Zeigen Flagge: Annegret Beckmann (v.l.), Gerd Meyer und Wolfgang Günther von der Spenger SPD sprachen über die Spenger Schlacht und ihre historische Bedeutung. - © Kai-Sören Kerkhoff
Zeigen Flagge: Annegret Beckmann (v.l.), Gerd Meyer und Wolfgang Günther von der Spenger SPD sprachen über die Spenger Schlacht und ihre historische Bedeutung. | © Kai-Sören Kerkhoff

Spenge Archivar erinnert an die „Spenger Schlacht“

Vor 125 Jahren liefern sich Sozialdemokraten und konservative Kreise in Spenge ein Scharmützel

Kai-Sören Kerkhoff

Es ist ein unscheinbares Mahnmal. Doch der Findling am Krusenplatz hat historische Bedeutung. Der Stein erinnert an die „Spenger Schlacht“. Eine Schlacht? Mitten in Spenge? Ja, die hat es gegeben – und zwar vor 125 Jahren. Mit einer Aktion am verkaufsoffenen Sonntag, 6. November, ruft die Spenger SPD das historische Ereignis ins Gedächtnis. Im Sommer 1891 hatten sich rund 700 Sozialdemokraten und 1.500 Anhänger konservativer Kreise ein blutiges Scharmützel geliefert. Wie konnte es so weit kommen? Die NW sprach mit Mitgliedern der Spenger SPD. Annegret Beckmann, Gerd Meyer und Wolfgang Günther kamen zu einer besonderen Geschichtsstunde zusammen. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die deutsche Wirtschaft rasant. In den großen Städten schießen Fabriken wie Pilze aus dem Boden. „Daraufhin ziehen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt“, sagt Günther. Da die meisten Menschen nun in Fabriken arbeiten, werden die Lohnarbeiter zur größten sozialen Schicht. „Durch die Industrialisierung wächst auch der Wohlstand“, führt der Politiker und Archivar aus. Doch den Preis dafür zahlen die Arbeiter. Für Hungerlöhne müssen sie in den Fabriken schuften. Dem wirtschaftlichen Fortschritt folgt die Frage nach sozialer Gerechtigkeit. Die Arbeiterbewegung entsteht. Ihr Ziel: eine Verbesserung der sozialen Lage der Lohnarbeiter. Auch die heutige SPD hat ihre Wurzeln in einem Arbeiterverein. „Die Sozialdemokraten haben die damaligen Missstände öffentlich angeprangert“, kommentiert die Ortsvorsitzende Beckmann. Der soziale Wandel macht die politischen und wirtschaftlichen Eliten nervös. 1878 tritt das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ in Kraft. Die im Volksmund als „Sozialistengesetz“ bekannte Verordnung kommt einem Parteienverbot gleich. Die Arbeiterbewegung kann dadurch aber nicht zerschlagen werden. „Zwölf Jahre später wird das Gesetz wieder aufgehoben“, weiß Günther. Jetzt dürfen sich die Sozialdemokraten erneut versammeln. In Spenge wird 1890 ein Ortsverein der SPD im heutigen „Westfalenhof“ gegründet. Trotz der Aufhebung der Sozialistengesetze haben es die Sozialdemokraten aber weiterhin schwer, Versammlungsorte zu finden. Günther: „Deshalb finden die meisten Treffen im Freien statt.“ So wie ein Jahr nach der Parteigründung am besagten Krusenplatz. Sozialdemokraten aus dem ganzen Ravensberger Land kommen an jenem Tag zum Treffen nach Spenge. Doch auch eine Gruppe konservativer Bauern ist angereist, angeführt von Pfarrer Karl Iskraut. „Iskraut hatte die Aufgabe, die Arbeiterschaft ins eigene Lager zurückzuholen.“ Die Reaktionäre umzingeln die Genossen. Die Stimmung ist aufgeheizt. „Provokativ hält einer der Sozialdemokraten einen roten Regenschirm in die Luft.“ Daraufhin wird es handgreiflich. Die Bauern reißen Holzlatten aus einem Zaun und prügeln auf die „Roten“ ein. Die Polizei hält sich zunächst zurück, bevor sie den Krawall mit Waffengewalt beenden. Selbst ausländische Medien berichten über den Vorfall, der immer weiter aufgebauscht wird. „Eine Zeitung in Texas schrieb von 14 Toten auf dem Schlachtfeld.“ Tatsächlich fiel in der Spenger Schlacht niemand. „In der Prügelei hat sich der lange schwelende Konflikt zwischen Sozialdemokratie und Kirche sowie Bürgertum entladen“, fasst Günther zusammen. Zumindest dieser Konflikt sei mittlerweile beigelegt. An den grundlegenden Forderungen der Sozialdemokratie habe sich bis heute nichts geändert, merkt Meyer an: „Es geht uns nach wie vor um soziale Gerechtigkeit.“ „Wie vor 125 Jahren verändert sich die Gesellschaft auch heute rasant“, fährt Meyer fort. Der Stadtverbandsvorsitzende führt unter anderem die Digitalisierung der Wirtschaft an. „Es ist deshalb wichtig, sich die historische Bedeutung des Ereignisses ins Bewusstsein zu rufen“, sagt Beckmann. „Denn aus der Geschichte können wir auch Lehren für die Gegenwart ziehen.“ Auf dem Findling am Krusenplatz sind bereits mahnende Worte in Stein gemeißelt: „Nie wieder Spenger Schlacht.“

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