Den Schläger im Visier: Charlotte Schwagmeier und Trainer Marc-René Walter posieren fürs Foto mit Charlottes liebstem Sportgerät – einem Tennisschläger. Das sie nur minimale Sehkraft hat, ist der 16-Jährigen kaum anzumerken. - © Nicole Sielermann
Den Schläger im Visier: Charlotte Schwagmeier und Trainer Marc-René Walter posieren fürs Foto mit Charlottes liebstem Sportgerät – einem Tennisschläger. Das sie nur minimale Sehkraft hat, ist der 16-Jährigen kaum anzumerken. | © Nicole Sielermann

Löhne Erfolgreich im Tennis - mit neun Prozent Sehkraft

Inklusion: Charlotte Schwagmeier (16) ist seit Jahren erfolgreich im Sport. Nun möchte der Löhner Tennisclub OWL-Stützpunkt für Blinden- und Sehbehindertentennis werden

Nicole Sielermann

Löhne. Souverän. Das beschreibt Charlotte Schwagmeier wohl am besten. Kurzerhand nimmt sie Mutter Linda das Handy aus der Hand, und hat flugs die Mailadresse des Vereins ausfindig gemacht. Dass Charlotte von Geburt an nur fünf bis zehn Prozent Sehkraft hat, merkt ihr niemand an. Auch auf dem Tennisplatz nicht. Seit zwölf Jahren drischt die 16-Jährige auf den kleinen gelben Ball ein – und hat doch noch nie gegen „Ihresgleichen" gespielt. Die typischen Behindertensportarten Schwimmen und Leichtathletik hat Charlotte – oder Lotti wie sie von allen genannt wird – durch. „Das war nichts", winkt sie ab. Doch beim Tennis, da ist sie hängen geblieben. Sehbehindert und Tennis? Geht das denn? „Ja", sagt Charlotte selbstbewusst. „Ich spiele nach Gehör und weiß auch, wie der Ball bei bestimmten Spielzügen zu mir zurückkommt." Durch die große Schwester ist die 16-Jährige als Kleinkind zum Tennis gekommen – und geblieben. „Tennis ist wie Schachspielen", sagt Trainer Marc-René Walter, der seit zwölf Jahren an Charlottes Seite ist und sich ins Blindentennis eingefuchst hat. „Wenn ich einen bestimmten Schlag ausführe ist relativ klar, wie der Ball zurückgespielt wird." Und genau diese Technik hat Walter all die Jahre mit Charlotte perfektioniert. „Wir haben immer versucht, die Unterschiede zu den Sehenden zu negieren", sagt der Trainer. Trotzdem hat er relativ früh begonnen, einige Sachen intensiver mit Charlotte zu trainieren. „Zum Beispiel das Gleichgewicht, die Orientierung und Spielzüge." Denn Charlotte spielt auf einem ganz normalen Tennisplatz, mit einem ganz normalen gelben Tennisball. Der klingelt nicht und es gibt auch keine Signale an den Linien. „Sie läuft normal durch bei uns im Verein", sagt Walter, der im TC Löhne trainiert. „Man sieht Charlotte ihre Behinderung auf den ersten Blick nicht an – und das ist das Entscheidende." Einer habe ein kaputtes Knie, der andere eine kaputte Schulter und Charlotte halt kaputte Augen. Und genau diese Normalität ist es, die ihr am Tennisclub gefällt. Sie ist kein Exot, sondern einfach nur Tennisspielerin und Jugendtrainerin. „Nach der Schule kann ich mir einfach den Kopf frei schlagen" Für Charlotte ist Tennis der ideale Sport. „Nach der Schule kann ich mir einfach den Kopf frei schlagen", sei ihr Motto, erzählt Mutter Linda Schwagmeier lachend. Tennis, ein Sport, bei dem sich Blinde und Sehbehinderte auspowern können: „Und zwar ohne Angst irgendwo gegen zu laufen – es gibt ja nichts auf dem Platz. Nur das Netz", ergänzt Trainer Walter. „Charlotte kann richtig schwitzen, die hat Schnappatmung beim Training", sagt er lachend. Und wann hätten Blindensportler das schon. „Sie spielen sonst Fußball – das ist brutal –, Golf oder gehen Kegeln." Charlotte kann sich beim Tennis im Raum orientieren, es passiere nichts. „Ich kann draufhauen – Hauptsache der Ball ist schnell", sagt sie selbst schelmisch lächelnd und schaut ihre Mutter an: „Liegt wohl in der Familie", mutmaßt sie. Mutter Linda Schwagmeier hat ihre Tochter immer unterstützt. Sei es beim Besuch des Löhner Gymnasiums oder bei ihrem Hobby. „Ich habe lange das Internet durchsucht, um etwas über Blindentennis in Deutschland zu finden", erzählt sie. Aber es gab nichts. Im Gegensatz zu Japan, wo Blindentennis 1984 erfunden wurde oder England, wo derzeit an die 500 Sehbehinderten trainieren. Und dann, vor zwei Monaten, ein Treffer bei der Suche im weltweiten Netz. „Da wurde der erste Workshop im Blinden- und Sehbehindertentennis angeboten", erzählt Linda Schwagmeier. In Köln. Ins Leben gerufen von einem Sportstudenten und der Gold-Kraemer-Stiftung. Während des Workshops entstand die Idee, im Löhner Tennisclub einen OWL-Stützpunkt im Blinden- und Sehbehindertentennis zu etablieren. „Die gibt es derzeit nur in Berlin, Rostock und Köln", weiß Marc-René Walter. Unter dem Motto „Tennis für Alle" sollen in 2017 zwei bis drei Events im Löhner TC angeboten werden. „Wir wollen schauen, wie viele Interessenten aus der Region es gibt", sagt Walter, der danach langfristig ein regelmäßiges Training anbieten will. Immerhin hat er zwölf Jahre Erfahrung auf dem Gebiet. Für Charlotte würde eine solche Trainingsgruppe eine neue Herausforderung bieten: Sie hat noch nie gegen andere Sehbehinderte gespielt. „Dann kann sie mal sehen, wo sie Tennismäßig steht", hofft Mutter Linda Schwagmeier.

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