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LÖHNE Ballern schadet Jungen mehr

Schulleiter bestätigen Meinung des Experten Christian Pfeiffer

VON PATRICK MENZEL
23.02.2012 | Stand 23.02.2012, 11:29 Uhr
Das Bild des einsam gewordenen Spielers ist nicht übertrieben. Jeder sechste 15-Jährige verbringt nach Aussage von Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer täglich mehr als viereinhalb Stunden am Computer. - © FOTOS: FELIX EISELE/PATRICK MENZEL
Das Bild des einsam gewordenen Spielers ist nicht übertrieben. Jeder sechste 15-Jährige verbringt nach Aussage von Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer täglich mehr als viereinhalb Stunden am Computer. | © FOTOS: FELIX EISELE/PATRICK MENZEL

Löhne. "Wir brauchen Ganztagsschulen, die insbesondere bei Jungen Lust aufs Leben wecken." Das gab Professor Christian Pfeiffer seinen Zuhörern in der Werretalhalle als Kernbotschaft seines Vortrags mit auf den Weg. In puncto sinnvoller Beschäftigung von männlichen Jugendlichen am Nachmittag habe Politik bisher auf ganzer Linie versagt, so der Kriminalpsychologe. Ist das wirklich so? Die NW hat an Löhner Schulen nachgefragt.

"Die Gewalt hat zugelegt", sagt Pfeiffer - vor allem bei den Jungen. Unterschiedliche Ergebnisse seiner Forschung rücken vor allem sie in ein schlechtes Licht: Bei Gewaltdelikten sind die Jungs an erster Stelle. "Wir hatten 2007 die größte Kluft zwischen Jungen und Mädchen bei den Gewalttaten in der deutschen Geschichte", erklärt Pfeiffer. Bei Schulaufstiegen, beim Erreichen des Abiturs und bei bestandenen Hochschul-Prüfungen schneiden junge Männer schlechter ab als Mädchen. "Jungen sind die Verlierer der Gesellschaft", stellt Pfeiffer fest.

Der Forscher und sein Team haben mehr als 40.000 Kinder und Jugendliche nach den Ursachen dafür gefragt: "Die Kinder waren sich in ganz Deutschland einig darüber, dass der Computer schuld daran ist", berichtet der ehemalige niedersächsische Justizminister. Seine Forschungsergebnisse belegen das.

Jeder sechste 15-Jährige verbringt mehr als viereinhalb Stunden täglich vor dem Computer. Für Pfeiffer ist die Zeit allein jedoch nicht entscheidend. "Sucht ist gegeben, wenn Entzugserscheinungen auftreten, wenn man länger spielt, als man sich vorgenommen hat, wenn man nicht mehr Herr über sein Leben ist", erklärt er.

Computerspielsüchtige vernachlässigen ihre sozialen Kontakte und fallen durch schlechtere Noten in der Schule auf - falls sie sich überhaupt dort blicken lassen. Abhängige schwänzen den Unterricht doppelt so häufig wie andere Schüler. Killerspiele seien nicht allein die Ursache von Gewalt, aber klar ist: "Je brutaler die Spiele, desto geringer das Leistungsvermögen und umso schlechter die Noten. Je mehr Computerspiele, umso dicker und unglücklicher und umso höher das Aggressionspotenzial. Es trifft die Jungen. Sie sind am Ende die Dummen", sagt der Kriminologe.

Das kann Anja Schäffer-Rolf bestätigen. "Jungs fahren deutlich stärker auf Computerspiele ab als Mädchen. Umgekehrt erbringen die Mädchen deutlich stärkere schulische Leistungen", sagt die Leiterin der Grundschule Mennighüffen-West. Den Schlüssel sehen Schäffer-Rolf und Pfeiffer in " sinnvollen Beschäftigungsangeboten, die eine Flucht der männlichen Jugendlichen aus der realen in die virtuelle Welt verhindern".

Der Kriminologe brachte Präventionsbeispiele aus Schulen in Neuseeland: 20 Wochenstunden Unterricht plus sechs Stunden, um Leidenschaften für ein Hobby zu entfachen: Lehrer führen in ihre eigenen Hobbys ein.

"Die Biolehrerin lehrt das Tanzen, der Mathelehrer gibt Schachunterricht und so weiter. Eingestellt werden nur Lehrer, die über die Lehrstoffvermittlung hinaus etwas Eigenes zu bieten haben, wo sie sich selbst mit Leidenschaft einbringen", so Pfeiffers Beispiele.

Beispiele, die Hans-Rainer Krahe für sinnvoll erachtet. Denn Ganztagsbetreuung, so der Leiter der Städtischen Realschule, dürfe keine Alibi-Veranstaltung sein. "Wir haben uns das Wort Prävention ganz früh auf die Fahnen geschrieben und wollen nicht hinterherlaufen", sagt Krahe. Dazu zähle auch, dass man Schülern hin und wieder Feuer machen und ihnen die Wertigkeit ihrer Laufbahn vor Augen führen müsse, so Krahe.

Für Pfeiffer ist es "eine Pleite, dass Deutschland seinen Jungs nur weichgewaschene Ganztagsangebote" zu bieten hat. "Wenn es diese Politik nicht mehr bringt, müssen wir uns eben an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen und versuchen, über Bürgerstiftungen attraktive Angebote für Jugendliche in der Nachmittagsbetreuung zu finanzieren", so Christian Pfeiffers Lösungsvorschlag an die 280 Zuhörer.

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