Beim Ausräumen: Der neue Eigentümer Temel Bulut vor der ehemaligen "Botschaft" der rechtsextremen Germaniten. Für den hinterlassenen Müll hat Bulut elf Mulden und einen Rollcontainer bestellt. - © Ulf Hanke
Beim Ausräumen: Der neue Eigentümer Temel Bulut vor der ehemaligen "Botschaft" der rechtsextremen Germaniten. Für den hinterlassenen Müll hat Bulut elf Mulden und einen Rollcontainer bestellt. | © Ulf Hanke

Löhne Germanitien: Neuer Besitzer räumt rechtsextreme Botschaft aus

Der Löhner Geschäftsmann Temel Bulut räumt die Hinterlassenschaften der Reichsbürgerideologen weg

Ulf Hanke
10.12.2015 | Stand 10.12.2015, 12:12 Uhr |

Löhne. Bergeweise Bauschutt im Treppenhaus, die Hintertür verrammelt und verschweißt, die ganze Hütte ist vollgestopft mit brauner Propaganda: Die Aktivisten der rechtsextremen Justizopferhilfe hatten offenbar Verfolgungsangst und Sammelwut. Der neue Eigentümer räumt jetzt auf, wo bis Oktober die "Botschaft Germanitien" saß. Elf Mulden und ein Rollcontainer stehen bereit, den Fantasiestaat zu entsorgen. Macht rund 140 Kubikmeter Müll. Ende September hat der Löhner Geschäftsmann Temel Bulut mit zwei Geschäftspartnern die Immobilie im Zentrum der Stadt für 161.000 Euro ersteigert. Überraschend schnell und entgegen ihrer Ankündigungen räumten die Germaniten das ehemalige Autohaus in der Innenstadt. Aus dem Schandfleck soll nun eine kleine Flaniermeile werden. Einen Umzug seines eigenen Autohauses Mahnerfeld plant Bulut vorerst nicht. Seine Schwester, die Architektin Leyla Bulut, hat den Plan zum Neuanfang entworfen. Vier Einzelhandelsgeschäfte sollen künftig an der breiten Schaufensterfront zur Lübbecker Straße Platz finden. Die Pizzeria zieht im neuen Jahr an einen anderen Standort, die Autowerkstatt und das Fitness-Studio bleiben hinten im Gebäude.Schutt und Propaganda Zu den Hinterlassenschaften der Rechtsextremisten gehören neben Bergen von Schutt, Tand und Möbeln auch jede Menge Propagandamaterial sowie die Bücherei der Justizopferhilfe mit stramm rechtem Einschlag. Die braune Lektüre lagert jetzt in einer Altpapiermulde. Ganz oben, neben Pappkartons und mit Stockflecken übersäten Lexika liegt eine vergilbte Broschüre über das Bauwesen im Nationalsozialismus. Auf Seite zwei ist ein Foto von Adolf Hitler zu sehen, wie er Fritz Todt, einem der Baumeister des "Dritten Reiches" die Hand schüttelt. Jetzt liegen beide auf der Müllhalde der Geschichte. Drinnen ist der Altarraum der Rechtsextremisten noch gut erhalten. Jemand hat in mühevoller Kleinstarbeit christliche Motive an die Wände gepinselt, schließlich hielten sich die Germaniten eine Untergruppe namens "Aktive Christen". Direkt neben dem Altar findet sich aber nicht etwa eine friedliche Weihnachtsbotschaft, sondern 1.000 unverbrauchte Flugblätter mit der Frage: "Bereit für den Krieg gegen Russland?" Sie stammen offenbar aus der Feder des Bünders Frithjof Kerger, der mit Gräuelfotos von der Krim für Frieden und Freundschaft mit Russland wirbt.Altar wird abgerissen Der Altar wird abgerissen, die Wände demnächst geweißelt. "Darunter liegt ein Eingang zum Lager", erklärt Bulut. Er weiß das, weil er als Lehrling hier gearbeitet hat, als das Gebäude noch ein Autohaus war. Die eigentlichen Botschaftsräume der Reichsbürgerideologen sind weitgehend unaufgeräumt. Die Möbel stehen so, als hätten die Germaniten fluchtartig das Weite gesucht. Nebenan, in den Räumen der ehemaligen Maschinenvermietung Wachsmuth, riecht es nach Fäkalien. Hier haben noch im Oktober zwei Menschen und ein Hund gewohnt. Ihre sanitäre Einrichtung war spartanisch und bestand offenbar nur aus zwei Kloschüsseln. Gemeldet waren an der Lübbecker Straße 35-39 offenbar viel mehr Menschen, als hier wirklich gewohnt haben. Temel Bulut geht davon aus, dass etwa 15 Menschen eine Briefkastenadresse hatten. Seit der Versteigerung hätten sich immer wieder mal Leute bei ihm gemeldet, die ihr Hab und Gut aus der von den Rechtsextremen betriebenen Pfandleihe zurück haben wollten. Bulut hat die Besitzer stets eingeladen, vorbeizuschauen.Scheinadressen gefunden Die Hinterlassenschaften werfen Fragen auf: Wozu brauchen Reichsbürger Scheinadressen? Für Sozialbetrug? Das Jobcenter Herford schließt das auf Nachfrage aus. Um Gerichtsvollzieher hinters Licht zu führen? Temel Bulut will sich mit diesen Fragen nicht beschäftigen. "Wir machen einen sauberen Schnitt", sagt der Geschäftsmann. Im Frühjahr soll die Fassade des Gebäudes runderneuert werden. 150.000 Euro investieren er und seine Geschäftspartner. Dann soll das Gebäude in neuen Licht erstrahlen. Wirtschaftsförderer Ulrich Niemeyer von der Stadt Löhne begrüßt die Entwicklungen an der Lübbecker Straße. "Einzelhandel ist hier grundsätzlich möglich", sagte Niemeyer. Allerdings sei es nicht einfach, Händler für die Innenstadt zu begeistern. Niemeyer: "Wenn die neuen Eigentümern darauf Wert legen, werden wir ihnen jede Unterstützung gewähren."

realisiert durch evolver group