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Einfach zugreifen: Pfarrer Eckhard Teismann hat früher auch schon mal kleine Pixibücher über Martin Luther beim Martin-Luther-Singen verteilt. Dieses Jahr gibt's wohl eher eine Süßigkeit, sagt der Pastor: "Meine Frau kauft ein." - © Ulf Hanke
Einfach zugreifen: Pfarrer Eckhard Teismann hat früher auch schon mal kleine Pixibücher über Martin Luther beim Martin-Luther-Singen verteilt. Dieses Jahr gibt's wohl eher eine Süßigkeit, sagt der Pastor: "Meine Frau kauft ein." | © Ulf Hanke

Löhne Wie Löhnes dienstältester Pfarrer von Martin-Luther-Sängern überrascht wurde

Eckhard Teismann stand als junger Vikar ausgerechnet an Luthers Geburtstag ohne Süßigkeiten an der Haustür. Seitdem hält er stets Kleinigkeiten bereit

Ulf Hanke
09.11.2019 | Stand 08.11.2019, 20:05 Uhr

Löhne. Sonntag werden wieder zahlreiche Kindergruppen durch die Nachbarschaften streifen und in ihren Rucksäcken Süßigkeiten nach Hause schleppen, von denen Großfamilien bis Weihnachten zehren können. Das Martin-Luther-Singen fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Da bleibt viel Zeit zum Singen und Sammeln. Wenn es nicht stürmt oder regnet, dürften die kleinen Auftritte an den Haustüren also ziemlich erfolgreich werden. Mehrere NW-Leser haben sich in der Redaktion gemeldet, um auf das Martin-Luther-Singen hinzuweisen. Es ist offenbar eine Besonderheit in der Region, die so nicht einmal in Gütersloh bekannt ist. Doch dazu später mehr. Kirchengemeinden haben Pressetexte geschickt, um ihre Spendensammlungen für diesen Tag anzukündigen. Ein Leser beschwerte sich darüber, dass immer weniger Kinder vor seiner Haustür stehen: Er bleibe immer öfter auf den ganzen Süßigkeiten sitzen. "Und wenn die Welt voll Teufel wär'" Andererseits gibt es auch Menschen, die den Brauch des Martin-Luther-Singens am 10. November gar nicht kennen und keine Süßigkeiten hinter der Haustür bereit halten. Eckhard Teismann war mal einer davon. Ausgerechnet Löhnes dienstältester evangelischer Pfarrer wusste als junger Vikar in Bünde nicht, warum da plötzlich eine kleine Gruppe junger Menschen vor seiner Haustür stand - und folgende Zeilen sang: "Und wenn die Welt voll Teufel wär' und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen." Es handelt sich dabei um die dritte Strophe von Martin Luthers Kirchenschlager "Ein feste Burg". Der Pfarrer schmettert die Strophe in voller Länge und tiefer Stimme mal eben so mitten ins Gespräch. Teismann singt Bariton in der Matthäuskantorei. Heinrich Heine und die Hymne der Reformation Der Dichter Heinrich Heine soll Luthers Kirchenlied einst die "Marseiller Hymne der Reformation" genannt haben. Und Friedrich Engels, der Marx-Freund, nannte es wohl die "Marseillaise der Bauernkriege". Der protestantische Kirchenschlager wird beim Martin-Luther-Singen allerdings nur von wenigen ambitionierten Sängern gesungen. Deutlich häufiger ist die Kettendichtung "Martin Luther singen wir, wir treten vor die Hausmannstür" zu hören. Ein Gagatext, einem altmodischen Rap nicht unähnlich, an dem vermutlich viele mitgedichtet haben. Pfarrer Teismann hat beobachtet, dass dieses Lied inzwischen auch von zahlreichen Zugewanderten gesungen wird. Es öffnet das Martin-Luther-Singen weit über die christlichen Konfessionsgrenzen hinaus. Dass 1988 aber vor seiner Haustür ausgerechnet die dritte Strophe des fast 500 Jahre alten Luther-Liedes aus den Kehlen junger Menschen schallte, hat den Vikar allerdings sehr erstaunt. "Das Lied habe ich natürlich erkannt", sagt Eckhard Teismann. Ein guter Protestant kennt seinen Luther - und könnte ihn wohl auch nachts um vier Uhr rückwärts auswendig aufsagen. Protestanten feiern den Geburtstag - nicht den Namenstag Martin Luthers Der eigentliche Grund für den Gesang ist Martin Luthers Geburtstag am 10. November 1483. Warum aber die Menschen in im Werretal an Luthers Geburtstag durch die Nachbarschaft ziehen und nicht am Martinstag, einen Tag später, ist wohl eine protestantische Besonderheit, ein norddeutscher Brauch, vermutet Teismann. In Gütersloh, wo es stark katholisch geprägte Gegenden gibt, ist das Martin-Luther-Singen auch bei Protestanten unbekannt: "Ich kannte es damals nicht", sagt Teismann. Er ist in Gütersloh geboren und aufgewachsen. Inzwischen kennt der Löhnes dienstältester Pfarrer auch die Vorgeschichte dieses Brauches. Nicht wenige behaupten, es ginge auf das sogenannte Kurrende-Singen zurück. Das waren Schüler, die von Haus zu Haus zogen, um Almosen bettelten und dabei sangen. Teismann sagt: "Das Martin-Luther-Singen ist in jedem Fall eine gute Gelegenheit, Fremden nicht gleich mit Misstrauen zu begegnen." Wann sonst, öffnen sich im Werretal so vielen Menschen so viele Haustüren? Und was sollte man an der Haustür geben? Bleibt die Frage: Was soll man geben, wenn's klingelt und gesungen wird? Früher gab's angeblich Nüsse, Äpfel, Mandarinen oder auch schon mal selbstgebackene Kekse an den Haustüren. Unter den Sängern hat sich das jedoch nicht durchgesetzt. Schlickerkram ist beliebter. Kekse zerbröseln zu rasch unter der Last der prall gefüllten Rucksäcke. Bevor NW-Leser aber am Samstag panisch die Süßigkeitenregale der Supermärkte plündern, hat der Pfarrer vielleicht einen Tipp? "Ich habe früher auch schon mal ein Pixibuch über Martin Luther verteilt", sagt Teismann. Am Sonntag weilt er allerdings noch auf einer Konfirmandenfreizeit und vertraut deshalb auf höhere Wesen: "Meine Frau kauft ein."

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