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Wais lebt in Löhne bei seiner Pflegefamilie Bröenhorst. Jetzt besucht er nach über drei Jahren wieder seine Familie in Afghanistan.
Wais lebt in Löhne bei seiner Pflegefamilie Bröenhorst. Jetzt besucht er nach über drei Jahren wieder seine Familie in Afghanistan.

Löhne Wais besucht seine Heimat Afghanistan

Pflegesohn von Familie Bröenhorst, erzählt, wie er seinen Bruder Muzamel (2) zum ersten Mal in Kabul sieht

VON ULF HANKE
06.08.2014 | Stand 06.08.2014, 16:46 Uhr

Löhne/Kabul. Der Anruf kommt kurz vor Redaktionsschluss. Während die Deutschen an Feierabend denken, geht über den Dächern von Kabul bereits die Sonne unter. Die afghanische Hauptstadt ist Löhne 2,5 Stunden voraus. Im Hintergrund klappert irgendwer mit irgendwas, Essen wird vorbereitet, viele Stimmen reden durcheinander, doch eine Stimme am Telefon ist klar und deutlich: "Hallo, hier ist Wais." Der 18-jährige Pflegesohn der Löhner Familie Bröenhorst meldet sich aus Kabul.

Es geht ihm gut. Sehr sogar. Nach drei Jahren und drei Monaten bei seiner deutschen Pflegefamilie ist Wais zurück bei seinen Eltern und Geschwistern. Zum ersten Mal hat Wais, der in Deutschland wegen eines Herzfehlers mehrfach operiert wurde, seinen jüngsten Bruder Muzamel getroffen. Seitdem weicht der Kleine nicht mehr von seiner Seite. Wais hat ihm zum zweiten Geburtstag eine Torte geschenkt mit einem Engel und einer brennenden Kerze.

Muzamel (Mitte) strahlt über Wais' Geburtstagsgeschenk.
Muzamel (Mitte) strahlt über Wais' Geburtstagsgeschenk.

So eine Torte ist auch in der Großstadt Kabul eine Attraktion. Auf den Fotos, die Wais mit seinem Smartphone geschossen und mit Whatsapp, ein Dienst, mit dem sich Nachrichten verschicken lassen, zu seinen Pflegeeltern nach Löhne gesendet hat, strahlt Muzamel jedenfalls bis über beide Ohren.

"Jeden Tag kommen Leute zu Besuch"

Wais macht es Freude, anderen eine Freude zu machen. Fast fünf Wochen ist er in Afghanistan und jeden Abend hat er Besuch. Während des Zuckerfests, dem höchsten islamischen Feiertag am Ende der Fastenzeit, ist der Trubel nicht mehr zu toppen. "Jeden Tag kommen etwa 30 bis 40 Leute zu Besuch", erzählt Wais.

Wais mit seinem Bruder Muzamel. Der zweijährige hat seinen großen Bruder jetzt zum ersten Mal gesehen.
Wais mit seinem Bruder Muzamel. Der zweijährige hat seinen großen Bruder jetzt zum ersten Mal gesehen.

Wenn er im Löhner Stadtteil Obernbeck aus seinem Zimmerfenster geschaut hat, sah er in einen grünen Garten. In Kabul teilt er sich den Schlafraum mit seinen Brüdern. Hinter den Fensterscheiben sind eine Einkaufsstraße und hohe Häuser. "Es wird frühmorgens schon ziemlich laut", sagt Wais. Der Muezzin ruft vor Sonnenaufgang zum Gebet. Wais ist dann aber noch zu erschöpft von den vielen Gesprächen mit Freunden, Verwandten und Bekannten am Abend und darf ein bisschen länger liegen bleiben. "Ich stehe erst um 9 Uhr auf", erzählt er.

Zur Feier seiner Heimkehr hat Wais eine Kuh gekauft, schlachten lassen und das Fleisch an die Leute aus den Armenvierteln verteilt. Das war ihm ein Herzenswunsch. Er wollte ein bisschen von dem Glück zurückgeben, das ihm widerfahren ist.

Niemals im Dunkeln stehen bleiben

In den vergangenen fünf Wochen hat Wais aber auch sein Glück gesucht. Er ist mit seinem Freund Furkan, der ihn in Kabul besucht, nach Masar-i-Scharif gefahren. Das war auch für afghanische Verhältnisse eine Abenteuerreise. Wais erzählt allerdings davon, als wäre das eine Spritztour ins Wiehengebirge gewesen. Erst nach und nach rückt er damit heraus, dass er mit sieben Onkels und einem bewaffneten Bodyguard in einem Pick-up über holprige Landstraßen 13 Stunden an den Hindukusch gefahren ist.

Während der Tour platzte ein Reifen, aber weil es schon dunkel wurde, ist sein Onkel immer weiter gefahren, denn wer im Dunkeln stehen bleibt, wird zum Ziel für Überfälle. Also ist die Gruppe mit kaputtem Vorderreifen bis in die nächste Stadt gefahren, wo sie für 500 Dollar neue Räder kauften.

Wais erzählt die Geschichte lieber vom Ende her: "Wir sind sicher angekommen." Ganz nebenbei hat der 18-Jährige übrigens seinen Führerschein gemacht und danach erste Fahrpraxis gesammelt. "In Deutschland wird der Führerschein aber nicht anerkannt", sagt Wais. Er hat sich schon schlau gemacht.

WLAN-Party in Kabul

Nächste Woche wird Wais wieder bei seinen Pflegeeltern in Löhne sein. Seinen Hauptschulabschluss hat er in der Tasche, jetzt möchte er wieder die Schulbank drücken. Am Anna-Siemsen-Berufskolleg in Herford will er in den nächsten zwei Jahren fleißig lernen und sich auf einen Beruf im Gesundheitswesen vorbereiten. Seine Aufenthaltsgenehmigung ist vor wenigen Wochen bis ins Jahr 2015 verlängert worden.

Doch daran denkt Wais im Augenblick nicht. Die Besucherstimmen im Hintergrund werden immer lauter. Ruft Mutter zum Essen?

"Nein", sagt Wais. "Ich treffe mich mit ein paar Freunden." Acht Leute seien inzwischen im Zimmer versammelt, jeder hat einen Laptop mitgebracht. "Wir wollen gleich ein bisschen zocken am Computer", sagt Wais.

Was man so spielt in Kabul, bei einer WLAN-Party? "Meistens Autorennen", sagt Wais und lässt einen ziemlich verblüfften Reporter in Deutschland zurück.

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