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Die Pflanze zieht viele Insekten an, darunter Zitronenfalter. - © Karl-Heinz Niehus
Die Pflanze zieht viele Insekten an, darunter Zitronenfalter. | © Karl-Heinz Niehus

Löhne Fakten zur Pflanze "Wilde Karde": Zwei Jahre, um zu überleben

Diese Pflanze ist vielfältig und angepasst. Sie holt aus der Zeit, die sie hat, alles raus. Wir stellen sie in dieser Folge von "Erlebnis Naturgarten" vor.

Karl-Heinz Niehus
28.08.2022 , 15:00 Uhr

Löhne. Der weltweite Verlust von Arten und Insekten gehört zu den riskantesten Entwicklungen der Gegenwart mit gravierenden Folgen für Kinder, Enkel und die danach. Doch zu Hause können viele mit heimischen Stauden auf Balkonen, in Gärten, Siedlungen, Stadt- und Landschaftsnatur gegensteuern. Attraktive Blütenstauden, faszinierende Rückkehrer wie Insekten, Amphibien und Reptilien werden in der neuen NW-Reihe „Erlebnis Naturgarten“ vorgestellt. In dieser Folge widmen wir uns der Wilden Karde (Dipsacus fullonum).

Pflanzen sind (Über-) Lebenskünstler, die durch eigens Überleben milliardenfaches Leben garantieren. Mehr als 380.000 Arten sind bekannt. Wer in die Welt ihres „Denkens“, ihrer Geheimnisse eintaucht, entdeckt im eigenen Garten, vor der Haustür oder in der Natur das Resultat vieler hunderttausend Jahre Evolutionsgeschichte.

Wilde Karde

Die Wilde Karde hat nur wenig Zeit. In zwei Jahren muss alles gelaufen sein, dann endet ihr Leben, besser, dann muss sie es weitergegeben haben. 1,60 Meter hohe Blätter-, Stängel- und Blütenstände produziert sie, schafft es, sich sicher fortzupflanzen und das auf oft kargen, trockenen Böden. Der Name „Karde“ weist übrigens auf eine mittelalterliche Verwendungsmöglichkeit hin. Man nutzte die stachelige Pflanze, um Rohwolle zu bearbeiten. „Karden“ ist ein altes Wort für „Kämmen“. Mit Hilfe der Wilden Karde ließ sich Wolle auskämmen, um sie dann weiter zu verarbeiten zum Beispiel zum Spinnen.

Die Blütenringe wandern nach oben und unten. Das erweckt die Illusion immer neuer Blüten. - © Karl-Heinz Niehus
Die Blütenringe wandern nach oben und unten. Das erweckt die Illusion immer neuer Blüten. | © Karl-Heinz Niehus

Los geht’s im ersten Jahr. Eine kräftige Blattrosette und lange, tief in den Boden eindringende Wurzelstöcke wirken wie eine Bio-Tankstelle. Das ganze Jahr über, sogar im Winter verläuft dieser Prozess. Daher sterben die Rosettenblätter nicht ab. Diese gespeicherte Kraft zieht jedoch auch andere an. Die Raupen verschiedener Eulenfalter und Schnecken gehören zu ihnen. Doch so einfach lässt sich die Karde nicht auf Begehrlichkeiten ein. Glykoside, Terpene, organische Säuren, Glucoside und Saponine in Blättern, Stängeln und Wurzeln vermiesen manchem „Möchtegern-Marktbesucher“ den Appetit.

Im zweiten Jahr schießen wie von Zauberhand im Frühjahr mächtige Stauden nach oben, geschmückt mit prächtigen Blütenköpfen und einem Heer von Schwebfliegen, Falten, Käfern, Wildbienen.

Wenn es mit der Blüte nicht klappt, ist alles verloren. Denn die Karde vermehrt sich nur über Samen, kann keine Ausläufer oder Wurzelsprosse bilden. Kein Wunder also, dass die Pflanze alles auf diese Karte setzt. In einem lila Zentrum bildet sie ein Blütenpunkt, daraus ein auffälliger Ring, der sich dann teilt, und wie ein Feuerwerk nach oben und unten hin „abbrennt“. Magisch scheint diese Strategie auf diverse Insektenarten zu wirken, denn das gaukelt ihnen „neue Blüte“ vor und der doppelte Ring ist für sie wie zwei Blüten, die die Karde jedoch nicht produzieren muss.

Zwischen den Blattachsen der Wilden Karde bilden sich Mini-Teiche. - © Karl-Heinz Niehus
Zwischen den Blattachsen der Wilden Karde bilden sich Mini-Teiche. | © Karl-Heinz Niehus

Um sich zu verteidigen reichen der Karde abwehrende Inhaltsstoffe in ihren Blütenköpfen nicht. Noch mehr Sicherheit muss her. Wie eine schützende Hand legen sich die stachelig geformten schmalen Hüllblätter um die Bütenwalze, der ganze Blütenkopf, sogar Stängel und Blätter sind mit Stacheln bewehrt. Fressfeinde wie Hasen, Rehe, Ziegen, Vögel sollen keine Erfolge haben. Sogar gegen Trockenzeiten wappnet sich die Pflanze, indem Kelchblätter an Blüten und Blätter an Stängeln schmal und winzig ausgebildet sind, um so nur geringe Verdunstungsflächen zu bieten.

Eine verblüffende Wasserstrategie entwickelt die Wilde Karde. In den Blattachseln bildet die Pflanze selbst an trockenen Tagen Miniteiche. Vögel und Insekten benutzen ihn als Tränke. Die genaue Bedeutung dieser Minipfütze ist unklar.

Im Garten

Die Wilde Karde wächst überall: trockene, lehmige, nährstoffarme oder -reiche, sogar feuchte Böden am Teichufer verträgt sie. Nur Schatten mag sie nicht. Als Solitärpflanze, als Kardenbeet oder kombiniert mit Großstauden wie Königskerzen, Natternkopf oder Langblättrigem Ehrenpreis bilden Karden ein ganzjähriges Augenparfüm für große und kleine Gartenbesucher. Selbst im Winter bilden die braunen Blütenwalzen noch bizarre Schönheiten. Es macht Sinn, sie stehen zu lassen. Denn Distelfink und Dompfaff finden Winterfutter an den Kardenköpfen, und in den Hohlstängeln überwintern Pilze, Flechten und zahlreiche Insekten als Larven oder Puppen.

Tipp

Wilde Karden sind Gartennomaden, als Zweijährige wandern sie durch die Gartenlandschaft und geben ihr so eine natürlich spontane Dynamik. Wer die Pflanze an einem festen Ort halten will, pflanzt kleine Keimlinge um, bevor sie lange Tiefwurzlern treiben. Auch die Höhe lässt sich gut regulieren. Wem die Karde im Beet oder am Eingang zu hoch erscheint, schneidet die Blütendolde kurz nach dem Trieb auf die passende Höhe ab. Seitlich entwickeln sich neue Blütentriebe, kleiner und zierlicher, aber ebenso schön. Als Saat oder Staude lässt sich die Wilde Karde erfolgreich ansiedeln.

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