Die Bahn fuhr unter der B239-Brücke hindurch und dann durch den Füllenbruch nach Oetinghausen. - © Privat
Die Bahn fuhr unter der B239-Brücke hindurch und dann durch den Füllenbruch nach Oetinghausen. | © Privat

Hiddenhausen Als die Kleinbahn noch durch Hiddenhausen fuhr

Im Kleinbahnhof erfreuten sich die Fahrgäste frischgezapftem Bier. Teile eines großen Fotoarchivs sind seit Jahren verschollen.

Alexander Jenniches
11.07.2019 | Stand 11.07.2019, 17:00 Uhr

Oetinghausen. Mathias Polster ist der bekannteste Stadtführer von Herford. Zuweilen jedoch verlässt er sein angestammtes Revier und schaut sich die Umgebung an, zumal wenn es sich mit Herforder Themen verbindet lässt. Die Kleinbahn ist so ein Thema, für das sich Polster interessiert. Sie fuhr zwischen 1900 und 1966 nämlich auch durch Oetinghausen und Sundern. Ein kleiner Spaziergang entlang der alten Trasse, die von Herford durch Hiddenhausen bis nach Wallenbrück führt, ist ganz nach Polsters Geschmack: "Hier, wo jetzt dieser große Häuserblock steht, war einst der Kleinbahnhof Oetinghausen. Deswegen heißt die Straße auch Am Kleinbahnhof. Die Trasse führte hinter dem Haus auf geradem Weg Richtung Oetinghauser Heide." Die Straße Am Kleinbahnhof geht von der Eilshauser Straße ab, weniger als einhundert Meter vom Kreisel entfernt, an dem Eilshauser Straße und Untere Talstraße aufeinandertreffen. Oetinghausen hat innerhalb der heutigen Großgemeinde Hiddenhausen eine besondere Stellung. Denn nur in diesem der heutigen sechs Ortsteile gab es Bahnhöfe: Einer lag in Nähe der Eilshauser Straße und der zweite in der Oetinghauser Heide, dort, wo die einstige Gaststätte "Westfälischer Hof” stand. Die Bahnhöfe waren auch Gaststätten Die beiden Bahnhöfe waren unterdessen nicht nur Warte- und Umsteigeplatz. Mancher Passagier verband dort auch das Nützliche mit dem Angenehmen und verkürzte sich die Wartezeit mit dem einen oder anderen Schlückchen Bier oder Korn. Denn die Bahnhöfe waren im Besitz von Privatpersonen, die mit der Kleinbahngesellschaft einen Vertrag geschlossen hatten und in den Gebäuden gleichzeitig Gaststätten betrieben. Sie stellten der Bahn ihre Räume als Wartesaal zur Verfügung, verkauften Fahrkarten und erledigten für die Kleinbahngesellschaft den Frachtverkehr. Denn die Bahn beförderte nicht nur Menschen, sondern auch Waren. Und das Geschäft lief gut. In den ersten Jahrzehnten verkehrten täglich über 60 Menschen auf dem Bahnhof Oetinghauser Heide. Die Sommersaison bescherte der Bahn noch höhere Fahrgastzahlen als die übrigen Jahreszeiten, da viele Ausflügler sich gerne des modernen Transportmittels auf Gleisen bedienten, um ein paar unbeschwerte Stunden außerhalb des eigenen Dorfs zu verbringen. Nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal viele Fahrgäste Noch größere Bedeutung hatte der Güterverkehr. Neben anderen bekam zum Beispiel die Margarinefabrik Meyer-Lippinghausen im Jahr 1906 ein Nebengleis, damit der weiche Brotaufstrich schneller und in größeren Mengen ins Land gelangte. Der Wiederaufbau Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg bescherte der Kleinbahn noch einmal rund 15 starke Jahre. Die Menschen fuhren mit der Bahn in die großen Betriebe nach Herford zur Arbeit. Insgesamt befördertet die Kleinbahn allein im Jahr 1947 rund 4,5 Millionen Fahrgäste. Wenige Jahre später schon begann das Siechtum. Mehr und mehr nahmen Busse und auch Autos der Bahn die Fahrgäste weg, der Individualverkehr hatte Einzug gehalten und das Ende der Bahn eingeläutet. Mathias Polster: "Der EMR, der die Kleinbahn betrieb, wollte seinen neuen Buslinien keine Konkurrenz machen und verlor das Interesse an der Bahn." Busse bedienten zudem Neubausiedlungen abseits des Gleisnetzes, die von der Bahnlinie weit entfernt waren. Am 24. April 1966 – ein Sonntag – brach die Herforder Kleinbahn zu ihrer letzten Fahrt auf. Sie führte von Herford durch Oetinghausen und Enger nach Spenge. Die anderen Strecken nach Bad Salzuflen und Vlotho waren bereits vorher stillgelegt worden. Wo ist das EMR-Fotoarchiv geblieben? Was ist in Hiddenhausen geblieben von der Bahn, die sich nicht nur Nostalgiker bisweilen zurückwünschen, sondern möglicherweise auch Umweltfreunde, da die Bahn ja mit Oberleitungsstrom fuhr? Viele Erinnerung und Fotos, von denen jedoch eine Menge verschollen sind. Mathias Polster: "Irgendwann hat sich mal jemand einen großen Teil des EMR-Archiv ausgeliehen und nicht zurückgebracht. Seitdem sind die Bilder verschwunden. Wirklich sehr schade, denn die Kleinbahn hat viele Fans, und es gibt noch immer eine Menge Interesse an ihrer Geschichte." Geblieben ist auch die Trasse, auf der die Bahn einst fuhr. Sie führt geradewegs durch das Naturschutzgebiet Hiddenhauser Füllenbruch und wird gerne von Wanderern, Radfahrer und Joggern genutzt. Am Eingang zur Straße Am Kleinbahnhof in Oetinghausen steht ein Schild, das an die Kleinbahn erinnert. Der dortige Bahnhof wurde im Jahr 1978 abgerissen.

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