Herford Feuerkunst: Künstler Piers Watson führt in die Gusstechnik ein

Ausflug in die Bronzezeit

Ralf Bittner

Herford. Länger als gedacht hat es am Sonntagmorgen gedauert bis Ingrid Heußen vorsichtig mit einem Hammer den noch heißen Tonmantel öffnet, der den Rohling eines Bronze-Gussstücks umschließt. Gespannt schaut ihr Workshop-Leiter Piers Watson über die Schulter. Fünf Tage lang hat er die sechs Teilnehmer in eine archaische Technik des Bronzegusses eingeführt. Da der Prozess mit vielen Unwägbarkeiten behaftet ist, ist Watson ebenso gespannt wie Heußen auf das Ergebnis. „Es war genug Metall in der Form, es ist geschmolzen und in die Form gelaufen“, sagt er: „Das sieht gut aus.“ Es ist ein kleiner rundlicher Vogel, den Heußen aus dem Mantel befreit, und der noch von der im Einfüllkanal erstarrten Bronze befreit werden muss. Nur – es ist nicht ihr Vogel, sondern der von Liane Przybilla. „Die Formen in den Tonummantelungen sind kaum auseinanderzuhalten“, sagt sie und fotografiert erst einmal ihren Vogel, der noch von einem groben hitzebeständigen Handschuh gehalten wird. Das Erhitzen der Form im mehr als 1.000 Grad heißen Feuer, das ein etwa 70 Zentimeter tiefes Loch zu einem weißlodernden Höllenschlund macht, ist der Abschluss und Höhepunkt des vom Verein Kulturanker organisierten Workshops. Dozent Watson hat die Technik während zweier Indienaufenthalte gelernt und gibt sein Wissen dieser mehrere tausend Jahre alten Technik weltweit in Workshops weiter. „Im Gegensatz zu industriellen Gusstechniken kommt dieses Verfahren komplett ohne Chemie aus“, sagt er: „Ich kann den Workshop quasi aus dem Kofferraum meines Autos machen. Ton, Sand, Bienenwachs, Reisspelze (Hüllen von Reiskörnern), Holz und Kupfer und Zinn ist alles, was nötig ist.“ In seiner Wahlheimat Südfrankreich sucht er Sand und Ton selbst. Für die Workshops bringt er passende „Zutaten“ mit. Das erleichtere es, vorhersagbare Resultate zu bekommen. Vier Abende lang haben die Teilnehmer jeweils zwei Stunden lang alles für die Gießen am Sonntag vorbereitet. Aus Bienenwachs formten sie Objekte, Armreifen, Ringe oder eben einen Vogel. Darum kommen verschiedenen Schichten mit Ton, der mal mit Sand, mal mit Reisspelzen versetzt ist. Da die einzelnen Schichten jeweils etwa 24 Stunden trockenen müssen, zieht sich der Workshop über die fünf Tage hin.Gießen ist Erfahrungssache Die unterschiedlichen Materialien sorgen einerseits für Festigkeit und anderseits dafür, dass das Wachs in der Hitze nach außen verdampfen kann, damit der Hohlraum entsteht, in den die flüssige Bronze fließen kann. Bronze besteht aus Kupfer und Zinn, die im Feuer zu einer Legierung werden. Theoretisch sei es möglich Altmetall zu verwenden, sagt Watson, rät aber zu reinen Rohstoffen. Während die Teilnehmer die kindliche Freude am „Matschen“, wie Teilnehmer Claudio Vendramin das nennt, wiederentdecken, erzählt Watson, dass in Indien Dung statt Ton verwendet wird, was die Bronzegießer dort zu Angehörigen einer der niedersten Kasten macht, trotz ihres vergleichsweise guten Einkommens. Das Gießen ist Erfahrungssache, da helfe nur Ausprobieren und Gefühl. Gut eine Stunde lang facht ein Ventilator das Feuer an. Immer wieder nimmt er die Formen aus dem Feuer schüttelt sie kurz auf und ab, bedacht darauf, dass nicht Teile der Legierung zu früh in die Form laufen. „Ich kann spüren, wann sich das Kupfer verflüssigt hat und sich mit dem Zinn verbindet“, sagt er, kaum vorstellbar bei den dicken Handschuhen und den mehr als ein Meter langen Bügeln der Zange, die er benutzt, um die Formen aus den Flammen zu holen. Dann ist er zufrieden, dreht die Form auf den Kopf, damit das Metall in den Hohlraum fließen kann. Dann heißt es warten, Zeit für die Teilnehmer sich Notizen zu machen, Mischungsverhältnisse, Tricks und Tipps werden aufgeschrieben. Sie wollen über den Workshop hinaus weitermachen. Auch einen Aufbauworkshop mit Watson im November wollen sie in Eigenregie organisieren. Vorher hat der Nomade keine Zeit. Zunächst muss er nach Ghana, wo noch eine ähnliche Technik praktiziert wird. Dort wird der Lehrende dann zum Gleichen unter Gleichen, die Wissen und Können miteinander teilen.Künstler, Anthropologe, Nomade - Piers Watson, Jahrgang 1958, stammt aus dem US-Bundesstaat Montana. - 1992 erhielt er den BA im Fach Malerei vom Kansas City Art Institute. - 1998 folgte der Master im Fach „Design für interaktive Medien“ der Middlesex Universität, London. - Er lebt in Südfrankreich in der Nähe von Toulouse. - Dort wurde er in einer Ausstellung auf die alten Techniken des Bronzegießens aufmerksam. - 2008 und 2012 erlernte er während er zweier Indienaufenthalte die Technik von einer Familie traditioneller Metallgießer. - Seither vermittelt er die archaische Technik in Workshops und bildet sich fort. In Kürze wird er nach Ghana reisen wo eine ähnliche Technik des Bronzegusses praktiziert wird. - 2016 kommt Watson für einen erneuten Einführungsworkshop nach Herford. Stattfinden soll der Workshop vom 1. bis zum 5. Juni.

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