Geschichtsstunde mit Fehltritt

Dr. Reinhard Höppner verharmlost Haft in Stasi-Gefängnissen

VON MARTIN FRÖHLICH
Dr. Reinhard Höppner sprach über Mauerfall und Wiedervereinigung. - © FOTO: MARTIN FRÖHLICH
Dr. Reinhard Höppner sprach über Mauerfall und Wiedervereinigung. | © FOTO: MARTIN FRÖHLICH

Löhne. Er hatte seine Zuhörer fasziniert. Die Lesung von Dr. Reinhard Höppner in der Werretalhalle war zu Ende, er diskutierte mit dem Publikum. Da verstieg er sich zu einem zynischen Satz, der einigen die Kinnlade herunterklappen ließ. Eine Frau hatte nach der Rolle der Stasi gefragt. Höppner erklärte, man müsse die Staatssicherheit in ihrer Biografie betrachten. In den 50ern habe den Leuten Sibirien gedroht. "Aber in den 80ern? Was hatten die Oppositionellen da zu befürchten? Ein, maximal zwei Jahre Stasiknast, dann ging es in den Westen."

Damit spielte der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt auf die von der Bundesrepublik freigekauften politischen Häftlinge in der DDR an. "Aber wie kann man so abfällig über einen Gefängnisaufenthalt sprechen", sagte die Fragerin, als sie konsterniert den Saal verließ. Höppners Äußerung passte nicht zum Rest des Abends. Kapitel für Kapitel hatte er seinen Zuhörern die Ereignisse von 1989/90 näher gebracht. Ja, er hatte ein Miterleben der einmaligen Atmosphäre ermöglicht.

Auf dem Tisch lag sein Buch "Wunder muss man ausprobieren", doch meist sprach der Vizepräsident der ersten freigewählten Volkskammer frei. Er erzählte vom Alltagsleben in der DDR, vom Austesten der Grenzen, von Vorboten des Zusammenbruchs und den Wochen, als die ersten Demonstranten für Freiheit eintraten.

Magdeburg, Höppners Lebensmittelpunkt, gehörte zu den ersten Städten, die dem Vorreiter Leipzig folgten. Höppner war als Kirchenmann mittendrin, denn am Magdeburger Dom begannen die Umzüge. Mit bewegenden Momenten, wie dem, als ein junger Mann ans Rednerpult trat und sagte: "Mein Vater steht bewaffnet zwei Straßen weiter. Ich hoffe, dass wir uns nicht begegnen und er auf mich schießen muss."

Höppner räumte mit Legenden auf, die aus seiner Sicht überzogen sind. Etwa mit der Frage, weshalb es in Leipzig am 9. Oktober 1989 nicht zu Blutvergießen kam. "Das lag nicht an einem Befehl von oben, sondern am Einsatzleiter." Der habe bei 7.000 Einsatzkräften gegen 70.000 Demonstranten die Aussichtslosigkeit der Lage erkannt.

Beobachter aus der Distanz ist Höppner nicht. Zu intensiv hat er alles miterlebt. So färbt seine persönliche Sicht die Darstellungen. Auch bei der Frage, welche Rolle die Hunderttausenden spielten, die die DDR 1989 verließen. "Revolution machen die, die da bleiben, und nicht die, die weggehen", sagte der 61-Jährige. Häufig sprach aus seinen Worten wenig Wertschätzung für jene, die Ausreiseanträge stellten, die Prager Botschaft als Zuflucht suchten oder über Ungarns grüne Grenze flüchteten.

Am stärksten war Höppner, als es um die Monate von Mauerfall bis Wiedervereinigung ging. Als Schlüsselfigur der Politik wusste er, mit wie viel Improvisationstalent die eilig gewählte Volksvertretung der DDR arbeitete. "Da hatte keiner Ahnung von Geschäftsordnungen."
Und Höppner verriet, weshalb der 3. Oktober Tag der Wiedervereinigung ist. Die Volkskammer habe sich das Datum nicht aus Bonn vorschreiben lassen wollen. "Und am 7. Oktober wäre DDR-Feiertag gewesen und die PDS hätte das bestimmt groß inszeniert." Das habe man verhindern wollen und einfach den Tag nach der KSZE-Außenministerkonferenz festgelegt. Höppner nannte auch den für ihn wichtigsten Grund für Vorurteile zwischen Ost und West. "Wir waren nicht ehrlich genug miteinander."

Über die Stasi sprach Höppner nicht. Bis jene Zuhörerin danach fragte. Da kritisierte er, dass die DDR-Geschichte ausschließlich an der Stasi aufgehängt werde: "Im Alltag hatten die Bürger kaum mit der Stasi zu tun. Der Parteiapparat der SED war viel schlimmer." Und als die Zuhörerin nicht lockerließ, sagte Höppner jenen Satz, der so viel Kopfschütteln verursachte.

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