Fast immer unterwegs: In Deutschland ist die Fahrt im Taxi eine nützliche Möglichkeit, um von A nach B zu kommen ohne selber fahren zu müssen. Das hat allerdings auch seinen Preis. Auch wenn der nicht immer zugunsten des Fahrers ausfällt. - © Foto: Ole Spata/dpa
Fast immer unterwegs: In Deutschland ist die Fahrt im Taxi eine nützliche Möglichkeit, um von A nach B zu kommen ohne selber fahren zu müssen. Das hat allerdings auch seinen Preis. Auch wenn der nicht immer zugunsten des Fahrers ausfällt. | © Foto: Ole Spata/dpa

Löhne Berufe anonym: Von Fahrpreisprellern und Sonderpausen

Taxifahrer erleben Menschen hautnah, sind oft Seelenklempner und müssen auch mal Streits schlichten. Ein Angestellter wirft am Löhner Bahnhof einen Blick auf diesen Job

Löhne. Um die Mittagszeit scheint es an der Taxi-Haltestelle am Bahnhof ruhig zu sein. Zwei Fahrer, die ich anspreche und um ein Gespräch bitte, verweisen mich an einen Kollegen, „der besser Deutsch spricht". Um 14 Uhr sei der wieder am Taxistand. Besagter Kollege hat zwischen zwei Fahrten Zeit für ein Gespräch. Zunächst noch etwas reserviert, bleibt er in seinem Wagen sitzen und berichtet in kurzen Sätzen über seinen Job. Schon seit 20 Jahren arbeite er als Taxifahrer, sagt der Mann mittleren Alters. Wie er seinen Beruf so findet? „Positiv, man lernt viele gute Leute kennen", antwortet er nach kurzer Überlegung. Und ergänzt: „Man sammelt viel Lebenserfahrung." Aber es gebe auch schlechte Leute, fügt er hinzu. Fast 50 Prozent der Fahrgäste versuchen den Preis zu drücken. Einige würden sogar aussteigen und wegrennen ohne zu bezahlen. Nachts käme es auch häufiger mal zu Handgreiflichkeiten. Jeder Tag hat einen ähnlichen Ablauf Etwas spärlich fallen seine Antworten auf meine Fragen aus. Und auch die Situation wirkt eher kühl bis reserviert: Während der Fahrer im Wagen sitzen bleibt und in knappen Sätzen von seinem Beruf erzählt, stehe ich draußen vor dem heruntergekurbelten Fenster und versuche, meinen Gesprächspartner aus der Reserve zu locken. 50 Prozent, so nehme ich den Faden wieder auf, das sei schon eine ganz schöne Hausnummer. Und tatsächlich wird der Fahrer langsam etwas lockerer. Obwohl er viele Gründe hätte sich zu beschweren, sagt er, wolle er das gar nicht. Die Pausenzeiten seien so ein Grund. Schaut man sich den Alltag eines Taxifahrers an, dann wirkt er eigentlich wie der in einem Büro. Morgens wird der Wagen geholt, die Kunden rufen entweder direkt beim Fahrer an oder die Zentrale vermittelt. Jeder Tag hat einen ähnlichen Ablauf. Anders ist jedoch das Pausensystem: Neben der gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeit, kann der Chef jederzeit bei seinen Fahrern anrufen und Pausenzeiten anordnen. Das passiert, wenn nichts los ist. „Manchmal steht man dann halt zwei Stunden und macht Pause", sagt mein Gesprächspartner. Bezahlt werde diese Zeit nicht. Aufstockung vom Staat, sonst reiche es nicht Ein gelbes Auto kommt, hält an, ein Fahrgast steigt ein, das Taxi fährt wieder. Gar nicht so einfach, da im Gespräch zubleiben. Das merkt auch mein Fahrer: Nach einiger Zeit steigt er aus und lehnt sich entspannt gegen die Tür. Sein Diensthandy, auf das er vorher stets den Blick gerichtet hat, bleibt leise und verschafft und die Gelegenheit, auf das Thema Bezahlung zu kommen. Auf der Straße, verdiene er 8,84 Euro Mindestlohn. Er arbeite 35 Stunden in der Woche, sei verheiratet und Vater. Zusätzlich zu seinem Gehalt erhalte die Familie Unterstützung vom Staat: „Sonst reicht das nicht." Früher seien die Zeiten noch besser gewesen. Zu D-Mark-Zeiten. Da habe er mehr verdient und mehr Trinkgeld bekommen. Alleine ist der Mann mit dieser Erfahrung nicht. Im Gegenteil verdienten Taxifahrer noch vor wenigen Jahren im Schnitt deutlich mehr Geld. Durch die Einführung des Mindestlohnes im Januar 2015 aber wurde das Bezahlungsmodell umgestellt: Wurden Taxifahrer zuvor meist am Umsatz des Unternehmens beteiligt, gab es fortan einen Stundenlohn. Oft mit negativen finanziellen Folgen: Laut Bundesagentur für Arbeit liegen rund 88 Prozent der 39.000 Vollzeitbeschäftigten der Branche unter der Niedriglohnschwelle. Rund 10,5 Prozent beziehen zusätzlich Hartz IV als aufstockende Leistung. „Zuviel Geld macht unglücklich" Von Fahrpreisprellern, Sonderpausen und wenig Gehalt aber lässt mein Fahrer sich nicht aus der Ruhe bringen. Er sei nicht wütend. „Jeder will heute besser sein und Millionär werden", sagt er. Tag und Nacht würden die Menschen darüber nachdenken, wie sie erfolgreicher sein können und vergessen dabei zu leben. „Zuviel macht unglücklich", findet der Familienvater und zieht einen Vergleich: Wer viel Geld hat gibt nur wenig Trinkgeld, wer wenig hat gibt viel, weil er in der selben Lebenslage ist wie der Fahrer. Für ihn persönlich sei es wichtig nicht zu viel und nicht zu wenig zu haben. „Dann bleibt man auf einem guten Weg." Wichtig sei ihm die Rolle, die er für seiner Fahrgäste spielt: Für seine Kunden sei er oft eine Art „Seelenklempner", denen er durchs Zuhören helfen kann. Plötzlich klingelt sein Handy doch. Der Mann setzt sich ins Auto und geht dran. Sehr höflich fragt er den Anrufer nach seinem Wohnort und dem Wunschziel. „Ich bin in zehn Minuten da", sagt er und legt auf. Er müsse dann jetzt los, sagt er zu mir entschuldigend. Kurz hält er noch inne, um ein Fazit aus alldem zu ziehen, was er mir in der letzten halben Stunde erzählt hat: Sozialversichert sein, seine Familie gut durchbringen und gute Leute um sich haben, das sei das Rezept für ein glückliches Leben. Jedenfalls wenn es nach ihm ginge. „Früher gab es viel mehr Arbeit. Das ist heute zu einem Luxus geworden", sagt er. Und das sollte man schätzen lernen. Besser, als immer nur mehr zu wollen.

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