Vorsorge treffen ist wichtig: Rechtsanwalt Jens-Christof Niemeyer am Schreibtisch in seiner Kanzlei in Spenge. - © Benedikt Schülter
Vorsorge treffen ist wichtig: Rechtsanwalt Jens-Christof Niemeyer am Schreibtisch in seiner Kanzlei in Spenge. | © Benedikt Schülter

Enger Was mit Daten im Netz nach einem Todesfall passiert

Fachanwalt rät, digitalen Nachlass frühzeitig zu regeln

Benedikt Schülter

Herr Niemeyer, Sie sprechen von einem digitalen Nachlass. Was meinen Sie denn damit genau? Niemeyer: Das sind sämtliche, zu Lebzeiten gespeicherte Daten beispielsweise auf Festplatten oder bei "Clouddiensten". Dazu gehören auch Vertragsbeziehungen zu E-Mail-Providern, wie beispielsweise Yahoo, Web.de oder Google. Aber auch die Zugänge zu den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Hinzu kommen natürlich die Spuren, die ich in Foren hinterlasse, Fotos, die ich gespeichert habe, und Videos, die ich hochgeladen habe. Nicht zu vergessen die Onlinekonten bei Amazon, Paypal oder meiner Bank. Sie raten Erben dazu, sich schnell um den digitalen Nachlass der Verstorbenen zu kümmern . . . Niemeyer: Genau. Denn entscheide ich mich dafür, eine Erbschaft anzutreten, dann schließt das auch die genannten Dinge mit ein. Deshalb müssen Erben alle vorhandenen Informationsquellen nutzen, um rechtzeitig, also innerhalb der Ausschlagungsfrist, sicherzustellen, dass sie keine Schulden erben. Außerdem sollte der Erbe sich natürlich auch um die Löschung und Deaktivierung der Accounts kümmern. Der Erbe hat also auch das Recht, an meine E-Mail-Konten zu kommen? Niemeyer: Ja, das stimmt. Aber das hat natürlich einen Haken. Man braucht das Passwort, beziehungsweise die Zugangsdaten. Ansonsten hat man auch keine Chance, einen Zugriff auf die Korrespondenz des Toten zu erhalten. Sie müssen sich darauf einstellen, dass ein Provider wie die Telekom Ihnen den Zugang nicht ermöglicht. Wieso denn nicht? Ist das nicht vergleichbar mit den alten Liebesbriefen, die man als Erbe auf dem Dachboden findet? Niemeyer: Eben nicht. Die Briefe in der Kiste unterliegen ja nicht mehr dem Briefgeheimnis. Dagegen ist der Provider, beispielsweise die Telekom, an das Fernmeldegeheimnis gebunden, solange die Mailkorrespondenz der Kunden sich ja auch auf deren Server und nicht auf der Festplatte des Verstorbenen befindet. Es wird in solchen Fällen oft übersehen, dass nicht nur der Verstorbene Rechte hat, sondern auch seine Kommunikationspartner. Da sind die Hürden besonders hoch, um an die Daten zu kommen - und wie ich finde auch zu Recht. Denn Datenschutz ist ein hohes Gut. Telekommunikationsunternehmen sind auf das Vertrauen ihrer Kunden angewiesen. Ich kenne einen Fall aus den USA, da wollte ein Vater an die in der Cloud - also auf einem externen Server - gespeicherten Fotos seines verstorbenen Sohnes heran. Das hat Apple, aus verständlichen Gründen, nicht zugelassen. Auch wenn das in diesem Fall tragisch war. Wie kann ich meinen digitalen Nachlass am besten und am sichersten regeln, dass meine Erben später keine Probleme bekommen? Niemeyer: So früh wie möglich vorsorgen und zu Lebzeiten Regelungen schaffen. Erstens muss ich mir klar darüber werden, welche Daten ich später freigebe und welche ich gerne geheim halten beziehungsweise löschen möchte. Dann sollte man festlegen, wer später mal Zugang bekommen sollte. Außerdem sollte man entscheiden, ob das eigene Profil in den sozialen Netzwerken gelöscht werden soll. Bei einigen Anbietern, wie beispielsweise Facebook, kann man sein Profil in einen Gedenkmodus versetzen lassen. Wie kann ich am besten sicherstellen, dass meine Erben die korrekten Daten und die Zugänge zu meinen Konten erhalten? Niemeyer: Am besten speichert man alle Accounts und Zugangsdaten auf einen passwortgeschützten beziehungsweise verschlüsselten USB-Stick. Den verwahrt man dann an einem Ort, den man einer Vertrauensperson mitteilt. Außerdem sollte man immer daran denken, die Daten auf dem Stick auch zu aktualisieren. Es gibt auch Unternehmen, die ein Komplettpaket anbieten, sich also quasi alleine um den digitalen Nachlass kümmern . . . Niemeyer: Von solchen Geschäftsmodellen kann ich nur dringend abraten. Der Anbieter speichert ja nur die gesammelten Daten auf seinem Server. Wie sicher sind die vor Hackerangriffen? Was passiert mit meinen Daten bei einer Insolvenz des Unternehmens? Das sind Fragen, die dann im Raum stehen. Außerdem soll es diesen Firmen ausreichen, dass man dort eine Sterbeurkunde vorlegt - die belegt aber nicht die Rechtsnachfolge, also ob ich überhaupt der Erbe bin und ein Recht darauf habe, die Daten einzusehen.

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