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Friedhelm Schäffer (r.), Autor des Buches und Oliver Nickel Geschäftsführer der Dokumentationsstätte Stalag 326. - © Foto: Dirk Windmöller
Friedhelm Schäffer (r.), Autor des Buches und Oliver Nickel Geschäftsführer der Dokumentationsstätte Stalag 326. | © Foto: Dirk Windmöller

Löhne Bewegendes Schicksal eines Zwangsarbeiters

Historiker veröffentlichen Buch über das Leben von Ferdinand Matuszek

VON DIRK WINDMÖLLER
30.07.2014 | Stand 30.07.2014, 19:20 Uhr

Ferdinand Matuszek vor dem Grabstein von Petr Ponomorow auf dem Ehrenfriedhof für sowjetische Kriegsgefangene.
Ferdinand Matuszek vor dem Grabstein von Petr Ponomorow auf dem Ehrenfriedhof für sowjetische Kriegsgefangene.

Löhne/Stukenbrock. Ferdinand Matuszek steht neben dem Grabstein eines Mannes. 1945 hat Matuszek diesem Mann, einem sowjetischen Kriegsgefangenen, eine Kartoffel durch einen Zaun gereicht. Daraufhin wurde der Mann erschossen. Über die Lebensgeschichte des Zwangsarbeiters Ferdinand Matuszek hat Friedhelm Schäffer mit Unterstützung von Oliver Nickel ein Buch geschrieben. Das Manuskript hat Matuszek noch gelesen. Das fertige Buch wird er nicht mehr in Händen halten können. Er ist am 11. Juli im Alter von 88 Jahren gestorben.

Die Lebensgeschichte von Ferdinand Matuszek steht exemplarisch für viele Schicksale des 20. Jahrhunderts. Als 16-Jähriger war er aus Galizien verschleppt worden und arbeitete auf dem Bauernhof der Familie Körtner in Rehme als Zwangsarbeiter. "Bei Körtner habe ich alle Arbeiten gemacht, die in der Landwirtschaft so anfallen. Das war harte Arbeit, aber die Leute waren korrekt zu mir. Ich gehörte mit zur Familie", schilderte Matuszek im Jahr 2005 seine Erinnerungen gegenüber der NW.

Viel schlechter ging es den sowjetischen Kriegsgefangenen, die in der Weserhütte, die damals ein Rüstungsbetrieb war, Zwangsarbeit machen mussten. Einer dieser Gefangenen war Petr Ponomorow. Ihm reichte Matuszek am 14. Dezember 1944 eine Kartoffel, die er auf einem Acker gefunden hatte. Beobachtet wurde das vom Wächter Erhard Burgdorf. Er schoss auf Ponomorow. Der junge Mann starb kurze Zeit später. Matuszek war Zeuge dieses Verbrechens. Dieses Erlebnis hat ihn ein Leben lang beschäftigt.

Friedhelm Schäffer kannte Ferdinand Matuszek schon seit vielen Jahren. Der Historiker und Geschichtslehrer hatte schon seit Jahren vor, über das Leben von Matuszek ein Buch zu schreiben. Darin sollte es nicht nur um den tragischen Vorfall vom Dezember 1944 gehen. Die ganze Lebensgeschichte sollte aufgeschrieben werden. Matuszek war 1942 aus Galizien (heute Ukraine) verschleppt worden. "Zwischen Juni und November 2012 haben ich mit Ferdinand Matuszek acht Erinnerungsinterviews geführt", sagt Schäffer.

Und dann fing für ihn die eigentliche Arbeit erst an. Unterstützt vom Historiker Oliver Nickel, Geschäftsführer der Dokumentationsstätte Stalag 326 in Stukenbrock, machte er sich an den Faktencheck.

Jede Angabe von Matuszek wurde überprüft. Da, wo es nötig war, wurde in Archiven weiter recherchiert. "Alle seine Angaben stimmen. Es ist unglaublich, wie gut sein Gedächtnis war", sagt Schäffer. So gelang es Schäffer, den Namen des Opfers Petr Ponomorow zu ermitteln. Der Name des Täters war hingegen schon lange bekannt, nicht aber, was konkret mit ihm geschah. Auch hier hatten Schäffer und Nickel Erfolg. Geschossen hatte der Eidinghausener Erhard Burgdorf, der im Werksschutz der Hütte arbeitete. "Er musste sich mit 18 anderen Angeklagten im sogenannten Weserhüttenprozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Burgdorf wurde 1946 zu lebenslanger Haft verurteilt", sagt Schäffer. Später sei die Strafe auf 20 Jahre reduziert worden. "Davon hat er vermutlich acht Jahre abgesessen. Dann verliert sich seine Spur." Eine der zentralen Anlaufstellen, wenn es um das Schicksal russischer Kriegsgefangener geht, ist das Archiv der Dokumentationsstätte in Stukenbrock. "Wir haben die Daten von 11.000 Kriegsgefangenen aufgearbeitet", sagt Oliver Nickel. Einer von ihnen war Petr Ponomorow. "Aus seiner Stammakte geht nicht viel hervor. Wir wissen nur, dass er 24 Jahre alt wurde", sagt Schäffer. Angehörige von Ponomorow haben sich bisher nicht gemeldet. "Wir bekommen jedoch häufig Anfragen in anderen Fällen", sagt Nickel. Insgesamt liegen nach ihrer vorsichtigen Schätzungen die Gebeine von 65.000 Kriegsgefangenen auf dem Ehrenfriedhof, der ganz in der Nähe der Gedenkstätte liegt.

Auch Petr Ponomorow ist dort bestattet. Er hat, wie alle anderen, deren Gebeine namentlich zuzuordnen sind, einen Grabstein. Dort hat Ferdinand Matuszek vor wenigen Wochen gestanden. Für ihn hat sich ein Kreis geschlossen. "Es ist sehr schade, dass er die Buchveröffentlichung nicht mehr erleben wird. Das Projekt war ihm sehr wichtig. Aber er hat das Manuskript gelesen, es hat ihm gefallen", sagt Schäffer. Kurz vor seinem Tod habe er mit Blick auf das Buch gesagt: "Die Jungs machen das schon, das ist in guten Händen."

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