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Am besten unverpackt: Viele Supermärkte bieten in ihren Obst- und Gemüseabteilungen mittlerweile Stoffbeutel an, in denen Kunden Äpfel, Tomaten und anderes Obst und Gemüse verpacken können. Das Angebot, so sagt Gertrud Gänsel, Chefin im E-Center in Spenge, werde sehr gut angenommen. - © Martina Chudzicki
Am besten unverpackt: Viele Supermärkte bieten in ihren Obst- und Gemüseabteilungen mittlerweile Stoffbeutel an, in denen Kunden Äpfel, Tomaten und anderes Obst und Gemüse verpacken können. Das Angebot, so sagt Gertrud Gänsel, Chefin im E-Center in Spenge, werde sehr gut angenommen. | © Martina Chudzicki

Spenge/Enger Bunte Netze statt dünnem Plastik

Schritt für Schritt zu weniger Plastikmüll: Obst und Gemüse müssen meistens gar nicht verpackt werden. Schon gar nicht in die dünnen Folienbeutel, die der Handel noch immer anbietet

Martina Chudzicki
29.03.2019 | Stand 28.03.2019, 17:24 Uhr

Eigentlich wollte ich über dieses Thema gar nicht schreiben. Und wenn ich es jetzt doch tue, schummele ich ein bisschen. Denn auf die dünnen kleinen Plastikbeutel, in die ich im Supermarkt mein Obst und Gemüse packen kann, verzichte ich schon seit langem. Es ist also kein neuer Schritt auf meinem ganz persönlichen Weg zu weniger Plastikmüll, den ich in diesem Monat gehe. Der Grund, warum sich heute trotzdem vieles um diese durchsichtigen Säckchen dreht, hat mich selbst überrascht – und auch erschreckt. Denn anders als ich das gedacht habe, geht der Verbrauch dieser hauchdünnen und in der Regeln völlig überflüssigen Beutel nicht zurück, sondern steigt weiter an! Wie das Bundesumweltministerium aktuell mitteilt, verbrauchten die Bürger in Deutschland im Jahr 2017 im Schnitt pro Kopf 39 dieser Plastikbeutel, umgerechnet auf die Zahl der Bevölkerung also rund 3,2 Milliarden. Ein Jahr zuvor waren es noch 36 Beutel pro Kopf und damit unter drei Milliarden insgesamt. Warum verpacken so viele Kunden ihr Obst und Gemüse, das häufig ja schon mit einer ganz natürlichen Verpackung ausgestattet ist, immer noch so gern in Plastik? „Aus Bequemlichkeit und Ignoranz!" Davon zumindest ist eine ehemalige Fachverkäuferin eines heimischen Supermarktes überzeugt, mit der ich kürzlich über meine Plastikmüll-Serie in der NW ins Gespräch kam. Stoffbeutel sind ein Renner – Plastiktüten leider auch Gertrud Gänsel, Chefin des E-Centers in Spenge, würde dem wohl zustimmen. „Ich bin immer wieder schockiert", sagt sie, „wenn ich sehe, dass Kunden Bananen oder einen Kohlkopf in eine Plastiktüte packen." Dass der Großhandel viele Obst- und Gemüsesorten bereits in Plastikfolie eingeschweißt an den Einzelhandel ausliefert, stört auch sie oft. „Aber da können wir als einzelne wenig ändern", bedauert sie. Aktiv werden kann man aber im Kleinen. In ihrem Supermarkt haben Kunden seit einem guten halben Jahr die Möglichkeit, wiederverwendbare Stoffbeutel zu kaufen. Die Einführung der Säckchen aus weißem Netzstoff ist eine Erfolgsgeschichte. „Wir verkaufen diese Beutel in Massen wie verrückt", sagt sie. „Ich hätte nie gedacht, dass so viele Menschen bereit sind, fünf Euro für fünf Beutel auszugeben!" Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere ist paradox. Denn der Boom der Stoffbeutel einerseits hat keineswegs zu einem Rückgang im Plastikbeutelverbrauch andererseits geführt. „Da gehen so viele raus wie eh und je", stellt Gänsel resigniert fest. Und warum, so frage ich, kann man die Plastikbeutel nicht ganz aus den Gemüseabteilungen verbannen? Mit den großen Plastiktüten, die es früher an den Kassen gab, hat das doch auch funktioniert. Erst musste der Kunde dafür bezahlen, mittlerweile gibt es sie im Spenger E-Center ebenso wie in vielen anderen Einkaufsmärkten überhaupt nicht mehr. „Soweit ist der Kunde noch nicht", glaubt Gänsel. Und das hat auch damit zu tun, dass der Einsatz der Stoffbeutel vom Kunden aktives Mittun erfordert. Natürlich: Als erstes muss man daran denken, die Beutel immer dabei zu haben. Aber den Einkaufszettel hat man ja auch immer in der Tasche, das ließe sich also ritualisieren . . . Kunden an der Waage oft irritiert Die nächste Hürde lauert an der Selbstbedienungswaage. Die, so sagt Gertrud Gänsel, sei so eingestellt, dass zwei Gramm Tara für den dünnen Plastikbeutel automatisch abgezogen werden. Weil der Stoffbeutel natürlich mehr wiegt, die Waagen aber nicht jedes Mal neu justiert werden können, müssen die Kunden ihr Obst und Gemüse zunächst unverpackt auswiegen, dann in den Beutel füllen und darauf dann das Preisetikett kleben. Große Infotafeln direkt neben den Waagen erläutern das ausführlich, trotzdem komme es immer wieder zu Irritationen. „Ich bin sogar schon mal von einem Kunden verklagt worden, weil er sich übervorteilt fühlte", erinnert sich die Marktleiterin. Der Kunde hatte seinen Einkauf in eine Papiertüte gefüllt und abgewogen. „Weil die aber im Gegensatz zur dünnen Plastiktüte 20 statt 2 Gramm wiegt, fühlte er sich betrogen." Feilschen um jeden Preis – auch wenn es nur um ein paar Cent im unteren einstelligen Bereich geht. Wie lange können und wollen wir uns das noch leisten? Wie gesagt: Die dünnen Plastikbeutel landen bei mir schon lange nicht mehr im Einkaufswagen. Ich habe immer Netze dabei, im Zweifel klebt ein Preisetikett auch gut direkt auf der Tomate oder dem Apfel. Am Ende bin ich jetzt aber doch noch einen Schritt weitergegangen und damit meinem Anspruch, jeden Monat mehr Plastikmüll zu vermeiden, nachgekommen. Wenn ich es überhaupt nicht vermeiden kann und bereits in Plastikfolie oder noch schlimmer in Plastikschalen und zusätzlich in Folie eingeschweißtes Obst oder Gemüse kaufen muss, lasse ich die Verpackung im Laden. Ich weiß, dass das bestenfalls die zweitbeste Lösung zur Plastikvermeidung ist. Aber ich befinde mich in guter Gesellschaft. Den Plastikmüll einfach im Laden lassen Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat kürzlich zum „Plastikfasten" aufgerufen und gibt auf seiner Internetseite zahlreiche Tipps, wie man noch bis Ostern seinen Plastikverbrauch reduzieren kann. Einer davon: „Verpassen Sie dem Handel einen Denkzettel und lassen Sie die Umverpackungen für Obst und Gemüse oder andere Produkte einfach im Laden! Das ist Ihr gutes Recht: Der Handel muss hierfür entsprechende Sammelboxen zur Verfügung stellen. So werden Sie nicht zum Abfalltransporteur, Ihre Plastikmülltonne bleibt leer und sowohl Handel als auch Hersteller müssen sich dem Problem stellen."

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