Die Altenpflege: Mittlerweile spricht man in Deutschland von einem deutlichen Pflegenotstand. Zu wenig Fachkräfte sind da, um sich um die immer älter werdende Bevölkerung zu kümmern. Doch schlechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen halten viele ab - © David berg/dpa
Die Altenpflege: Mittlerweile spricht man in Deutschland von einem deutlichen Pflegenotstand. Zu wenig Fachkräfte sind da, um sich um die immer älter werdende Bevölkerung zu kümmern. Doch schlechte Bezahlung und Arbeitsbedingungen halten viele ab | © David berg/dpa

Löhne Altenpfleger unter Zeitdruck

Berufe anonym (1): Zwar ist er Quereinsteiger, aber das ist in der Pflege keine Seltenheit. Er hat sich ausbilden lassen und der Job gibt ihm viel zurück. Die Bedingungen unter denen gearbeitet wird sind jedoch katastrophal

Löhne. „Es ist ein sehr anstrengender Job, der scheiße bezahlt wird", bringt er es der Altenpfleger zu Beginn unseres Gesprächs auf den Punkt. Wir sitzen auf einer kleinen Terrasse, die Sommersonne zeigt sich noch einmal, bevor es Richtung Herbst geht. Es gibt Kaffee. Viel Kaffee, denn der Altenpfleger hat viel zu erzählen. Er ist Quereinsteiger, hat sich zum Altenpfleger ausbilden lassen Seit sieben Jahren ist er in der Pflege tätig. Er ist Quereinsteiger. Angefangen hat er als Präsenzkraft und Pflegehelfer, danach hat er sich dazu entschlossen, sich zum examinierten Altenpfleger ausbilden zu lassen. Das bedeutete noch mal drei Jahre lang die Schulbank drücken und nebenbei praktische Erfahrungen sammeln. Die Ausbildung hat er erfolgreich abgeschlossen, er ist jetzt fest angestellt und in der ambulanten Pflege tätig. "1.600 Euro auf der Hand" Während wir langsam ins Gespräch kommen zündet er sich eine Zigarette an. „Rauchen sie auch?", fragt er. Ich lehne ab. Um einen Überblick über seine Situation zu bekommen, nehme ich einen Schluck Kaffee und frage nach seinem aktuellen Gehalt. „Brutto sind es 2.300 Euro plus Zuschläge. Am Ende sind es 1.600 Euro auf der Hand", antwortet er. Davon müsse der gesamte Lebensunterhalt bestritten werden. Oft gar nicht so leicht. Im falschen Film Als er in der Pflege angefangen hat, hat er eine Fortbildung absolviert. Von da an konnte er sich als 400-Euro-Kraft in der Altenpflege verdingen und hat in verschiedenen Einrichtungen und der ambulanten Pflege gearbeitet. Vom Arbeitsamt wurde eine Fortbildung zur Präsenzkraft angeboten. Die Qualifizierung besteht aus mehrtägigen Kursen und Praktika. „Schon da hab ich gedacht, ich bin im falschen Film", sagt er. Viele der anderen Teilnehmer konnten kaum Deutsch, waren nur zum Zeitvertreib da und die, die wirklich etwas lernen wollten blieben auf der Strecke. Dabei hatte er viele Fragen und fühlte sich unsicher. „Unsere Arbeitsaufgaben wurden nicht definiert. Toilettengänge waren zum Beispiel so ein Thema. Ich greife da in die Intimsphäre ein und wollte wissen, wie man das vernünftig macht", berichtet er. Diese Fragen wurden aber nicht beantwortet. Nach der Fortbildung fing er an auf einer „Dementenstation" zu arbeiten. „Da wurde im Personal untereinander nur rumgepöbelt", beschreibt er die dortige Situation. Man wollte ihn übernehmen. Für 20 Stunden in der Woche und eine Bezahlung von 7,50 Euro pro Stunde. Früh- und Spätschicht im Wechsel. „Davon konnte man gerade so leben", sagt er. Unter hohen Zeitdruck Eigentlich ist es richtig idyllisch auf der kleinen Terrasse. Der Altenpfleger wohnt in einer ruhigen Straße. Eigentlich ist er ein positiver Mensch, lacht viel und hat eine lockere Art. „Es ist ja auch nicht so, dass sich in der Pflege gar nichts getan hat. Mittlerweile zahlt man da auch bis zu 13 Euro", sagt er aufrichtig. Die Arbeitsbedingungen in vielen Einrichtungen und auch in der ambulanten Pflege seien aber oft chaotisch und von hohem Zeitdruck geprägt. Das gehe alles auf Kosten der Patienten. Ein Arbeitstag sieht bei ihm so aus, dass er in die Zentrale des Pflegedienstes fährt und sich dort das Übergabebuch von der Vorschicht anschaut. Dass zwei Pfleger zusammen die Patienten abfahren sei fast nie möglich. 16 bis 18 Kunden stehen für eine normale Acht-Stunden-Schicht auf dem Plan. Teilweise gehe es da nur um das Wechseln von Kompressionsstrümpfen, teilweise benötigen die Menschen aber auch eine intensivere Betreuung und Pflege. Rechne man sich die maximale Aufenthaltszeit bei 16 Patienten an einem Arbeitstag aus, dann komme man schnell darauf, dass das nicht ausreicht. Mein Gesprächspartner verschwindet kurz in seiner Wohnung, um danach mit einem Ordner voller Unterlagen wieder hinaus zu kommen. Schon fast 250 Überstunden hat er angesammelt, seitdem er die Ausbildung beendet hat. Ein Patient, viele Meinungen Beim Kunden angekommen würden viele Probleme hinzukommen. Da Pfleger alleine unterwegs sind, müssen Angehörige beim Tragen und Umlagern helfen. Alleine sei das nicht immer möglich. Medikamente müssten auf Anordnung eines Arztes verabreicht werden, obwohl ein Angestellter dazu gar nicht berechtigt sei. „Unwissenheit" von zuständigen Angehörigen sei ein weiterer Faktor. „Ein Patient wird von mehreren Personen behandelt. Da gibt es das Krankenhaus, den Hausarzt, den Physiotherapeuten, die ambulanten Betreuer, den Zahnarzt, den Augenarzt und so weiter." Da gäbe es gegensätzliche Ratschläge und Medikamente, die nicht zusammenpassen. „Es macht einen stolz, wenn man die Ergebnisse seiner Arbeit sieht" Ob er anderen zu einer Ausbildung in der Altenpflege raten würde? „Ehrlich gesagt, nein. Auf der anderen Seite würde ich mich über mehr Kollegen freuen", sagt er zwiegespalten. Trotz aller Probleme sei es ein „schöner Job". Das läge nicht am Arbeitgeber oder an den Bedingungen, sondern alleine an den Kunden, die ihren Betreuern viel zurückgeben würden. „Es macht einen stolz, wenn man die Ergebnisse seiner Arbeit sieht." Einem Bettlägerigen habe er nach längerer Zeit zum Beispiel wieder das Laufen beigebracht. „Das ist richtig klasse." Die Altenpflege habe insgesamt einen schlechten Ruf, der ihr nicht gerecht werden würde. „Urinkellner, Arschabputzer. Wie viele gute Pfleger es gibt, weiß man gar nicht", sagt der Mann. Aus diesem Grund müssten Missstände innerhalb der Pflege gezeigt werden und angehenden Pflegern eine vernünftige, anerkannte und lohnenswerte Ausbildung ermöglicht werden.

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