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Hiddenhausen Ehrenamtliche putzen von Hand 1.172 Orgelpfeifen

Reinigung, Reparatur und ein neues Register kosten etwa 30.000 Euro

Kristine Greßhöner
17.07.2016 | Stand 16.07.2016, 09:03 Uhr
Die Ehrenamtlichen und ihr Werk: Rund 15 Helfern (einige fehlen auf diesem Foto) und auch Geldspendern ist es zu verdanken, dass die Orgel wieder sauber ist und tadellos funktioniert. - © Kristine Greßhöner
Die Ehrenamtlichen und ihr Werk: Rund 15 Helfern (einige fehlen auf diesem Foto) und auch Geldspendern ist es zu verdanken, dass die Orgel wieder sauber ist und tadellos funktioniert. | © Kristine Greßhöner

Eilshausen. Einen Orgelbauer kann so schnell nichts erschüttern. "Jede zweite Orgel schimmelt heutzutage", sagt Mathias Johannmeier aus Stemwede-Levern mit ruhiger Stimme. Johannmeier muss es wissen, er ist der Fachmann, der tief ins Innere der Instrumente abtaucht, jeden Griff, jede der mehr als 1.000 Pfeifen und jedes Löchlein kennt. Er empfiehlt: mehr Luft.

Um die Eilshauser Kirchenorgel stand es - bis jetzt - nicht zum Besten. Der Haller Orgelsachverständige Martin Rieker, der von Pfarrerin Renata Pense angefordert worden war, soll gemahnt haben, dass zeitnah und dringend etwas geschehen müsse mit dem Instrument, dessen Pfeifen matt aussahen und recht verstopft klangen. Auch Organist Andreas Lechtermann hatte die nachlassende Qualität längst bemerkt.

Um die Kosten zu reduzieren, entschied sich die Gemeinde, selbst mit Hand anzulegen. Doch nicht jeder Orgelbauer arbeite gern mit Laien zusammen, erfuhr Pense. So fiel die Wahl auf Mathias Johannmeier, der bereit war, seine rund 15 Helfer zu dirigieren.

Wasser lief ins Instrument

Ton: Bei Zungenregistern schwingt der bewegliche Teil wie ein Lineal auf einer Tischkante. - © Kristine Greßhöner
Ton: Bei Zungenregistern schwingt der bewegliche Teil wie ein Lineal auf einer Tischkante. | © Kristine Greßhöner

Arnold Szodruch und die anderen Ehren-amtlichen, die meisten Mitglieder des Bezirks-ausschusses, des Männer-kreises und des Posaunen-chors, kamen nun in den Genuss, 1.172 Orgelpfeifen auszubauen, vor das Gebäude zu tragen und dort im Hof mit Neutralreiniger und warmem Wasser auszubürsten.

Am 27. Juni begannen die Arbeiten. Der Zahn der Zeit hatte an dem Instrument genagt, in seinem 19. Jahr. Außergewöhnlich sei das allerdings nicht, sagt Johannmeier, "alle 15 bis 20 Jahre" müsse eine Orgel aufbereitet werden. Doch es kam noch etwas schlimmer.

Wegen eines Sturmschadens war Wasser durchs Dach gelaufen und hatte sich seinen Weg quer durch das Instrument gesucht, vorbei an den 2,5 Meter hohen Metall- und Holzpfeifen, vorbei an den Kleinsten mit ihren 18 Zentimetern.

Feinabstimmung im August

Blick ins Innere: Orgelbauer Mathias Johannmeier zeigt, wo die Flöten im Holz stecken. Dieser Bereich nahe der Kirchendecke ist übrigens nur über eine Leiter zu erreichen. - © Kristine Greßhöner
Blick ins Innere: Orgelbauer Mathias Johannmeier zeigt, wo die Flöten im Holz stecken. Dieser Bereich nahe der Kirchendecke ist übrigens nur über eine Leiter zu erreichen. | © Kristine Greßhöner

In mehreren Dienstschichten gingen die Männer schrubbend ans Werk, während sich Johannmeier mit den Schäden im Inneren beschäftigte. Schweiß und Atemluft würden sich an der Orgel niederschlagen, ein Malheur mit umgestürzten Kerzen und dadurch Ruß in der Luft sei ebenfalls fatal gewesen und erst recht der Klimawandel, die feuchten Winter und die suboptimalen Lüftungsmöglichkeiten im Kirchenschiff würden auch den hochwertigsten Orgeln ordentlich zusetzen. Man müsse mehr lüften und bestenfalls mehr Tageslicht in die Orgel bekommen, rät Johannmeier für die Zukunft.

Die "weißen Stippsen" auf dem Holz, wie sie der Experte nennt, behandelte er mit einer 70-prozentigen Alkohollösung. Und einen speziellen Staubsauger habe er für derlei Fälle auch.

Ende Juli soll alles geschafft sein und jede Pfeife wieder an ihrem angestammten Platz sein. Die Feinabstimmung erledigt Johannmeier dann Anfang August.

Das Instrument wird außerdem erweitert

Mit rund 1.000 Euro Sanierungskosten müsse man im Durchschnitt kalkulieren, sagt der Orgelbauer, das sei branchenüblich - und zwar je Register. Etwa 30.000 Euro kostet die Maßnahme jetzt. Spenden, Benefizveranstaltungen und der Kirchenkreis hätten diese Summe zusammengebracht. Noch fehle ein kleiner Betrag, sagt Pense.

Die Eilshauser Gemeindemitglieder freuen sich doppelt. Einerseits sind Töne und Orgel wieder sauber. Andererseits verfügt das Instrument nun erstmals über 21 Register, 21 Reihen mit Pfeifen gleicher Klangfarben in unterschiedlichen Tonlagen.

Denn ein Pfeifenmacher aus Ludwigsburg baut jetzt ein neues Register namens "Oboe" ein. Dieses Geschenk gönnt sich die Gemeinde. Trotz der Kosten, trotz des Aufwands und trotz der düsteren Ausgangslage ist das ein Plus.

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