Ulrich Hackmann (46) mit Pitbull-Mix Tila aus dem Tierheim Eichenhof. - © Ulf Hanke
Ulrich Hackmann (46) mit Pitbull-Mix Tila aus dem Tierheim Eichenhof. | © Ulf Hanke

Löhne Interview zum Fall Chico: „Der Halter macht den Hund“

Ulrich Hackmann kämpft für den Ruf der sogenannten Kampfhunde. Der 46-jährige Löhner setzt sich für klare Regeln in der Hundehaltung ein und fordert einen einheitlichen Hundeführerschein

Susanne Barth
Ulf Hanke

Der Kampfhund Chico hat zwei Menschen in Hannover getötet und ist am Montag eingeschläfert worden. Wie hätten Sie entschieden? Ulrich Hackmann: Man muss mit kühlem Kopf Pro und Kontra abwägen, klären, ob der Hund gesund oder krank ist und dabei darf man nicht vergessen: Dieser Hund hat zwei Menschen getötet. Das ist das Schlimmste, was passieren kann! Meine persönliche Meinung ist, dass man den Hund einschläfern sollte. Wieso sollte der Hund eine Daseinsberechtigung haben, obwohl er zwei Menschen getötet hat? Über 280.000 Menschen haben das Gegenteil gefordert und haben die Petition „Lasst Chico leben!" unterschrieben. Wie stehen Sie dazu? Hackmann: Ich habe auch in diesem Hype unterschrieben. Im Nachgang habe ich mit Jenny Halter, der Mitinitiatorin der Interessengemeinschaft Listenhunde OWL, gesprochen. Man weiß nicht, was diesen Hund dazu gebracht hat, so weit zu gehen. Es gibt viele Faktoren: Der Hund wurde offenbar in einem Käfig in der Wohnung gehalten. Zum Gassi gehen wurde er auf den Balkon oder nachts auf die Straße geführt. Die Emotionen kochen hoch und explodieren durch die sozialen Medien. Tausende sogenannte Experten kommen aus ihren Löchern und versuchen das zu erklären. Der Hund hat aber zwei Menschen totgebissen und man kennt den Grund nicht, nicht seine Schlüsselreize. Ist das eine Bewegung, ein Geruch? Es ist ganz schwierig, diesen Hund zu resozialisieren. »Chico wurde im TV vorgeführt. Das finde ich unprofessionell« Im Gespräch war ein professioneller Gnadenhof, die Behörden haben ausgeschlossen, dass Chico in private Hände kommt. Hackmann: Richtig. Die Frage war, ob der Hund da ein vernünftiges Leben führen kann. Traut sich überhaupt jemand ran an den Hund? Es gibt doch diese Fernsehbilder: Chico an der Leine im Tierheim Hannover. Da sieht er ganz normal aus. Hackmann: Was das Tierheim Hannover da gemacht hat, finde ich ziemlich unprofessionell. Die Presse hat da eigentlich nichts zu suchen. Der Hund sollte vom Veterinäramt und von der Medizinischen Hochschule untersucht werden. Und der Hund wurde an einer einzigen Leine vorgeführt, die nicht mal richtig gesichert war. Er hatte keinen Maulkorb auf, was wahrscheinlich daran lag, dass er sich diesen nicht hat aufsetzen lassen. Der Hund ist fröhlich durch die Gegend spaziert. Normalerweise müsste er doppelt mit Geschirr und Leine gesichert werden, zwei Leute müssen den Hund halten. Dann könnten sie ihn, wenn der Schlüsselreiz kommt, sichern. Was die da gemacht haben, finde ich unverantwortlich. Sie sind selbst Halter eines Kampfhundes, Besitzer der Pitbull-Kreuzung Tila aus dem Tierheim. Wie erleben sie die neue Kampfhund-Debatte auf der Straße? Hackmann: Wenn ich mit Tila meine Runde gehe, hat mich bisher noch keiner schief angeguckt. Ich treffe eigentlich immer die gleichen Leute und die gleichen Hunde, die kennen mich. Klar passiert das schon mal, dass Leute die Straßenseite wechseln, aber eher, weil sich unsere Hunde nicht leiden können. Das ist bei uns Menschen ja genauso. Auf der Arbeit haben mich Kollegen angesprochen, die wissen, dass ich mich engagiere: Jetzt ist deine Aufklärungsarbeit über die angeblich so bösen sogenannten Kampfhunde zunichte. Die Initiatorin der Petition „Lasst Chico leben!" spricht von „Hunderassismus". Sehen sie das auch so? Hackmann: Das ist eine Diskriminierung, ja, das sehe ich auch so. Die Hunde sind nicht von vornherein böse. Sie haben einen anderen Körperbau, sind muskulöser, haben aber weder eine Kiefersperre, noch mehr Zähne oder was da alles durch die Medien geistert. Das sind ganz normale Hunde. Das Problem liegt am anderen Ende der Leine. Der Hund ist, was der Halter daraus macht. Braucht es noch mehr Regeln für Hundebesitzer? Hackmann: Ja und die Behörden setzen die Gesetze nicht richtig um. Das hat man in Hannover gesehen. 2011 hat der gesetzliche Betreuer des Hundehalters von Chico eine Hundetrainerin informiert, das zuständige Amtsgericht und das Veterinäramt. Der Hund war wohl auch nicht ordnungsgemäß als Staffordshire-Terrier angemeldet. Die Behörden haben aber nichts gemacht. Und der Tierschutzverein hat 2014 und 2016 kontrolliert und scheinbar nichts Auffälliges gefunden. Das ist für mich alles eine Farce! Wenn es so viele Anzeichen gab, warum ist nichts passiert? Hackmann: Das ist in meinen Augen klassisches Behördenversagen. In Hamburg hat die Kampfhunde-Debatte im Jahr 2000 ihren Anfang genommen, als der sechsjährige Volkan von zwei sogenannten Kampfhunden getötet wurde. Danach haben sich die Behörden gegenseitig die Schuld zugeschoben. Wie sollte denn die Stadt Löhne handeln, wenn ihr Hund Tila einen Spaziergänger beißen würde? Hackmann: Dann müsste ich Besuch vom Ordnungsamt und vom Veterinär bekommen. Mein Hund hat eine Leinen- und Maulkorbbefreiung aufgrund des Wesenstests, den wir gemacht haben. Ich müsste dann den Wesenstest wiederholen, um die Ungefährlichkeit meines Hundes zu beweisen. Das ist natürlich immer auch tagesformabhängig, genauso wie bei uns Menschen. Wie bei einer medizinisch-psychologischen Untersuchung beim Autoführerschein? Hackmann: Im Prinzip ja. Wenn es einen Beißvorfall gibt, muss der Hund zum Wesenstest. Muss nicht eher der Halter zum Wesenstest? Hackmann: Genau das fordern wir: den Hundeführerschein, so wie er in Niedersachsen bereits eingeführt ist. Außerdem brauchen wir auch in NRW ein Hunderegister, damit man Hunde und Halter kennt. In Schleswig-Holstein, Thüringen und Niedersachsen ist das so, da gibt‘s keine Rasselisten mehr. Das ist unser Wunsch: Jeder Hundebesitzer muss diesen Hundeführerschein machen und die Rasselisten müssen abgeschafft werden! Der Weg dahin ist lang. Und leider ist er schon wieder etwas länger geworden. Hinweis der Redaktion: Am Sonntag planen Tierfreunde in Hannover eine zweistündige Mahnwache für Chico.

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