Grelle Farben an dunklen Orten: 77 Prozent der 16- bis 70-Jährigen haben mindestens einmal in ihrem Leben an einem Glückspiel teilgenommen. 500.000 Menschen gelten in Deutschland als pathologische Spieler. Die Automatenspieler sind bei den Spielsüchtigen auf Platz 1. - © Andreas Frücht
Grelle Farben an dunklen Orten: 77 Prozent der 16- bis 70-Jährigen haben mindestens einmal in ihrem Leben an einem Glückspiel teilgenommen. 500.000 Menschen gelten in Deutschland als pathologische Spieler. Die Automatenspieler sind bei den Spielsüchtigen auf Platz 1. | © Andreas Frücht

Löhne Glücksspielgesetz ohne Konsequenzen

Eigentlich hätten Spielhallen in Löhne schließen müssen, gezockt wird dort aber immer noch. Haarscharf muss die Stadt die Schließung begründen und daran scheitert es. „Die Macht der Lobby ist erschreckend“

Susanne Barth
24.04.2019 | Stand 23.04.2019, 18:08 Uhr

Löhne. Früh bis spät kann in Spielhallen gezockt werden. Zehn solcher schummrig beleuchteten Plätze mit Automatengedudel gibt es in Löhne. Durch ein strengeres Glücksspielgesetz, das bereits im Juli 2017 verabschiedet worden ist, hätten in Nordrhein-Westfalen tausende Spielhallen schließen müssen. Auch in der Werrestadt hätten Läden vor dem Aus gestanden. Eigentlich. Denn bisher kam es dazu noch nicht. Die Auflagen wurden mit dem Gesetz verschärft, doch nicht überall wurden die Konsequenzen daraus gezogen. Liegen zwei Spielhallen weniger als 350 Meter nah beieinander, muss eine davon schließen. Liegen sie zu nah an Schulen oder Kindergärten, droht ebenfalls das Aus. Auch dürfen eigentlich keine sogenannten Doppelspielhallen mehr existieren. „Die Drohgebärden der Lobby kommen an“ Von den zehn Spielstätten im Löhner Stadtgebiet sind drei direkt vom Gesetz betroffen. „Zwei hätten zumachen müssen“, sagt Ordnungsamtsleiter Wolfgang Greinke. Auf jeweils einer Seite der Königsbrücke liegt ein Laden. Diese haben keine 350 Meter Abstand voneinander. Also dürfte nur eine Spielhalle von beiden noch existieren. Doch welche schließen? Einfach sei das nicht zu entscheiden, sagt Greinke. „Wir müssen haarscharf begründen, warum wir welche schließen möchten.“ Sonst könne der Stadt eine Klage drohen. Die Glückspiellobby sei enorm groß und lasse sich nicht so einfach unterkriegen. Das weiß auch Ilona Füchtenschnieder von der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht in Bielefeld. „Die Drohgebärden der Lobby kommen an“, sagt sie. Das Geschäft mit dem Glück sei „saugut“, die Lobby habe viel Geld und „wehrt sich mit allen Mitteln“. Für Füchtenschnieder ist die Macht hinter den Spielhallen erschreckend. „Wo bleiben die demokratischen Prinzipien?“ Eine weitere Spielhalle an der Königstraße läuft immer noch als sogenannte Doppelspielhalle. Solche Läden haben zwei Konzessionen. Abgetrennt durch Türen war es den Besitzern bisher erlaubt, diese so quasi unabhängig voneinander zu betreiben. Auch diese „Multikomplexe“ sollen eigentlich Geschichte sein. „Weniger Angebot heißt auch geringerer Anreiz“ Erlaubt sind durch das Landesgesetz nur bis zu zwölf Automaten pro Spielstätte. Die betroffenen Betreiber haben 2017 schon Härtefall-Anträge gestellt, so Greinke. Entschieden hat die Stadt noch nichts. Andere Kommunen, so Füchtenschnieder, hätten die Anträge einfach genehmigt. Und so passiert – nichts. Für Füchtenschnieder ging das Gesetz im Sommer vor zwei Jahren schon nicht weit genug. Sie hat in ihren mehr als 30 Berufsjahren schon Tausende Spielsüchtige gesehen. „Die Automatenspieler sind dabei mit Abstand auf Platz 1“, sagt die Expertin. Es sei ein Ziel des Gemeinwohls, die Spielsucht zu bekämpfen. „Weniger Angebot heißt auch geringerer Anreiz.“ Zahlen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) belegen, dass 77 Prozent der 16- bis 70-Jährigen mindestens einmal in ihrem Leben an einem Glücksspiel teilgenommen haben. Dazu gehören Spielautomaten, aber auch Lotto, Sportwetten oder Poker. Mit Automaten haben 19,4 Prozent Erfahrung. Gut 500.000 Menschen gibt es, die problematisch oder pathologisch spielen. In Hessen gibt es Sperrlisten Für Spielhallen seien Süchtige gute Kunden, daher wehren sich die Betreiber auch so stark gegen Gesetze. „Die Lobby hat einen Freifahrtsschein“, sagt Füchtenschnieder. Laut einer Studie der Universität Hamburg werden rund 60 Prozent des Umsatzes in Spielhallen mit Suchtkranken gemacht. Hessen geht soweit, dass es dort eine Sperrliste gibt, auf die sich die Menschen selbst setzen lassen können. Seit April 2014 gibt es diesen Selbstschutz, mehr als 15.000 Menschen stehen auf der Liste. Auch von solchen Ideen ist NRW noch weit entfernt. Die Automatenwirtschaft befürchtet hingegen ein Wachstum des illegalen Glücksspielmarktes. „Dies ist ein Schlag gegen das legale gewerbliche Spielangebot“ sagte Georg Stecker, Vorstandssprecher des Dachverbandes, schon bei der Verabschiedung des Gesetzes . Auch gehe es um die Rettung von Arbeitsplätzen. Die Expertin aus Bielefeld hält dagegen. Das Gesetz war vor dem Inkrafttreten im Juli 2017 bereits fünf Jahre vorher verschärft worden. Seitdem ist bekannt, dass die Regelungen nach Ablauf dieser Zeit in Kraft treten. Füchtenschnieder: „Sie haben gehofft, es bis dahin weglobbyieren zu können. Das zeigt, wie diese Branche zu Recht und Gesetz steht.“

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