "Nach den Anschlägen vom 11. September musste man sich als Muslim überall rechtfertigen, obwohl man nichts damit zu tun hatte", so Hilal Tuncer. "Das war für uns der Wendepunkt, wir haben uns gesagt, passiv bleiben geht nicht mehr."

Seitdem haben sich Moscheen immer mehr auch für Außenstehende geöffnet. Dem Ziel, die Gesellschaft toleranter werden zu lassen, ist man zumindest in der Stadt Spenge einen großen Schritt nähergekommen.