Persönlicher Brexit: Der Brite Ian Watson will Deutscher werden. - © Ulf Hanke
Persönlicher Brexit: Der Brite Ian Watson will Deutscher werden. | © Ulf Hanke

Bad Oeynhausen/Löhne Wie Briten sich auf ihren ganz persönlichen Brexit vorbereiten

Chris Turquand aus Obernbeck und Ian Watson aus Bröderhausen verbringen jede freie Minute damit, Nachrichten aus dem Königreich aufzusaugen

Bad Oeynhausen/Löhne. Chris Turquand nippt am Kaffee. Er trinkt ihn schwarz und nach Lage der Dinge sieht er seine Zukunft als britischer Rentner in Deutschland ganz genauso. Seit Wochen kreisen seine Gedanken angesichts des politischen Brexit-Gezerres immer wieder um das Thema. „Wenn ich todkrank wäre", sagt der Löhner Brite, „müsste ich wohl in England sterben, obwohl ich das nicht will." Der 66-jährige Gärtner aus London, der seit mehreren Jahren in Löhne lebt, sieht in eine ungewisse Zukunft. Braucht er bald ein Visum? Was ist mit der Krankenversicherung, dem Führerschein? Und was wird aus den Pensionen und Renten der Auslands-Briten? Die deutschen Behörden wissen offenbar in vielen Fällen selbst noch keine Antwort. Die Staatsbürgerfrage hat Ian Watson für sich beantwortet. Nach hartem Ringen mit sich selbst. Er will Deutscher werden. Den Staatsbürgerschaftstest hat er am 15. Februar absolviert. 13 Teilnehmer hatte der Kurs in der Volkshochschule Löhne, 11 davon waren Briten. Erste Frage, kein Scherz: Wann wurde Hitler Reichskanzler? Der 49-jährige Brite ist sich sicher, von den 33 Fragen genügend Antworten richtig angekreuzt zu haben. Für den deutschen Pass reicht das aber nicht. Die eigentliche Hürde wird der Sprachtest. Daran hat er zu kauen. Watson hat Deutsch auf dem Dorf gelernt, mit seiner Frau Katrin in Gohfeld und auf der Arbeit als Produktionshelfer in Bad Oeynhausen. Ians Schwester ist nach Spanien übergesiedelt Einen Sprachkurs hat er nie besucht. Wozu auch? In den 1980ern war er mit den britischen Streitkräften in Deutschland stationiert, seit 1992 lebt er außerhalb der Kaserne in Deutschland. Den Mauerfall hat er direkt an der deutsch-deutschen Grenze bei Helmstedt erlebt, als ihm die Trabbis aus Marienborn entgegen tuckerten. Katrin und Ian haben drei Kinder und zwei Enkel. Ian Watson ist Familienvater, er hat in Bröderhausen, in der Gemeinde Hüllhorst, Wurzeln geschlagen. Das Paar hat gerade ein Haus gekauft. In England lebt noch ein Bruder, der war für den Brexit. Ians Schwester aber hat nach dem Referendum Hab und Gut verkauft, alles in ein Wohnmobil gesteckt und ist nach Spanien übergesiedelt. „Das geht da alles viel einfacher", sagt Ian Watson mit Blick auf die deutschen Behörden. Überall lauern Gebühren. Der Test kostet Geld, die Prüfungsfrage auch, der Antrag sogar 550 Euro, hinzu kommen Gebühren für die Ausweispapiere.Beide Briten verbringen jede freie Minute damit, die neuesten Nachrichten aus dem Königreich aufzusaugen. Doch seit Wochen gibt es eigentlich nichts Neues, abgesehen von der möglichen Verschiebung. Auf ihren Fernsehen läuft ständig Parlaments TV, sie verfolgen aufmerksam die Debatten aus dem britischen Parlament, jagen jedem Brexit-Gerücht in den sozialen Medien hinterher. Oft bleibt nur ein bitterböser Kommentar: „Wir sind Bauern auf einem Schachbrett", sagt Chris Turquand. "Ich will Europäer bleiben" Die Süddeutsche Zeitung titelte vor einigen Wochen mit dem Stoßseufzer des EVP-Spitzenkandidaten Manfred Weber (CSU) an die Briten: „Sagt uns bitte, was ihr wollt!" Chris Turquand weiß das: „Ich will Europäer bleiben!" Er versucht dennoch eine Antwort aus Sicht seiner Landsleute, der Insel-Briten: „Wir wissen nicht, was das Problem ist. Und am Ende ist genau das das Problem." Eigentliches Ziel sei vermutlich ein Länderstatus vergleichbar mit Norwegen und der Schweiz. Doch dafür müssten die britischen Abgeordneten längst damit angefangen sein, die umfangreichen Gesetzesänderungen für die Übergangszeit zu beschließen. Ohne diese Beschlüsse, wie sie zwischen der britischen Regierung und der Europäischen Union ausgehandelt wurden, läuft alles auf einen harten Schubser zum Ende hin hinaus, vielleicht gibt‘s noch mal Aufschub nach dem 29. März, aber die Abbruchkante rückt näher. Und das bedeutet auch wieder Grenzen zwischen dem britischen Königreich in Nordirland und der Republik Irland. Der blutige Konflikt droht wieder aufzubrechen. Turquand weiß, was das bedeutet. Der Brite hat 1969 in der Republik Irland gelebt. Die Brexit-Kampagne hat auch mit dem alten britischen Pass geworben. Er war mal blau, nicht rot wie der aktuelle Pass mit dem EU-Logo obendrüber. Der britischer Reisepass von Ian Watson ist noch bis zum 19. Juni gültig. Drei Monate vorher, das wäre der 19. März, müsste er eigentlich einen neuen beantragen. „Den Weg zum Konsulat spare ich mir", sagt Watson, „mein nächster Pass ist der deutsche."

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