Hier wird?s im Winter kalt: Gabriele (l., 48) und Grit-Marie (22) Rautenberg in der ungeheizten Küche. - © Foto: Anne Neul
Hier wird?s im Winter kalt: Gabriele (l., 48) und Grit-Marie (22) Rautenberg in der ungeheizten Küche. | © Foto: Anne Neul

Rödinghausen/Bruchmühlen Wohnen ohne Strom und Heizung

Bahnhof Bruchmühlen: Seit einem Jahr kommt Familie Rautenberg ohne Annehmlichkeiten aus. Mit drei Hunden sei es quasi unmöglich, eine Wohnung zu finden, sagen sie. Nun scheint eine Lösung in Sicht

Anne Neul

Rödinghausen/Bruchmühlen. Vier Meter vor dem offenen Küchenfenster rattert ein Güterzug durch den Bahnhof Bruchmühlen. Er unterbricht das Gespräch von Gabriele Rautenberg (48), Tochter Grit-Marie (22) und der NW-Reporterin. Ein paar Sekunden ohrenbetäubender Lärm, dann ist es wieder still. Sechs bis sieben Züge führen hier stündlich durch, erzählt Gabriele Rautenberg. "Am lautesten sind die leeren Autotransporter. Da steht man nachts aufrecht im Bett." In der Küche hat Familie Rautenberg im vergangenen Winter zu dritt geschlafen - weil die Heizung nicht lief. Gabriele Rautenberg, ihr Mann und ihre Tochter wärmten sich an einem Gasofen, den sie nachts jedoch ausstellten, aus Angst, er könne Feuer fangen. "Vier Grad hatten wir hier", erzählt Gabriele Rautenberg - in der Wohnung. Seit ihrem Einzug im Dezember 2016 seien sie auf Wohnungssuche. Doch die meisten Vermieter wollten nicht drei Erwachsene als Mieter, bei den anderen scheiterte es an den drei Hunden der Familie. Erst nach ihrem Einzug habe sich herausgestellt, dass die Heizung nicht lief. Als sie deshalb die Miete gekürzt habe, habe der Vermieter ihnen den Strom abgestellt. Seit einem Jahr leben sie nun ohne Strom. Sohn zieht zurück zur Familie Der 26-jährige Sohn zog im Dezember 2016 zurück zur Familie, um die Mutter bei der Pflege des Vaters zu unterstützen. Der hatte sich nach einer Rückenoperation im Krankenhaus mit einem MRSA-Keim infiziert, litt zudem an der chronischen Lungenkrankheit COPD. Frisch operiert zog auch er in die vier Grad Celsius kalte Wohnung. 1,5 Jahre pflegten sie ihn, zuletzt litt er an Lungen- und Leberkrebs im Endstadium. Am 19. Juli ist er verstorben, mit 56 Jahren. "Es ist gar keine Zeit zu trauern", sagt Grit-Marie Rautenberg. Das Bauamt der Stadt Melle hat ihnen eine Verfügung zugestellt, welche ihnen die Nutzung der Wohnung untersagt und eine Versiegelung der Wohnung androht, wenn sie nicht bis zum 10. September ausgezogen sind. Der Verfügung vorausgegangen war eine Begehung durch die neue Eigentümerin, die Wohnungsbau Grönegau GmbH (WBG), welche Lebensgefahr für die Bewohner feststellte, weil offene Stromleitungen aus den Wänden ragten. Dreiwöchige Frist "Ohne Strom zu leben stört uns nicht", sagt Gabriele Rautenberg. "Das haben wir schon ein Jahr gemacht. Aber uns mit dem Auszug so die Pistole auf die Brust zu setzen, das setzt uns zu." Bauamtsleiter Rainer Mallon erklärt, warum er den Bewohnern des Bahnhofs - neben der Familie wohnen hier noch zwei Herren - die dreiwöchige Frist gesetzt hat: "Das sind desolate Wohnverhältnisse." Bei einem starken Gewitter könnten die Leitungen durchschmoren und das Gebäude in Brand geraten. "Dann stehen wir als Behörde in der Kritik, warum wir nicht gehandelt haben." Durch das Abklemmen des Stroms könne das zwar nun nicht mehr passieren. Als Behörde sei er jedoch der niedersächsischen Bauordnung verpflichtet, wonach Leben und Gesundheit der Bewohner nicht gefährdet sein dürfen. "Dazu gehört vernünftig waschen und heizen zu können und kein Schimmel an den Wänden." Seit gestern scheint für Familie Rautenberg eine Lösung in Sicht. "Wir haben eine städtische Wohnung in Aussicht", sagte Dirk Hensiek, Geschäftsführer der stadtnahen Wohnungsbau Grönegau GmbH, auf Anfrage der NW. Sie müsse noch umgebaut und Brandschutztüren eingebaut werden, für die es lange Lieferzeiten gebe. Deshalb könne die Familie erst Mitte Oktober einziehen. Er müsse erst noch klären, ob die Familie dort dauerhaft bleiben könne, oder ob noch weitere Umbaumaßnahmen erforderlich seien, die einen vorübergehenden Auszug erforderten. Er gehe jedoch davon aus, dass sie dort bleiben könnten - auch wenn er das noch nicht versprechen könne. Für die beiden Herren finde die WBG bestimmt noch eine Lösung. Mit dem Bauamt der Stadt Melle müsse er noch klären, ob die Familie bis zum Umzug im Bahnhof wohnen bleiben dürfe, oder ob sie zwischenzeitlich in eine Obdachlosenunterkunft ziehen müsse. Dagegen wehrt sich Gabriele Rautenberg. "Ich sehe, dass die WBG uns helfen will und freue mich über die Wohnung, in die wir ziehen dürfen." Aber sie zögen nicht in eine Obdachlosenunterkunft. "Das ist die letzte Adresse vor der Brücke."

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