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Organist Wolfgang Sieber signalisiert, dem Techniker. dass er den Film starten kann. - © FOTO: RALF BITTNER
Organist Wolfgang Sieber signalisiert, dem Techniker. dass er den Film starten kann. | © FOTO: RALF BITTNER
Herford

Volldampf voraus

Wolfgang Sieber macht Buster Keatons "General" lebendig

VON RALF BITTNER
05.08.2013 | Stand 05.08.2013, 11:30 Uhr

Herford. Lyrisch-leise schmachtet die Orgel, wenn Johnny Gray (Buster Keaton) neben seiner Angebeteten (Marion Mack) Platz nimmt. Das Ambiente ist mondän, die Handlung spielt in den Südstaaten zu Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs. Ein mächtiges Grummeln aus den tiefsten Tiefen der gewaltigen Instruments, kündigt es an: Der Krieg hat die Idylle erreicht.

"Der General" heißt Keatons Stummfilm, dem der Luzerner Organist, Arrangeur und Komponist Wolfgang Sieber beim ersten Nachtkonzert des Orgelsommers in der Münsterkirche auf ganz eigene Art neues Leben einhauchte. Der Film erzählt die Geschichte Grays, der sich, um die Liebe Annebelles nicht zu verlieren, freiwillig an die Front meldet, aber abgelehnt wird, weil er als Lokomotivführer gebraucht wird.

Als seine Lokomotive von Agenten der verfeindeten Nordstaaten gestohlen wird, begibt er sich allein auf die Verfolgung an Bord einer anderen Lok. Diese Verfolgungsjagd macht den größten Teils des Films aus und führt ihn zunächst als Jäger hinter die feindlichen Linien und dann als Gejagter zurück zu den eigenen Reihen, die er vor einem Angriff der Nordstaaten warnen kann.

In der Schlacht bewährt er sich "aus Versehen" als Held und wird mit Uniform und dem Rang des Leutnants belohnt. In die Arme schließen kann er seine Geliebte trotzdem nur unter Problemen, denn Gray ist nun Soldat und muss dauernd irgendeinen Uniformträger grüßen.

Knapp 80 Minuten dauert der Film zu dem Sieber seinen ganz eigenen Soundtrack aus Adaptionen von Piano-Schemata, Variationen von Gershwins Rhapsody, eigenen Arrangements und Improvisationen präsentiert. Dabei nutzt er die ganze Bandbreite, die sein Instrument bietet, mal klingt die orgel wie eine Kirmesorgel, dann wie ein ratternder Filmprojektor, eine Hommage an die Zeit als das Surren der Projektoren noch zum Kinoerlebnis dazugehörte.

Auch die Musik in der Kirche entsteht anders, ist nicht auf den Beat genau produziert, sondern Sieber folgt der Handlung auf einem kleinen Monitor, setzt Akzente und improvisiert über die Längen hinweg, die sich durch das Einblenden der Texttafeln ergeben und vor allem findet er einen adäquaten Zugang zum Film, der vordergründig auch als Heldengeschichte durchgehen könnte, wenn Keaton nicht immer wieder diese Sicht durch seine Komik des zweitens Blick konterkarieren würde und Sieber diesen zweiten Blick musikalisch nicht noch noch verstärkte.

Auch die Struktur des Films - eine Reise hin und wieder zurück - nimmt Sieber auf, variiert Themen der ersten in der zweiten Hälfte. Dabei erweist sich die Orgel als Instrument, das durch komische, dramatische Szenen trägt und lautmalerische Akzente setzt.

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