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Das alte Rangierwerk des Löhner Bahnhofs wird abgerissen. Es ist eingekesselt zwischen den zwei Bahnlinien, unten verläuft die Bünder Straße. - © Wolfhard Jording
Das alte Rangierwerk des Löhner Bahnhofs wird abgerissen. Es ist eingekesselt zwischen den zwei Bahnlinien, unten verläuft die Bünder Straße. | © Wolfhard Jording

Löhne Geschuftet für die Eisenbahn in Löhne: Martin Lorenz erinnert sich an die Arbeit seines Vaters

Mit 14 Jahren hat der Vater von Martin Lorenz angefangen bei der Bahn zu arbeiten. Lorenz erzählt von einer Kindheit mit Dampflok vor dem Fenster und alten Pfannkuchen am Morgen.

Susanne Barth
12.08.2019 | Stand 12.08.2019, 15:35 Uhr

Löhne. Da es in Löhne kein Krankenhaus gibt, gibt es nicht allzu viele waschechte Löhner. Martin Lorenz ist einer von ihnen. Der heutige SPD-Ratsherr ist im Schlafzimmer seiner Eltern geboren worden. Mitten im Herzen von Löhne-Ort, direkt am Bahndamm. 1961 hieß die Straße noch Königlich 572, heute ist es die Raiffeisenstraße 11. Vom Kinderzimmer aus konnte er die Gleise sehen und war nicht nur wegen der Begeisterung über den Ablauf des Rangierbetriebs durch und durch Eisenbahnerkind. Die Familie von Martin Lorenz zog 1959 nach Löhne. Es war eine Zeit, als der Bahnhof vielen Menschen Arbeit bot. In der Hochzeit als Umschlagbahnhof haben hier mehr als 1.000 Menschen gearbeitet. Mit 14 Jahren begann Martin Lorenz' Vater Werner Lorenz am 1. April 1944 seine Laufbahn bei der Deutschen Reichsbahn. In Porta arbeitete er zunächst im Gleisbau in der so genannten Rotte. "Schwerstarbeit", sagt der Sohn heute. 1953 ging es von Porta nach Löhne 1953 wechselte er zum Bahnhof Löhne, um als Rangierer bessere Aufstiegsmöglichkeiten zu haben. Jahrelang pendelte er mit dem Personenzug zwischen Löhne und Barkhausen, wo seine große Liebe wohnte. Bevor sie nach Löhne zogen, lebten sie (1956 wurde Sohn Ulrich geboren) in Zimmern bei den Großeltern. In Löhne entstanden dann die Eisenbahnerfamilienhäuser in der heutigen Poststraße und auch im Dorfkern von Löhne-Ort. "Manchmal winkte mir mein Vater zu" In die einzige Dachwohnung im neuen Haus zu Königlich 572 zog die Familie. Dort wurde dann 1961 der zweite Sohn Martin geboren. "Die Hebamme musste vorher von der einzigen Telefonzelle am Kriegerdenkmal informiert werden", weiß Martin Lorenz aus Erzählungen. Der Blick vom Kinderzimmer aus ging zum Bahndamm. "Dort studierte ich mit Begeisterung den Ablauf des Rangierbetriebes, alles nur durch Dampflokomotiven. Ich saß mehrere Stunden am Fenster. Manchmal winkte mir mein Vater zu, wenn er die Güterwagen am Ablaufberg entkuppelte." Sein Vater verdiente im Monat 200 Mark und hatte einen 5-Wochenschichtplan. Lorenz: "Wenn er aus der Nachtschicht hungrig nach Hause kam, machte er erst einmal Eierpfannkuchen, die mir morgens wunderbar mundeten." Direkt an der Bahn am Langen Weg lag der Gemüsegarten der Familie. "Der fiel 1967 mit der Verlängerung der Gleise für längere Züge im Rahmen der Elektrifizierung der Kölner Bahn zum Opfer. Ein Fundament für einen Masten wurde direkt in mein geliebtes Erdbeerbeet gebaut." "Ein Auto hatten wir nie" Durch die Sparsamkeit konnte sich die Familie einen Kühlschrank und einen Fernseher leisten. "Ein Auto haben wir nie besessen." Den ersten Urlaub machten sie 1961, als Martin Lorenz noch im Bauch der Mutter war, ins Berchtesgadener Land. Die Bahnfahrt war frei und viele Eisenbahner reisten damals hin, "man nannte den Urlaubsort damals Löhne 5. Mit Löhne 1 verband man Bahnhof und Obernbeck, Löhne 2 Dorf Löhne, Löhne 3 Gohfeld und Löhne 4 Mennighüffen/Ulenburg als Ortsteile des Amtes Gohfeld in Löhne-Bahnhof". Das 25-jährige Dienstjubiläum feierte der Vater 1969. Anfang der 80er Jahre begann dann der Niedergang des Rangierbahnhofes, "mein Vater machte sich große Zukunftssorgen", 1983 lief der offiziell letzte Güterwagen den Ablaufberg hinunter. Lorenz: "Er war mit grünem Laub geschmückt, wie man die letzten Damploks 1976 an der Drehscheibe geschmückt hatte." "Er spendierte mir ein Dunkelmalzbier" 1984 feierte Werner Lorenz sein 40-jähriges Dienstjubiläum, einige Kollegen waren schon nach Minden versetzt worden. "Fast fünf Monate später starb mein Vater mit 54 Jahren völlig überraschend für uns, nach 37 Jahren Wechselschicht und 40 Jahren Eisenbahnerleben, davon 31 Jahre in Löhne. Oft ist er in meinen Gedanken. Noch immer vermissen wir ihn in der Familie, auch die ihn nicht erlebten, als Großvater, Schwiegervater, Vater und Ehemann." Martin Lorenz war zuletzt vor einigen Wochen auf dem alten Rangierbahnhofsgelände. Mit Führung ging es auch in die alte Kantine. "Ich sah sofort, wo ich als Vierjähriger mit meinem Vater saß, er spendierte mir ein Dunkelmalzbier. Die Rechnung hatte ich stolz ausgerechnet, als er die Bedienung zum Bezahlen rief." Vorher hatte sein Vater ihm den Lokschuppen gezeigt. 1966 gab es noch 22 Stände. Lorenz: "Nun werden diese Gleise nach 103 Jahren abgebaut, auch die alten Gebäude, mit denen ich viel kindliche Erinnerungen habe." Die Nachricht über den Abriss aller Gebäude des Bahnbetriebswerkes Löhne erreichte Lorenz im Urlaub. "Den Abriss finde ich verständlich und logisch, da ist wirklich nichts mehr zu retten." Verärgert ist er aber über die mangelnde Kommunikation seitens der Bahn. Denn seit Monaten machen sich die Teilnehmer der Geschichtswerkstatt und der Ortsverein Gedanken, wie man das Gelände nutzen könne, nachdem die Idee eines Gewerbegebietes verworfen werden musste.

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