Am Tag nach dem Konzert mit Von Weiden leitet Antoine Boecker einen Workshop zum Thema mehrstimmiges Arrangieren von Liedern für Stimme und Instrumente. - © Ralf Bittner
Am Tag nach dem Konzert mit Von Weiden leitet Antoine Boecker einen Workshop zum Thema mehrstimmiges Arrangieren von Liedern für Stimme und Instrumente. | © Ralf Bittner

Spenge/Immenhausen "Von Weiden" rocken Pfadfinder-Festival

1.500 feiern ein Festival von Pfadfindern für Pfadfinder. Auf der Bühne stehen Bands, die irgendwie mit dem Pfadfindertum verbunden sind, aus OWL sind Von Weiden auf der großen Bühne dabei.

Ralf Bittner
07.07.2019 | Stand 08.07.2019, 14:49 Uhr

Spenge. Mit dem Song „Mofa" und einer Umdichtung des Loblieds auf das heimische Bächlein Warmenau heizt die Band „Von Weiden" einigen hundert Tänzern vor der Bühne ein. Auf den ersten Blick ein Festival wie jedes andere, werden Unterschiede sichtbar: blaue oder sandfarbene Hemden und verschiedenfarbige Halstücher sind zu sehen. Gipfeltreffen gerade angesagter Bands mit Wurzeln im Pfadfindertum Die Wurzeln der heute achtköpfigen Band liegen in Spenge/Bardüttingdorf. Dort wird geprobt, doch die Musiker hat es inzwischen in verschiedene Städte verschlagen. Antoine Boecker ist aus Berlin zum Festival Schall&Rauch (S&R) im hessischen Immenhausen angereist. Von Weiden sind eine von vielen Bands, die derzeit mit einer Mischung aus Polka, Neofolk und Weltmusik für tanzende Massen vor Festivalbühnen sorgen. Von Weiden, die bis Februar 2017 noch Crystal Pasture hießen, gehören seit 2010 zum Organisationskreis des Warmenau-Open-Air-Festivals in Bardüttingdorf, kennen Festivals also als Künstler und Veranstalter. „Ich weiß nicht, was ich erwartet habe", sagt Boecker vor dem Auftritt am späten Nachmittag, denn nicht ein professioneller Festivalveranstalter hat geladen, sondern mit dem „Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder" (BdP) und dem Deutschen Pfadfinderverband (DPV) die größten interkonfessionellen Pfadfinderorganisationen im Land. Viele der an den vier Tagen aufspielenden Bands haben eine Verbindung zum Pfadfindertum. Das gilt für Sven Regener von Element of Crime, dem Hauptakt, aber auch für Bands wie Polkageist, Schlagsaite oder „Mirvana in the Groove Kitchen". Überrascht von der Vielfalt der Pfadfinder-Szene „Ich wusste nicht, dass die Szene so groß, bunt und vielfältig ist", sagt Boecker, der über Mitbewohner in seiner Berliner WG in Kontakt zu Musikern mit Wurzeln im Pfadfindertum bekam. So seien die Idee zur gemeinsamen Tour des „polkadriven Folkorchesters" aus Spenge mit Schlagsaite und Polkageist im vergangenen Herbst und die Verbindung zum Festival entstanden. Was von den Bühnen wummert, hat mit rückwärtsgewandter Tümlichkeit wenig zu tun. Dynamische Weltmusik zwischen Polka, Reggae und Gypsy Swing ist zu hören, viele neue Lieder. Es geht um das Leben, Liebe aber auch um offene Grenzen. Für den Teil von Jugendbewegung und Pfadfindertum, der hier feiert, gehören Tradition und weltzugewandte Offenheit selbstverständlich zum Gruppenleben. Der Musiker wird zum Workshop-Leiter Während Teile seiner Band nach dem Auftritt nach Hause fahren, bleibt Musikpädagoge Boecker und steht am Tag nach dem Auftritt im schattigen Wald und gibt den Workshop „Terzen geh’n zu Herzen". Thema ist das mehrstimmige Interpretieren von Liedern. Hier ist der Boecker in seinem Element und staunt über die Aufgeschlossenheit der Teilnehmer. Das ist der andere Teil des Festivals. Aus vielen Workshops nehmen die Teilnehmer Ideen für die Gruppenarbeit mit. Viel Musisches wird geboten von der Einführung ins Gitarrenspiel bis zum Loop-Station-Workshop, bei dem übereinander gelegte live eingespielte Tonspuren zu treibender Musik werden. Wer möchte kann lernen, sein Tagebuch selbst zu binden, Schwedenstühle bauen oder neue Tanzschritte lernen. Upcycling-Workshops oder Diskussionen um die Frage, wie sich aus sozialen Bewegungen wie „Fridays for Future" Nachhaltiges schaffen lassen könnte, sind Themen anderer Runden. Dass es in den Schwarzzelten, in denen die S&R-Teilnehmer leben, keinen Strom gibt oder dass das auf Wunsch vegane Essen aus mitgebrachtem statt Einweggeschirr gegessen wird, war schon vor den aktuellen Nachhaltigkeitsdiskursen so. "So ein Festival gab es im Pfadfindertum noch nicht" sagt „Storch", mit bürgerlichem Namen Philipp Robens, vom Organisationskreis. S&R wird von BdP und DPV gemeinsam ausgerichtet und ist ein Versuch, die aktiven Jugendlichen beider Organisationen in Kontakt zu bringen. Beide Organisationen arbeiten interkonfessionell und nach den Prinzipien des internationalen Pfadfindertums, gingen in den 1970er Jahren teils aus einer gemeinsamen Vorgängerorganisation hervor. Wiederholung? - Wohl eher nicht „Die Auswirkungen der 68er haben die interkonfessionellen Pfadfinder härter erwischt als die konfessionell gebundenen, bei denen die Kirchen für ein gewisses Maß an Kontinuität sorgten", sagt Storch. Nach diversen Versuchen einer Annäherung von oben sei das S&R der Versuch, den Jugendlichen beider Organisationen etwas Besonderes zu bieten und so Kontakte an der Basis zu schaffen. 1.500 nahmen das Angebot an, die Wurzeln einer Wiederannäherung scheinen gelegt. Einen Wermutstropfen gibt es, das S&R sei bewusst als etwas Einmaliges angelegt, so Storch, eine Neuauflage werde es vermutlich nicht geben.

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